Zum Hauptinhalt springen

Ungewissheit vor Tokio 2021Die olympische Laune ist im Keller

Noch vor kurzem herrschte Aufbruchsstimmung in Japans Sportbetrieb – doch mit den gestiegenen Infektionszahlen ist die Verunsicherung zurück.

Klare Ansage: Ein grosser Teil des Volkes in Tokio ist gegen die Durchführung der Spiele in einem Jahr.
Klare Ansage: Ein grosser Teil des Volkes in Tokio ist gegen die Durchführung der Spiele in einem Jahr.
Foto: Reuters

Der Weg zur neuen Normalität im japanischen American Football führte über das Versuchslabor des Sportwissenschaftlers Hiroto Fujiya an der Privatuniversität St. Marianna in Kawasaki. Fujiya sitzt im Vorstand des Football-Verbandes Jafa, deshalb wusste er, was der Verband für den Spielbetrieb in der Pandemie suchte. Er erprobte also erst Footballhelme ohne Gesichtsschutz, dann mit Augenschutz, mit Mundschutz und komplettem Gesichtsschutz. Auf Mundhöhe sprühte er aus dem Inneren der Helme Gas. Die nicht ganz überraschende Erkenntnis: Bei den Helmen mit Plastikvisier vor Mund und Gesicht gelangte am wenigsten Gas in die Umwelt. Fujiya folgerte, dass sie am besten vor dem Coronavirus schützen. Deshalb werden die Spieler in Japans Football-Liga X-League Ende Oktober mit Schutzschild am Helm in die verkürzte Saison starten.

Das Leben in der Pandemie fühlt sich an wie ein grosser, fortwährender Feldversuch. Ständig wird probiert, wie man irgendwie weitermachen kann, ohne das Coronavirus zu verbreiten. In Japan ist das natürlich auch so. Der Sportbetrieb des Landes zieht dabei sogar eine besondere Aufmerksamkeit auf sich. Denn Japan ist ja gerade nicht irgendeine Sportnation. Japan ist der Gastgeber der Olympischen und Paralympischen Spiele, die in diesem Sommer nicht wie geplant stattfinden können.

Jede gelungene Corona-Abwehr hier kann die Welt als einen Beitrag zu sicheren Spielen im nächsten Jahr deuten. Das einzige Problem: Japan ist zwar die drittgrösste Volkswirtschaft der Welt, Heimat von vielen klugen Menschen und vom Coronavirus offiziell nicht so stark befallen wie Europa und die USA. Aber ein Wunderland der Krankheitsbekämpfung ist es nicht. In den vergangenen Wochen war auch in Japan die tägliche Zahl der Neuinfektionen relativ hoch. «Wir sind in der Mitte einer zweiten Welle», sagt Kazuhiro Tateda, Chef des japanischen Verbandes für Infektionskrankheiten. Und obwohl es in der Hauptstadt Tokio keine neue Notstandserklärung gibt, ist die olympische Laune dort im Keller.

Wir sind in der Mitte einer zweiten Welle.

Kazuhiro Tateda, Chef des japanischen Verbandes für Infektionskrankheiten

Umfragen haben schon gezeigt, dass in der Bevölkerung kein grosser Optimismus herrscht bezüglich gelungener Spiele 2021. Mittlerweile liegt auch ein Stimmungsbild der Wirtschaft vor, deren Gedeihen immer das erste Ziel der Regierung des rechtskonservativen Premierministers Shinzo Abe ist. Es sieht nicht gut aus. Das Forschungsinstitut Tokyo Shoko Research hat zwischen dem 28. Juli und 11. August eine Online-Befragung zu den Spielen mit 12’857 Firmen veranstaltet. Ergebnis: 27,8 Prozent der Unternehmen sind für die Absage der Spiele, 25,8 Prozent für eine weitere Verlegung. Macht zusammen 53,6 Prozent, die nicht an Spiele 2021 glauben, gegen 46,2 Prozent, die sie im nächsten Sommer mit mehr, weniger oder gar keinen Zuschauern sehen wollen.

Infizierte Fussballer, abgebrochene Spiele

Noch vor wenigen Wochen herrschte eine Art Aufbruchstimmung in Japans Sportbetrieb. Der Notstand war vorbei, die Infektionszahlen waren niedrig. Es konnte sich wieder was rühren. Das Juli-Basho der Sumo-Ringer in Tokio fand mit 2500 Zuschauern pro Tag statt. Die Baseballclubs der Profiliga NPB und die Fussballfirmen der J-League wollten schon am 1. August die Zuschauerzahlen von 5000 auf die halbe Stadionkapazität steigern. Längst sind solche Pläne verschoben. Die Verunsicherung ist zurück.

Ende Juli musste das J-League-Spiel Nagoya gegen Hiroshima ausfallen, weil Spieler sich infiziert hatten. Alle schauen, dass sie irgendwie gesund und hygienisch über die Runden kommen. Olympia? Steht für die Sportschaffenden ausserhalb des Organisationskomitees auf einer ganz anderen Tagesordnung.

Finanzhilfe vom Staat

Umso dankbarer klingen die Meldungen, wenn mal eine Idee Erfolg verspricht. Wie etwa die von den Schutzschilden an den Helmen der American-Football-Szene, die auch in der amerikanischen NFL im Gespräch und in der neuen X-League-Saison sogar verpflichtend sind. «Wir haben entschieden, sie zur Regel zu machen für diese Saison auf der Grundlage der Diskussion, die wir im Subkomitee des Verbandes hatten», sagt Riichiro Fukahori, der Commissioner des Verbands, in der «Japan Times». Es gebe Finanzhilfen vom Staat und der Sport-Förderagentur. Und: «Wir haben mit Geschäften für Footballausrüstung gesprochen, damit sie spätestens bis zum Saisonstart genug Schilde auf Lager haben.»

Riichiro Fukahori freut sich. Ein Dämpfer kommt ausgerechnet von dem Mann, der die Schutzschilde erprobt hat. Hiroto Fujiya hat nämlich in einem weiteren Experiment festgestellt, dass es vor allem unter dem Plastikvisier für das ganze Gesicht ziemlich warm wird. «Ich empfehle dringend, gute Massnahmen gegen Hitzschlag zu ergreifen und nur einen Mundschutz zu tragen, um eine Tröpfcheninfektion zu vermeiden», sagt er. Es scheint dieser Tage nichts zu geben, was gar nicht gefährlich ist.

3 Kommentare
    Otto Guldenschuh

    Das wäre dann nach den ausgefallenen Spielen von 1916 in Berlin, 1940 in Helsinki, 1944 unbestimmt das vierte Mal, dass die Olympischen Spiele der Neuzeit ausfallen würden. Diesmal nicht wegen einem Weltkrieg, sondern einem globalen Krieg gegen Corona.

    Nun wenn man damit die mittlerweile schon ziemlich ätzenden und unersättliche Gilde der Sportfunktionäre wieder mal etwas zurückstutzen könnte in ihren oft schon gar dekadent anmutenden Ansprüchen, dann hätte so ein Ausfall wenigstens etwas positives.

    Für die vielen Sportler, die hart für die OS trainiert haben sieht es allerdings einiges düsterer aus, für viele verflüchtigt sich ein grosser Traum.