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Ramadan in Zeiten von CoronaDie Moschee ist jetzt zuhause

Schweizer Musliminnen und Muslime befinden sich zurzeit im Fastenmonat. Wie gehen sie mit der Krise um? Besuch bei einer bosnischen Familie.

Familie Balic betet während des diesjährigen Ramadan zu Hause – die Moscheen bleiben wegen Corona weiterhin geschlossen.
Familie Balic betet während des diesjährigen Ramadan zu Hause – die Moscheen bleiben wegen Corona weiterhin geschlossen.
Foto: Dominique Meienberg

Urdorf, kurz nach 20 Uhr. Familie Balic öffnet die Tür. «Kommen Sie rein!», sagt Esad Balic. Auf dem Couchtisch steht bereits ein grosser Krug gelber Limonade. «Eine Tradition aus unserem Land. Nicht probieren wird nicht akzeptiert», sagt Esad Balics Frau Suzana lächelnd. In rund einer Dreiviertelstunde ist Iftar, Fastenbrechen.

Am Telefon erklärte Esad Balic zuvor, dass dieses während des Ramadan jeden Tag zu einer anderen Zeit stattfindet, nämlich dann, wenn die Sonne untergegangen ist. Der Fastenmonat richtet sich derweil nach dem Mondkalender. Dieses Jahr begann er am 24. April und dauert bis zum 23. Mai.

Das Coronavirus durchkreuzt aktuell die Pläne Schweizer Musliminnen und Muslime. Sie können den Ramadan nicht wie gewohnt begehen. Das allabendliche Fastenbrechen, normalerweise eine gesellige Runde mit Verwandten, Freunden, Nachbarn, bleibt dieses Jahr im kleinen, privaten Rahmen. In den Moscheen fallen die feierlichen Iftar-Tafeln aus, ebenso die grossen Freitags- und Ramadan-spezifischen Tarawih-Gebete am späten Abend.

Corona nach dem Koran auslegen

Seit dem 13. März sind in der Schweiz sämtliche Gotteshäuser geschlossen und bleiben es vorerst. Versammlungen von mehr als fünf Personen sind untersagt also auch privat organisierte Gebete. Dies hält die Föderation der Islamischen Dachverbände FIDS in ihren Empfehlungen für den Fastenmonat ausdrücklich fest. Diese stützen sich nicht nur auf die Verordnungen des Bundesrates, wie FIDS-Mediensprecher Önder Günes sagt, sondern auch auf den Koran. Eine Imam-Kommission, zusammengesetzt aus Vertretern verschiedener ethnischer Glaubensgemeinschaften, hat mitgeholfen, die Richtlinien zu erarbeiten, damit das Ganze nicht nur administrativ, sondern auch theologisch «verhebt». «Aber das Fasten bleibt

So steht die Limonade bei den Balics in Urdorf vorerst nur für die Gäste auf dem Tisch, denn noch ist die Sonne nicht untergegangen. Der Hunger? Alles Kopfsache, meint Esad Balic. «Wir haben den Krieg erlebt. Da gab es gar nichts zu essen.» Herr und Frau Balic stammen aus Bosnien und Herzegowina und kamen vor 25 Jahren als Flüchtlinge in die Schweiz.

Ramadan ist für sie die Zeit, in der man sich besinnt, einkehrt, sich seelisch reinigt. Wie steht es um die Beziehung zu Gott, der Familie, den Mitmenschen? Hungrig und durstig sein erinnert einen daran, dass es andere weniger gut haben. Daran würden die äusseren Umstände nichts ändern, so Esad Balic. «Fasten ist nur zwischen mir und Gott. Das ist nur innerlich.»

Akkordeonklänge zum Ramadan

Vor dem Ramadan sei es wichtig, das Haus gründlich zu putzen und sich sowohl psychisch als auch physisch vorzubereiten. Kein Staubkorn liegt auf dem weissen Sideboard im Wohnzimmer, auf dem ein Koran stehtdunkelroter Einband, mit goldenen Ornamenten verziert.

Auf dem Boden steht ein Akkordeon. Während des Ramadan spielt Esad Balic per Facebook live für seine Fansin der bosnischen Gemeinde ist er ein bekannter Musiker. Er spielt Lieder, die zum Fastenmonat passen, etwa vertonte islamische Gebete Ilahias oder traditionellen Sevdah. Die Musik wie der Ramadan sind fester Bestandteil im Leben des 48-jährigen Logistikers.

