Ein Mahnmal mit der Asche von Auschwitz-Opfern

Der schweizerisch-deutsche Künstler Philipp Ruch hat in Berlin eine Säule aufgestellt, die angeblich Asche von KZ-Opfern enthält.

Darin soll die Asche von in Auschwitz Ermordeten eingelassen sein: Das Mahnmal des Zentrums für Politische Schönheit. Foto: Keystone

Darin soll die Asche von in Auschwitz Ermordeten eingelassen sein: Das Mahnmal des Zentrums für Politische Schönheit. Foto: Keystone

Exhumierungen sind unappetitlich. Aber wenn man Holocaust-Opfer exhumiert, um im Gegenzug dafür die Diktatur zu begraben und die Demokratie zu retten, dann ist das moralisch und künstlerisch bestimmt schon in Ordnung? Dachte man sich beim Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) und eröffnete am Montagmorgen im Nieselnebel des Berliner Regierungsviertels eine «Gedenkstätte gegen den Verrat an der Demokratie».

Beziehungsweise: Um acht Uhr morgens, als die ersten Fotografen und Journalisten den kreuzförmigen Grundriss der Installation umschritten, die aus Stangen, Transparenten, PVC-Platten, Kerzen und Blumen zusammengebastelt ist, war von exhumierter Asche noch nichts zu sehen. Sie war mit Mullstoff verhüllt, die Stele wurde noch von einer jungen Frau poliert.

Man staunte erst einmal über die Grabplatte, die am Ende des Mahnmals in die Wiese eingelassen ist: «Hier liegt die deutsche Diktatur im Frieden», steht auf ihr. Komisch: Wenn das ZPS mit seiner Aktion dagegen protestieren will, dass die CDU/CSU eventuell schon bald mit der AfD koalieren könnte, und wenn skandalisiert werden soll, dass «die schweigende Mehrheit von 60 Millionen Deutschen sich gegen eine AfD-Diktatur nicht wehren» würde (so steht es auf einem der Transparente), dann müsste die Grabplatte doch vielmehr der Demokratie gewidmet sein?

Zur Aktion hat das Zentrum für Politische Schönheit ein «Bekennervideo» aufgeschaltet. Video: Youtube

Der Mull wurde dann gegen neun Uhr abgenommen und die gesamte hydraulische Logik der Installation erschloss sich. Zum Vorschein kam nämlich diese bräunliche, von innen illuminierte Masse. Ein Fotograf witzelte noch: «Sieht aus wie die Parteiprogramme der CDU und der AfD zusammengequirlt».

Man mochte auch denken: tausend Jahre deutscher Morast. Bis das ZPS seine Pressemitteilung verteilte, aus der hervorging, dass es sich um die Asche von Holocaust-Opfern handeln soll, zu Tage gefördert in Harmense bei Auschwitz. Zwei Jahre lang habe das ZPS nach Antworten auf die Frage gesucht, wo die Asche der Ermordeten Hitlerdeutschlands liege, hiess es da. Selten war ein Moment der Bedeutungszuweisung eindrücklicher. Erst dieses unspezifische Braun, das dann zur grossen Bedrückung wird, zur Masse, in der man plötzlich wirklich noch Knochen ausmacht, die man gerade eben nicht gesehen hatte. Oder nicht sehen wollte.

Gefälschte Mitteilung

Doch, die Aktion ist gelungen. Das ZPS kann sich, trotz eventueller Vorwürfe der Pietätlosigkeit, darauf berufen, dass es Opfern des Holocausts und Widerstandskämpfern wie dem 1944 ermordeten Salmen Gradowski, zu Lebzeiten noch gelang, Notizen zu hinterlassen, in denen sie die Nachwelt instruierten, nach ihrer Asche zu suchen und mit ihr das Gedenken an die Millionen Ermordeten wachzuhalten.

Die Frage wäre heute wohl eher, ob die Nachfahren jüdischer Holocaust-Opfer Anstoss daran nehmen könnten, dass die Überreste ihrer Vorfahren hier, eingegossen in von innen beleuchtetem Klarsichtharz, auch deutlich an eine katholische Reliquienmonstranz erinnern? Vielleicht ist das Haarspalterei.

Der Logik von ZPS-Gründer Philipp Ruch und der Logik seines «aggressiven Humanismus» zufolge ist es jedenfalls «immer noch besser» so als irgendwie anders. Also als zum Beispiel: Die Asche liegt weiter bei Auschwitz herum und niemand, wirklich niemand interessiert sich für sie. «Eine vage Vorstellung der Verbrechen halte ich für immer noch besser als gar keine Vorstellung. Versuchen zu verstehen ist immer noch besser, als nie mit der Suche zu beginnen», schreibt er in seinem Buch «Schluss mit der Geduld», erschienen Ende August.

Ruch erklärt hier die Logik des ZPS, und dieser Logik kann man sich schwer entziehen. Zu ihr gehört auch das Selbstverständnis, dass die freie, politische, drastische Kunst eine fünfte Säule der Demokratie ist. Solch ein Kunstverständnis kann man in der Berliner Aschenstele auch gut erkennen.

Wie frei die Kunst wirklich ist, wird sich in den nächsten Tagen zeigen. Das ZPS hat eine gefälschte Hausmitteilung an die Abgeordneten der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag geschickt, fiktiv unterzeichnet von Wolfgang Schäuble. Er habe für sie bereits einen verbindlichen Termin zum Besuch dieses «Mahnmals gegen jeden Versuch einer faschistischen Machtergreifung» vereinbart, schreibt «Schäuble» darin, der Termin sei «verpflichtend und unbedingt wahrzunehmen!»

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