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Shakra rocken weiterDie Schwinger unter den Rockstars

Shakra feiern ihr 25-jähriges Bestehen mit neuem Album. Ein Treffen mit den Gitarristen Thomas Blunier und Thomas Muster in Trub, wo alles anfing.

Es ging immer nur um die Musik: Shakra-Gründungsmitglieder Thomas Blunier (links) und Thomas Muster.
Es ging immer nur um die Musik: Shakra-Gründungsmitglieder Thomas Blunier (links) und Thomas Muster.
Raphael Moser

Rock ist tot. Schon Anfang der 1990er-Jahre hat ein Manager einer deutschen Plattenfirma zu Thomas Blunier gesagt, jetzt sei die allerletzte Möglichkeit, noch ein Hardrock-Album aufzunehmen. Danach sei es vorbei. Endgültig. Das erzählt Blunier jetzt, gut 30 Jahre später, und kann nicht anders als zu grinsen.

Zu Recht. Schliesslich bringt der Leadgitarrist mit seiner Band Shakra in diesen Tagen das zwölfte Studioalbum heraus und feiert ein Vierteljahrhundert Schweizer Hardrock-Geschichte, mit Konzerten in ganz Europa, vor Tausenden und Abertausenden Fans, in Kneipen, in Tennishallen, in Stadien.

«Mad World», wie sich das jüngste Werk nennt, wird auf einschlägigen Schweizer und deutschen Plattformen wieder gute Kritiken erhalten. Der Hardrock ist wiederum schnörkellos, gradlinig, die Riffs nah an der Melodie. Die Tour durch Europa ist gebucht. Und auch das Konzert in der Mühle Hunziken in fünf Wochen ist bereits ausverkauft.

Wir hatten nie auch nur den kleinsten Anspruch, aktuell zu sein.»

Gitarrist Thomas Muster

Hardrock lebt also weiter, und auch Shakra denken so gar nicht ans Aufhören. Auch wenn Thomas Blunier mit seiner Gelenkerkrankung Morbus Bechterew immer mehr zu kämpfen und kaum mehr schmerzfreie Tage hat. «Der Kampf geht weiter

Er sitzt auf einem Plastikstuhl in einer Garage an der Sägegässe in Trubschwarz in schwarz. Hose, Schuhe, T-Shirt, Lederjackedie Haare lang. Ihm gegenüber sitzt der andere Thomas. Muster mit Nachnamen. Auch er ist der Gitarre verfallen und trägt unter einem schwarzen Kopftuch die Haare lang.

Hier in Trub hat alles angefangen. Im Kellergeschoss dieses Gebäudes war der erste Bandraum. Und hier sitzen sie nun, die Shakra-Urgesteine und erzählen davon, wie es in Trub immer kalt gewesen war, wie man schon im August Scheiben kratzen musste und es eigentlich nichts anderes zu tun gab, als eben Gitarre zu spielen. Erzählen von einem Leben als Rockmusiker und bleiben dabei so unaufgeregt, wie das wohl nur Emmentaler können.

Beide sind jetzt über 50 Jahre alt und erfüllen nur äusserlich das Rocker-Klischee. Nichts wollen sie wissen von der Tradition und den Rollenbildern der Hardrock-Szene, von Rebellentum und von Musik für die Arbeiterklasse. «Wir haben keine Message. Kein politisches Statement», sagt Thomas Muster, «Wir hatten nie auch nur den kleinsten Anspruch, aktuell zu sein. Wir spielen einfach, was in uns ist. Uns ist egal, ob der Rock lebt oder tot ist.»

Ein Rockstar, so Thomas Blunier, habe er nie werden wollen. Er habe immer nur an die nächste Probe, ans nächste Lied, an das nächste Konzert gedacht und daran, den ultimativen Gitarrensound zu finden. Und wie klingt der? «So, wie wenn man sich in ein heisses Bad legt, mit den richtigen Düften, der richtigen Temperatur und dem Schaum, und man denkt: So ist richtig.»

Die beiden Gitarristen im Aufzug, der in ihren ersten Bandraum führt.
Die beiden Gitarristen im Aufzug, der in ihren ersten Bandraum führt.
Raphael Moser

Shakra, und da würde niemand widersprechen, ist eigentlich Thomas Blunier. Mit ihm fing alles an. Seit jeher wohnt er in Trub, hier hat er im Elternhaus schon ganz jung Gitarre gespielt, war früh Teil einer Mundartrock-Band, aus der später Ruckus und dann eben Shakra wurde.

Ruckus war in den frühen 1990er-Jahren ziemlich bekannt. Sie spielten in Kneipen und Konzertlokalen in der ganzen Schweiz. 1994 stiess Thomas Muster dazu, der damals mehrfach unglücklich war: mit der Band, in der er spielte, und der Beziehung, die er führte. Nach einem Vorspielen zog er nach Trub zu Thomas Blunier und seiner Frau Monika, die noch ein Zimmer frei hatten. «Drei Taschen und eine Gitarre hat er nur dabei gehabt», sagt Blunier.

