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Noch kein Rennen diesen WinterDie Snowboardcrosser bangen um ihre Zukunft

Von ursprünglich sieben Weltcup-Veranstaltungen sind derzeit noch zwei übrig geblieben. Die Krise bei den Snowboardcrossern ist nicht nur Corona geschuldet.

So sieht der aktuelle Weltcupkalender für die Snowboardcrosser aus.
So sieht der aktuelle Weltcupkalender für die Snowboardcrosser aus.
Foto: PD

2006 gewann Tanja Frieden an den Winterspielen in Turin die Goldmedaille. Die Thunerin wurde damit die erste Snowboardcross-Olympiasiegerin. Nächstes Jahr steht die Disziplin, die auch Boardercross genannt wird, bei den Olympischen Spielen in Peking als Einzel- und Teamevent im Programm. Diese Rennen sind auch die grossen Ziele der Bernerinnen Muriel Jost und Sina Siegenthaler.

Doch der Boom nach Tanja Friedens Coup ist vorbei. Derzeit warten Jost und Siegenthaler noch immer auf das erste Weltcuprennen der Saison. Nachdem Cervina (ITA) im Dezember seine Rennen verschoben hatte, folgten die Absagen von St. Lary (FRA), Feldberg (GER) und Dolni Morava (CZE). Am Wochenende hätte nun der Start in Montafon erfolgen sollen. Doch vor zwei Wochen gaben die Österreicher die Skicross- und Snowboardcross-Rennen an den Internationalen Skiverband (FIS) zurück.

Das ist vor allem für die Profis auf den Brettern frustrierend. Von ursprünglich sieben Weltcup-Veranstaltern sind noch zwei übrig geblieben. «Jedes abgesagte Rennen ist ein neuerlicher Nackenschlag», verhehlt Muriel Jost ihre Enttäuschung nicht. Die 23-Jährige aus Münchenbuchsee hat ihre Fussverletzung auskuriert und wünscht sich nichts sehnlicher als Wettkämpfe. Sina Siegenthaler dagegen leidet noch immer unter dem Pfeiffer-Drüsenfieber. «Ich könnte deshalb nicht starten, aber auch mir bereitet die Entwicklung Angst. Mit zwei Wettkämpfen kann nicht einmal ein Weltcup-Gesamtsieger erkürt werden, dazu braucht es nämlich drei Rennen», sagt die 20-jährige Emmentalerin aus Schangnau.

Keine Rennen für Muriel Jost (links) und Sina Siegenthaler.
Keine Rennen für Muriel Jost (links) und Sina Siegenthaler.
Foto: PD/Christian Pfander

Bleibt nur ein Berufswechsel?

Snowboarden ist die grosse Leidenschaft der beiden Bernerinnen und gleichzeitig auch Beruf. «Aktuell muss man hinterfragen, wie man diesen Beruf rechtfertigen und auch finanzieren kann», gesteht Jost. Jedenfalls sei fraglich, wie lange die Sportart so noch überleben könne. Natürlich trägt die Covid-Pandemie einen Grossteil zur Misere bei. «Doch das ist nur ein Punkt. Die Skigebiete benutzen Corona teilweise auch als Ausrede für die Absagen.» Siegenthaler bestätigt: «Snowboardcross ist grundsätzlich eine beliebte Sportart, aber niemand legt in dieser schwierigen Zeit Wert darauf.»

Was dem Duo besonders sauer aufstösst: Während die Skicrosser von neun Weltcup-Events bloss zwei Absagen vermelden, befinden sich die Snowboardcrosser weiterhin in der Krise. Im Gegensatz zu den Skicrossern fehlt ihnen auch ein Toursponsor. «Ich will die beiden Sportarten nicht gegeneinander ausspielen», meint Siegenthaler. «Die Skicrosser sind coole Leute und haben sich ihre Auftritte verdient. Aber wo bleiben wir?» Feldberg etwa lässt die Skicrosser Ende Januar starten, die Snowboardcrosser eine Woche später aber nicht. Offizielle Begründung der Deutschen: zu wenig freiwillige Helfer, um die Corona-Auflagen zu erfüllen. Jost hat dafür kein Verständnis. Sie fordert, dass Skicrosser und Snowboardcrosser vermehrt auf den gleichen Kursen fahren sollen.

Unterschiede vorhanden

Das war in den vergangenen Jahren nur in Montafon, Feldberg und Veysonnaz der Fall. Didi Waldspurger amtet seit 15 Jahren bei Swiss-Ski als Renndirektor der nationalen Skicross-Tour. Der Streckenbauer verweist auf entscheidende Unterschiede: «Die Skifahrer sind rund ein Viertel schneller unterwegs als die Snowboarder. Das hat Auswirkungen auf die Radien der Kurven und die Länge der Sprünge.» Für den Thuner ist deshalb klar: «Für Kinder und Breitensportler sind durchaus die gleichen Parcours möglich, aber je höher das Niveau der Athleten, desto komplexer wird es.»

Waldspurger befürwortet deshalb grundsätzlich auf Weltcup-Stufe verschiedene Kurse. Dass beispielsweise die Skicrosser am Freitag und die Snowboarder am Sonntag am gleichen Wochenende auf einem leicht angepassten Kurs fahren, findet Waldspurger nicht realistisch. «Einen Kurs zu bauen, ist enorm aufwendig. Dann muss er auch richtig und ausgiebig getestet werden, ansonsten wird es für die Athleten gefährlich.» Eine derart kurzfristige Streckenabänderung sei deshalb nicht umsetzbar.

Zuversicht beim Chef

So werden gemeinsame Events für Snowboarder und Skicrosser wohl die Ausnahme bleiben. Was die Situation für die Brettkünstler nicht besser macht. Sacha Giger, Disziplinenchef bei Swiss-Ski, weiss um die Problematik: «Natürlich ist das eine sehr schwierige aktuelle Situation im Snowboardcross, allerdings haben die meisten Absagen einen direkten Zusammenhang mit dem Coronavirus.

Kurzfristige Ersatzorte sind schwierig zu finden, da die Infrastruktur eines Snowboardcross-Weltcups sehr viel Schnee und Maschinenstunden braucht, was natürlich einen hohen Finanzbedarf erfordert.» Der Verbandsdirektor für Ski Freestyle, Snowboard und Telemark sieht Potenzial, dass die olympische Disziplin Snowboardcross in Zukunft besser vermarktet werden kann. Giger hält jedenfalls fest: «Ich bin sicher, wir werden kommende Saison wieder einen besser aufgestellten Kalender haben.»

Dass hoffen auch Jost und Siegenthaler. Einen Berufswechsel fasst das Duo trotz der Krise momentan noch nicht ins Auge. «Snowboardcross ist meine Leidenschaft, ich bleibe positiv und gebe nicht auf», betont Jost, und Siegenthaler hält fest: «Ich will zu hundert Prozent im Snowboardcross bleiben.» Für Jost ist unbestritten: Es gelte, dieses Seuchenjahr zu überstehen. «Dann müssen wir 2022 an den Olympischen Spielen eine coole Show liefern.» Am besten so, wie das Tanja Frieden 2006 getan hat.

Die Thunerin Tanja Frieden wurde 2006 Olympiasiegerin.
Die Thunerin Tanja Frieden wurde 2006 Olympiasiegerin.
Foto: Keystone