An der App-Vernissage von Apple

Statt neue Geräte zu zeigen, hat der iPhone-Konzern für einmal innovativen Entwicklern das Rampenlicht überlassen. Ein Novum.

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Rafael Zeier@RafaelZeier

Apple-Events laufen nach einem klassischen Muster ab. Auf einer Bühne verkünden mehrheitlich Männer (und immer häufiger Frauen) ein paar Neuigkeiten und zeigen Neuheiten. Dazwischen klatschen Apple-Mitarbeiter, und Journalisten schreiben Liveticker, Artikel, Tweets oder alles gleichzeitig.

Von dieser Formel ist Apple am Montag abgewichen. Nicht nur war es ein Novum, dass Apple einen Event im Dezember abhält, auch sonst unterschied sich die Veranstaltung, die diese Zeitung auf Einladung besuchte, merklich von früheren Anlässen.

Statt in ein Auditorium lud Apple in eine mehrstöckige New Yorker Stadt-Loft, und auch inhaltlich war alles anders. Statt Monologe über ach so innovative Betriebssysteme oder ach so elegante Computer zu halten, nahm sich der sonst so sendungsbewusste Konzern zurück und überliess das Rampenlicht einer Reihe von erfolgreichen und innovativen App-Entwicklern.

Kleine Buden, grosse Firmen

Wie schon in den Jahren zuvor hat Apple Anfang Dezember die am häufigsten heruntergeladenen Apps publiziert und dazu ein paar Lieblings-Apps gekürt. Unter den Siegern fanden sich heuer kleine Entwicklerteams wie gestandene Firmen gleichermassen.

Dabei waren unter anderem die Foto-App-Spezialisten hinter Halide und Spectre, die Adobe-Konkurrenten von Affinity, die Skizzier- und Notizen-App Flow von Moleskine oder das Kunst-Spiel «Gris».

Plaudern statt präsentieren

Insgesamt erinnerte der Anlass mehr an eine ungezwungene Kunst-Vernissage als an einen minutiös durchgeplanten und bis ins letzte Detail einstudierten Technik-Event. Apples langjähriger Marketing-Chef Phil Schiller, der sonst die neuen iPhones auf der Bühne in allen Details erklärt, war zwar auch da. Er plauderte aber lieber mit den Gästen als eine Rede oder gar eine Präsentation zu halten.

Tatsächlich rückten die Apple-Geräte in den Hintergrund. Ob ein Spiel nun auf einem iPhone, iPad, Macbook, iMac oder namenlosen Grossfernseher vorgeführt wurde, war zweitrangig – und unterstrich ganz nebenher, dass Apple aktuell sehr bemüht ist, die verschiedenen Plattformen und Geräteklassen näher zusammenzuführen.

Das Spiel «Gris» beispielsweise ( das wir hier kürzlich empfohlen haben) wurde als bestes Spiel für MacOS ausgezeichnet. Genauso gut hätte es aber auch in der Kategorie bestes Spiel fürs iPhone oder iPad gewinnen können.

Hilfe von Apple

Tatsächlich sei es nicht ganz einfach gewesen, das ursprünglich für Game-Controller entwickelte Spiel für Touchscreens anzupassen, bestätigte David Ricart vom Spielentwickler Nomada Studio aus Barcelona im Gespräch mit dieser Zeitung. Apple hätte ihnen da tatkräftig unter die Arme gegriffen.

Weniger auskunftsfreudig zeigte sich Ricart auf die Frage, ob diese enge Zusammenarbeit mit Apple künftig noch vertieft würde. Es läge ja auf der Hand, das nächste Spiel nicht mehr selbstständig im App Store zu vertreiben und stattdessen auf Apples Spiele-Abo Apple Arcade zu setzen. «Kein Kommentar», erwiderte er schmunzelnd und in bester Apple-Manier.