Ruckus spielten schon früh als Vorband für Krokus und Gotthard, tauften sich 1995 auf Shakra um, weil Ruckus doch zu sehr nach Krokus klang. Zwei Jahre später unterzeichneten Shakra einen weltweiten Vertrag mit dem Label Point Music, 2005 wechselte die Band zum Label AFM Records. Sie spielten als Vorband von Guns n’ Roses, Uriah Heep. Waren mit Wishbone Ash auf Tour. Es gab immer höhere Chartplatzierungen und immer grössere Konzerte.

Und doch blieben Shakra seltsamerweise immer eine Art Geheimtipp, wurden in der Schweiz immer gerade nach Krokus und nach Gotthard genannt. Sie standen stets ein wenig im Schatten, vielleicht weil ihnen der eine Überhit fehlte, auch wenn die Single «Why» immer mal wieder im Radio gespielt wurde.

Ab 2003 ungefähr konnten zumindest Blunier und Muster von der Musik einigermassen leben. «Je nach Anspruch», meint Muster. «Sagen wir es so: Ich konnte meine Rechnungen zahlen Muster fuhr 17 Jahre lang Taxi, bevor er es 2003 wirklich bleiben lassen konnte. Und Blunier ist gelernter Automechaniker und hielt sich sowenn nötigüber Wasser. Er sagt: «Wir sind immer am Boden geblieben. Wir machten und machen trotzdem weiter. Andere Bands hätten vielleicht schon lange aufgehört, weil der Erfolg dann doch nicht so gross war.» Ja, Shakra sind die Schwinger unter den Hardrockmusikern. Bescheiden, ehrgeizig, unnachgiebig arbeitend und ohne Allüren.

Mark Fox war kaum 24 Jahre alt. Er war von Anfang an ein Rockstar. Das stieg ihm irgendwann zu Kopf.»

Leadgitarrist Thomas Blunier


Eine typische Emmentaler Mentalität würde man sagen. «Ja. Aber das ist natürlich nicht nur gut. Die Leute wollen das nicht», sagt Blunier. «Wenn jeder so langweilig drauf wäre wie wir beide», meint Muster, «würde uns niemand sehen wollen.» Die Leute wollten nicht vor der Bühne stehen und einem bescheidenen Kerl zuschauen. «Das ist total langweilig. Deshalb haben wir Mark Fox. Er verkörpert das Rockstarbild.»

Mark Fox ist ein eigenes und nicht nur schönes Kapitel der Bandgeschichte.

Sowieso hatte es Shakra mit seinen Sängern nicht nur leicht. Der erste, Pete Wiedmer, stieg 2002 aus gesundheitlichen Gründen aus. Dann kam Mark Fox und verliess die Band nicht ohne lautes Getöse 2009 wieder. Sein Nachfolger John Prakesh blieb auch nur fünf Jahre, weil es ihm auf der Bühne nie ganz wohl gewesen ist. Auch dank Chris von Rohrs Vermittlungskünsten kehrte Mark Fox 2015 wieder zu Shakra zurück. Seither gibt es keine negativen Schlagzeilen mehr. Fox gehört heute zu Shakra, das ist unbestritten.

Als er 2003 erstmals zur Band stiess, kam es bald einmal zu Auseinandersetzungen. Die Band war gerade durchgestartet, und Fox erster Auftritt fand gleich vor 10000 Menschen an einem Festival in Deutschland statt. «Wir waren alle schon älter, erfahrener», sagt Thomas Blunier. «Er aber war kaum 24 Jahre alt. Er war von Anfang an ein Rockstar. Das stieg ihm irgendwann zu Kopf.» Und dann erzählen die beiden unverblümt davon, wie schwierig es war. Erzählen von den Differenzen bezüglich dem Geld, den Allüren und immer wieder von den Problemen mit dem Alkohol. «Wenn er getrunken hatte, hatte er immer recht», sagt Muster. Heute ist Fox trocken und auch reifer geworden. Man hat sich ausgesprochen und versöhnt. «Seine Bühnenpräsenz ist heute besser denn je», sagt Muster, und Blunier meint: «Wir waren als Band noch nie so gefestigt wie jetzt.»

Nein, Hardrock ist nicht tot. Nur älter geworden ist er und reifer.

Album: «Mad World». Shakra treten am 4. April in der Mühle Hunziken auf. Das Konzert ist ausverkauft. Am 28. April spielen sie im Kofmehl in Solothurn und am 7. Mai im Lötschbergsaal in Spiez mit Gotthard. Weitere Konzerte: www.shakra.ch/#live