Bis man Angst vor Babys kriegt

Rachel Cusk beschreibt in «Lebenswerk» erbarmungslos, was es heisst, Mutter zu werden.

Die Engländerin Rachel Cusk seziert das Mutterglück. Foto: L. Denimal/Opale/Leemage/Laif.

Die Engländerin Rachel Cusk seziert das Mutterglück. Foto: L. Denimal/Opale/Leemage/Laif.

Das intellektuelle Mutterschaftsbuch hat im angloamerikanischen Raum eine erstaunliche Entwicklungskurve hingelegt. Maggie Nelsons «Argonauten», Sheila Hetis «Mutterschaft», Joan Didions «Blue Nights» fallen einem dazu als besondere Werke ein, theoretisch und literarisch anspruchsvoll, manchmal befremdlich und zugleich sehr unterhaltsam. Eben ein bisschen wie der Zustand, von dem sie handeln.

Im deutschsprachigen Raum glaubt man dagegen, über das Kinderhaben zu schreiben, sei etwas für Frauen mit Blogs oder für feinsinnige Autorinnen, deren intellektuelle Anpassungsstrategie an den Schock der Elternschaft darin besteht, eine vornehme Verachtung für das «Gedöns» (so der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder) und ihre Rolle darin zu formulieren.

Ein Hinweis darauf, dass sich das langsam ändern könnte, ist die Übersetzung des 18 Jahre alten «A Life’s Work. On Becoming a Mother». Es ist gewissermassen der Urtext des Genres. Die britische Autorin Rachel Cusk begann ihre Arbeit an «Lebenswerk» im Jahr 2001, in einer Zeit, in der auch englischsprachige, seriöse Autorinnen das Thema so begeistert anfassten wie eine volle Windel. Sie war zu dem Zeitpunkt noch kein Jahr Mutter einer Tochter, die in den ersten drei Lebensmonaten durchgeschrien hatte – und bereits wieder schwanger. Sie war ausserdem eine seit Jahren etablierte, kommerziell und künstlerisch erfolgreiche Autorin.

Vom Schreien, Stillen und schrecklichen Nannys

Sie war also etwas, was sich nicht in Einklang bringen liess, weder nach innen noch nach aussen. Von dem Versuch, aus der Fragmentierung ihrer Identität in die Liebesbeziehung zu ihrem Kind und dann auch zurück zu ihrer Arbeit zu finden, handelt der Text zum einen. Zum anderen handelt er vom Schreien, Stillen, schrecklichen Nannys und der schrecklichen Empfindung, man sei bei der Geburt von sich selbst getrennt worden und das eigentliche Ich irre nun ruhelos und verloren zwischen Krankenhausfluren hin und her.

Eine Rezensentin des Originals beschrieb das Buch sorgenvoll als Gefahr für die menschliche Fortpflanzung: Beim Lesen bekäme man Angst vor Babys. Dabei schreibt Cusk sehr genau, sehr liebevoll und immer selbstkritisch über die Lust und das Leid jenes Wandlungsprozesses, in dem aus einer Frau, die geboren hat, eine Mutter wird. Ein weitverbreiteter Irrtum ist ja, dass das dieselbe Sache ist.

Lakonisch bemerkt sie im ersten Kapitel, das von der Schwangerschaft handelt: «Ich persönlich habe an die Geburt meines Kindes keine froheren oder rationaleren Erwartungen als an meine Ermordung.» Und schreibt dann ein paar Monate später so elegisch über das Neben-einem-Kleinkind-Einschlafen: «Die den Schlaf ankündigende Wärme überrollte uns beide, und ich konnte spüren, wie wir zusammen durch die leuchtenden Konstellationen unserer Gedanken stürzten. Noch auf der Schwelle zum Schlaf konnte ich spüren, wie auch sie hinüberglitt. Wenn ich später aufwachte, lag ihr Kopf auf meinem Bauch und ihr Körper war an mich geschmiegt wie nach einer Heimkehr.» Da muss etwas passiert sein.

Immer wenn es im Text anfängt, zu sehr nach Milch und Windeln zu riechen, kommt ein Essay über die Geschichte der Pädiatrie.

Ein weiterer Irrtum: Dass das Werden ein linearer Prozess sei. Das Buch beschreibe «eine Phase, in der die Zeit keine geordnete Abfolge von Ereignissen mehr war, sondern im Kreis zu vergehen schien.» Für den Text zieht Cusk daraus die Konsequenz, effektvoll und verwirrend zwischen den Ebenen von Zeit und Empfindung zu wechseln. Sie ist eine sensible Dramaturgin – immer wenn es im Text anfängt, zu sehr nach Milch und Windeln zu riechen, kommt ein Essay über die Geschichte der Pädiatrie, über D. H. Lawrence, Proust, Tolstoi (alles keine Mamis, versteht sich).

«Lebenswerk» ist auch die haarscharfe Analyse einer Kultur, die mit der Schwangerschaft die erwachsene Frau zurück in ein betreuungsbedürftiges Wesen verwandelt. Werdende und junge Mütter stehen unter allgemeinen Verblödungsverdacht, das demonstriert Cusk mit einem Aggregat aus Ratgeberbroschürentipps, die in ihrer heiss gelaufenen Fürsorglichkeit rasend komisch und beklemmend zugleich sind: «Steht eine Ultraschalluntersuchung an, sollte man genug Zeit einplanen, um im Krankenhaus die richtige Abteilung zu finden.» Oder: «Wenn Sie nachts nicht schlafen können und Ihre Gedanken sich überschlagen, sollten Sie dieses Aufmucken Ihrer Identität gewaltsam unterdrücken und die Zeit nutzen, um Kontakt zu Ihrem Baby aufzunehmen.»

Das Buch strotzt von Kraft und Humor

Lesenswert ist das Buch aber auch, weil Cusks Wille zu erzählen vor Kraft und Humor strotzt: Ihre kleine Tochter weint ununterbrochen, trotz des Dauerstillens, zu dem Cusk übergegangen ist. Oder vielleicht gerade deshalb? «Ich versuche, die Sache aus ihrer Perspektive zu sehen. Wenn sie zu weinen anfängt, erscheinen meine Brüste wie zwei Gefängniswärter, die einer Störmeldung nachgehen, zwei tumbe, mondgesichtige Handlanger, die sich ihr nähern und sie durch die Gabe eines Beruhigungsmittels zum Schweigen bringen. Langsam vermute ich, dass ich einen bürokratischen Wahnsinn verwalte, in dem das Stillen die Strafe für das Weinen ist und folglich noch mehr Weinen erzeugt.»

So hart und amüsant und scharfsinnig über diese gegenseitige Gefangennahme namens Elternschaft zu schreiben ist eine besondere Übung im Aushalten von Widersprüchen. Doch darin ist kaum jemand so geschult wie die intellektuelle Mutter. Also eine Entwarnung: Dieses Buch wird niemandem die Fortpflanzung vermiesen, aber dem einen oder anderen Vorurteil vielleicht den Garaus machen.

Rachel Cusk: Lebenswerk. Über das Mutterwerden. Aus dem Englischen von Eva Bonné. Suhrkamp, Berlin 2019. 220 S., ca. 30 Fr.

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