Wie die Verträge mit App-Entwicklern, die sich an Apple Arcade beteiligen, genau aussehen und wann welche Beträge fliessen, verrät Apple nicht. Fest steht aber, dass es ein solcher Abo-Deal gerade kleinen App-Entwicklern wie Nomada Studio auch künftig ermöglicht, auf Spiele zu setzen, die zwar wunderschön sind, aber keine Millionen abwerfen wie «Candy Crush» oder einem mit hinterhältigen Tricks das Geld aus der Tasche ziehen wie so manches Free-To-Play-Spiel.

Sieg mit Kamera-App

Erfreut zeigte sich auch Sebastiaan De With, einer der zwei Entwickler hinter dem zur besten iPhone-App erkorenen Spectre. Die App ermöglicht mit allerhand Software-Tricks Langzeitaufnahmen auf dem iPhone. Dass die App ausgezeichnet wurde, kann man nun entweder als Ritterschlag oder als Trostpflaster verstehen. Hat Apple doch in den neusten iPhones nun selbst Langzeitbelichtung ermöglicht.

Das ist dann auch eine der Schwierigkeiten rund um den App Store. Einerseits hat Apple ein grosses Interesse an einem florierenden Ökosystem mit vielen Entwicklern. Andererseits sind tief ins Betriebssystem integrierte Funktionen in den meisten Fällen nutzerfreundlicher.

Innovationsturbo oder Innovationsbremse?

Ein weiteres Dilemma zeigt sich an Apple Arcade, dem Spiele-Abo für 6 Franken im Monat und mit über 100 Games. Damit ist Apple nun als eine Art App-Herausgeber zum Konkurrenten der App-Entwickler geworden. Ob das künftig die Innovation befeuert oder bremst, ist nach gerade einmal ein paar Monaten mit dem Apple-Abo noch nicht abzuschätzen.

Solche Diskussionen werden künftig aber nur noch zunehmen, sollte Apple das App-Abo-Modell auch auf Produktiv-Apps ausweiten. Das könnte zum Beispiel so aussehen: Für 10 Franken im Monat bekommt man eine Handvoll nützlicher Apps, die man sonst einzel kaufen oder mieten müsste.

Nach demselben Prinzip funktionieren heute schon Adobes Creative Cloud und Microsofts Office 365. Anders als die zwei Konkurrenten müsste Apple aber auch Apps anderer Hersteller in so ein Abo aufnehmen. Da die meisten Apple-Apps abgesehen von Logic Pro X (Audio) und Final Cut Pro X (Video) schon seit Jahren gratis sind.

Das Mega-Abo

Wer sich vom Apple-Event in New York Informationen oder Hinweise zu so einem Abo oder dem seit Jahren erwarteten Apple-Mega-Abo mit allen Diensten (Musik, Video, Spiele, Cloudspeicher usw.) zu einem Monatspreis erhofft hatte, wurde enttäuscht. Auch neue Hardware (etwa ein neuer Apple-TV mit eigenem Controller) gab es keine zu sehen. Stattdessen waren bei allen Vorführungen die Playstation- und Xbox-Controller prominent vertreten.

Trotzdem unterstrich der Event auch Apples Ambitionen, im Spiele-Sektor künftig nicht nur eine halbherzige Rolle spielen zu wollen. Mit dem Arcade-Abo und der Möglichkeit, die Controller der Konsolen-Konkurrenz zu nutzen, ist Apple aktuell so gut aufgestellt wie noch nie.

Die alles entscheidende Frage bleibt aber weiterhin: Welche Rolle spielen Apps, wenn Kopfhörer, Uhren und Brillen immer mehr Funktionen des Smartphones übernehmen? Der Evernote-Gründer Phil Libin prophezeite schon 2015 in dieser Zeitung, dass Apps eine veraltete Idee seien und verschwinden werden.

Sollte es tatsächlich dazu kommen, dass ubiquitäre Dienste Apps ablösen, wäre das ein ähnlicher Paradigmenwechsel wie beim Umstieg vom Musik-Download zum Musik-Streaming. Aktuell sieht man davon aber höchstens verzettelte erste Anzeichen.

Haben Sie Fragen zum etwas aussergewöhnlichen Apple-Event – unser Autor beantwortet sie gern auf Twitterund Telegram:

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