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Nachruf auf Ludmila VachtovaDie Unnachgiebige

Sie half mit, die Schweizer Kunst aus ihrem konservativen Schlaf zu wecken. Nun ist die Publizistin und Kunstkritikerin in Zürich gestorben.

Sie schrieb für den «Tages-Anzeiger» und die NZZ, und dies stets mit Schalk und grosser Sachkenntnis: Ludmila Vachtova.
Sie schrieb für den «Tages-Anzeiger» und die NZZ, und dies stets mit Schalk und grosser Sachkenntnis: Ludmila Vachtova.
Foto: PD


Man brauche wieder eine wie die Vachtova, bekam man als angehende Kunstkritikerin des Öfteren um die Ohren geschlagen. Damit war gemeint: eine, die kenntnisreich, doch zugänglich über Kunst schreiben kann. Ohne das Thema um der Verständlichkeit willen platt zu drücken. Aber auch ohne den Kunstjargon zu bemühen, in dem Wörter wie «Wahrnehmung» und «Ambivalenz» den Sinn verschleiern. Ludmila Vachtova konnte das wie keine, obwohl – oder gerade weil – das Deutsch erst die zweite Sprache war, in der sie schrieb. Die 1933 in Böhmen geborene Publizistin ist am 23. Juli 86-jährig in Zürich gestorben.

Ihre Freiheit ging ihr über alles, weshalb sie in ihren Schweizer Jahren keine Festanstellung duldete. Dennoch prägten ihre Texte und Besprechungen Zürich in jenen entscheidenden Jahren, als die Stadt aus dem konservativen Schlaf erwachte und sich als eine moderne Gemeinschaft neu erfand – neue Kunst und ihre Vermittlung spielten bei diesem Prozess eine wichtige Rolle.

Unnachahmliches Gesamtkunstwerk

Sie schrieb für den «Tages-Anzeiger», für die «Weltwoche» und die NZZ. Daneben gab es auch Platz für eigene Projekte, etwa Künstlermonografien über Hanny Fries oder den Maler Varlin. Auch darin, dass Vachtova über Frauen schrieb, die erst spät zu den verdienten Ehren kamen, wie Hanny Fries oder die Galeristin Roswitha Haftmann, war sie eine Vorreiterin. Ihre integere Feder, ihr Schalk, ihre Unnachgiebigkeit waren auf den Redaktionen legendär, und sie blieben ein unnachahmliches Gesamtkunstwerk.

Ihre Lebensdevise hiess: «Niemals Jauche auf das Haupt.» Ungerechtigkeiten wollte sie nicht hinnehmen, vielmehr wollte sie dafür einstehen, was ihre Überzeugung war. Das hat sie in ihren Jugendjahren in der Tschechoslowakei so gelernt. Sie schrieb in ihrer ersten Heimat offen über neue Kunst, was ihr Anfeindungen des Systems bescherte, die bis zu einem Schreibverbot eskalierten. Und doch, selbst nach der Heirat mit dem vor einem Jahr verstorbenen Schweizer Bildhauer Florin Granwehr 1969 wollte sie Prag nicht verlassen, sondern als Kunstvermittlerin weiter für das einstehen, woran sie glaubte. Erst 1972 kam sie in die Schweiz und hat hier sowohl das Land wie auch die deutsche Sprache im Sturm erobert.

«Eine wie die Vachtova», das hätten die Redaktionen eigentlich wissen müssen, gibt es nur einmal.

«Eine Spielerin zwischen Ost und West» nannte Ludmila Vachtova in einem «Tages-Anzeiger»-Artikel vom August 1987 die russisch-französische Künstlerin Sonia Delaunay und stellte in ihrem gekonnten Wechsel zwischen ernster und angewandter Kunst den Einfluss der experimentierfreudigen slawischen Kultur fest. «Die Welt ist keine streng in Ost und West getrennte flache Platte», schrieb sie damals, «die Ideen entfalten sich räumlich und funktionieren überall simultan.» Ludmila Vachtovas Wirken ist der beste Beweis dafür.

«Eine wie die Vachtova», das hätten die Redaktionen eigentlich wissen müssen, gibt es nur einmal. Ihre Stimme bleibt zum Glück in ihren Texten lebendig über ihren Tod hinaus. Sie arbeitete zuletzt an einem Sammelband, der nun posthum erscheinen wird.