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«Es geht darum, dem Schock Worte zu geben»

Notfallpsychologe Franz Holderegger erklärt, wie sein Team vorgeht, wenn Menschen sich das Leben nehmen wollen.

Lisa Aeschlimann
«Viele fragen sich, warum die Person das getan hat. Wir wissen es meistens auch nicht und wollen nicht spekulieren»: Notfallpsychologe Franz Holderegger. Foto: PD
«Viele fragen sich, warum die Person das getan hat. Wir wissen es meistens auch nicht und wollen nicht spekulieren»: Notfallpsychologe Franz Holderegger. Foto: PD

In Meilen wollte sich ein Schüler letzte Woche während des Unterrichts das Leben nehmen. Er hat trotz sofortigen Rettungsversuchen lebensbedrohliche Verletzungen erlitten. Sein Zustand ist kritisch.

Am Dienstagnachmittag informierte die Bildungsdirektion, nachdem der «Blick» den Fall publik gemacht hatte. Die Bildungsdirektion sei tief betroffen, heisst es im Schreiben. Der Fall hat auch an der Schule grosse Bestürzung ausgelöst: «Wir sind in Gedanken beim Schüler und seiner Familie», schreibt die Schulleitung in einem Brief an die Eltern. Die Schule hat umgehend ein Team der Notfallseelsorge aufgeboten. Franz Holderegger ist Notfallpsychologe und Geschäftsleiter der Stiftung Krisenintervention Schweiz. Er erklärt, was er in solchen Fällen tut.

Ihr Team kommt in akuten Krisensituationen zum Einsatz. Was ist dann am wichtigsten?

Wir kommen, wenn Polizei und Sanität bereits vor Ort sind. Zuerst briefen wir die Schulleitung, wie sie mit dem Fall umgehen soll. Wichtig ist vor allem, dass die Klassen zusammenbleiben.

Warum?

Damit wir die Reaktionen der Schüler beobachten können und es möglichst wenige weitere ­Augenzeugen gibt.

Was unternehmen Sie vor Ort?

Zusammen mit den Lehrpersonen entscheiden wir, was man den Schülern sagt. Der Vorfall ist meist nicht allen bekannt, also müssen wir darauf achten, wie wir was benennen. Wir müssen die Wahrheit sagen, wollen aber keine Details nennen.

Details sprechen sich unterden Schülern sowieso herum.

Das ist so. Die Schwierigkeit ist, so zu informieren, dass Schüler nicht zusätzlich geschockt werden, die wichtigsten Fragen aber geklärt sind.

Wie ist die Stimmung in einer Klasse, wenn so etwas passiert?

Da kommen alle möglichen Reaktionen zusammen: Einige weinen, andere sind ganz still. Es kommt sogar vor, dass jemand einen Witz macht.

Wie geht man damit um?

Wir begleiten die Lehrerin, wenn sie vor die Klasse tritt, oder übernehmen, wenn sie dazu nicht fähig ist. Nach der ersten Information versuchen wir, ein Gespräch zu lenken: Was löst das bei euch aus? Es geht darum, dem Schock Worte zu geben. Das hilft.

«Medien sollen Suizide weder tabuisieren noch dramatisieren.»

Was löst das bei Schülern aus?

Viele fragen sich, warum die Person das getan hat. Meistens müssen wir sagen, dass wir es nicht wissen. Wir wollen nicht spekulieren. Es geht uns darum, was die Klasse im konkreten Moment braucht.

Zum Beispiel?

Mit einer Klasse ging ich in der Nähe eines Waldes spazieren, auf dem Weg habe ich Einzelgespräche geführt, am Schluss haben wir uns versammelt und uns gefragt: Was können wir jetzt für ein Zeichen setzen? Die Schüler gingen in den Wald, sammelten Blätter und Äste und legten ein Mandala aus.

Was für Konsequenzen hat das für eine Klasse?

Schafft es die Klasse, ihre Trauer zu teilen und die Krise gemeinsam zu überwinden, stärkt das den Zusammenhalt enorm. Es kann aber sein, dass Einzelne dann in eine Krise stürzen.

In Einzelgesprächen versuchen Sie das herauszufinden?

Wir fragen konkret nach, ob eine Person Suizidgedanken hat. Trifft das zu, ist es wichtig, dass man sie längerfristig betreuen kann.

Der «Blick» hat den Fall in Meilen publik gemacht, obwohl die Behörden an die Medien appellierten, nicht darüber zu berichten. Wie sollen Medien mit solchen Fällen umgehen?

Die Nachahmungsgefahr ist um einiges höher, je mehr Aufmerksamkeit der Fall erregt. In solchen Fällen hilft es, darüber zu reden, das ist nicht nur in der Notfallpsychologie so. Medien sollen Suizide weder tabuisieren noch dramatisieren.

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