Dieser Kalender in der Küche der Balics zeigt, wann man während der Fastenzeit essen und trinken darf –  vor der Morgendämmerung, nach Sonnenuntergang. Auch Gebetszeiten sind vermerkt. Klicken Sie sich durch die Bildstrecke.
Dieser Kalender in der Küche der Balics zeigt, wann man während der Fastenzeit essen und trinken darf – vor der Morgendämmerung, nach Sonnenuntergang. Auch Gebetszeiten sind vermerkt. Klicken Sie sich durch die Bildstrecke.
Foto: Dominique Meienberg
Während des Fastenmonats habe er mehr Zeit dafür, den Koran zu lesen, sagt Esad Balic. Auf Arabisch fühle er sich dem Glauben und Gott am nächsten.
Während des Fastenmonats habe er mehr Zeit dafür, den Koran zu lesen, sagt Esad Balic. Auf Arabisch fühle er sich dem Glauben und Gott am nächsten.
Foto: Dominique Meienberg
Balic ist auch Musiker. Kein Widerspruch dazu, Moslem zu sein, findet er. Zum Ramadan hat er passende Stücke im Repertoire.
Balic ist auch Musiker. Kein Widerspruch dazu, Moslem zu sein, findet er. Zum Ramadan hat er passende Stücke im Repertoire.
Foto: Dominique Meienberg
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Aus der Küche hört man, wie die Cevapi, traditionelle Hackfleischwürstchen, brutzeln. Suzana Balic, ebenfalls 48, kocht während des Ramadan, ohne probieren zu können. Sie nimmt die Bratpfanne vom Herd, geht zurück ins Wohnzimmer und schaut auf die Wanduhr: «Drei Minuten noch

Der erste Schluck Wasser

Auf dem Sofa sitzt auch der jüngste Sohn der Familie, Muhamed, der ältere ist an diesem Abend bei der Freundin. Das Familienleben während des Ramadan habe sich nicht gross verändert durch Corona ausser dass er nun im Homeoffice arbeite. Seit zwei Jahren fastet der Informatiklehrling mit, vorher habe er nur einzelne oder Halbtage mitgemacht. Tagsüber merke er beinahe nicht, dass er nicht esse. Erst gegen sechs Uhr abends komme der erste Hunger.

In seinem Freundeskreis beobachtet er, wie populär es geworden ist, andere wissen zu lassen, dass man fastet. Ein Trend. In einem NZZ-Podcast zum Fastenmonat kritisierte die muslimische Kultur- und Religionswissenschafterin Hannan Salamat, dass die Jungen auf Instagram üppige Iftar-Mahlzeiten posten Minimalismus würde Fastenden eher stehen.

Zum Fastenbrechen werden Datteln gereicht. Schon Prophet Mohammed soll sie zu Iftar gegessen haben. Auf dem nächsten Bild…:
Zum Fastenbrechen werden Datteln gereicht. Schon Prophet Mohammed soll sie zu Iftar gegessen haben. Auf dem nächsten Bild…:
Foto: ahl
… der Moment, in dem die Familie nach dem ganzen Tag wieder Essen und Trinken darf. Die Stimmung war erst andächtig, danach fröhlich.
… der Moment, in dem die Familie nach dem ganzen Tag wieder Essen und Trinken darf. Die Stimmung war erst andächtig, danach fröhlich.
Foto: Dominique Meienberg
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Nun ist es so weit, 20.44 Uhr. Die Sonne ist gemäss Fastenkalender offiziell untergegangen. Die Familie rückt sich auf der Couch zurecht, Suzana Balic schenkt drei Gläser Wasser ein. «Der erste Schluck ist der beste.» Esad Balic sagt leise eine Dua auf, ein Bittgebet. Er übersetzt aus dem Arabischen: «Gott sei Dank, haben wir zu essen, zu trinken, sind wir gläubig.» Dann nehmen sie sich je eine Dattel aus der geschwungenen Porzellanschale. Mit Datteln wird traditionell das Fasten gebrochen, so, wie es einst Prophet Mohammed getan haben soll.

Die Enkel fehlen

«Eigentlich ist der Ramadan eine Zeit, in der man nicht zu viel essen, sondern auf die Gesundheit achten sollte», sagt Esad Balic und schaut beinahe entschuldigend, als er zum Nachtessen bittet. Der Tisch ist reich gedeckt neben den Cevapis stehen Salate, mit Käse überbackene Tomaten und Auberginen, Reis, Suppe mit selbst gemachten Nudeln, Pita. Was fehlt, sind Freunde und Verwandte, die sonst zu Besuch kommen, die Tochter, deren Mann und Kinder, die in Frankreich leben.

Der Tisch ist reich gedeckt, doch die Verwandten fehlen dieses Jahr. Am meisten vermisse Esad Balic seine zwei Enkelkinder.
Der Tisch ist reich gedeckt, doch die Verwandten fehlen dieses Jahr. Am meisten vermisse Esad Balic seine zwei Enkelkinder.
Foto: Dominique Meienberg

Dass man mit möglichst vielen Leuten Fastenbrechen feiert, gehöre nicht zur religiösen Pflicht im Islam, so FIDS-Sprecher Önder Günes, aber es sei zum festen Bestandteil des Ramadan geworden. Auch gemeinsam in der Moschee zu beten, sei keine Pflicht die Mitmenschen zu schützen, hingegen schon. Die Gemeinschaft verstehe das. «Sie finden es einfach schade.»

Günes sieht aber auch gute Seiten. Er glaubt, dass man dem Urgedanken des Ramadan nun besonders nahe kommen könne. Keine Besuche, keine Autofahrten, keine hektischen Wochenenden. «Man kann sich mehr auf sich selbst fokussieren, endlich entschleunigen.»

Was sagen die Jungen?

Eine Umfrage des jungen Schweizer Onlineportals «baba news» zeigt, dass Userinnen und User ebenfalls Vorteile am Corona-Ramadan finden. «Die Ablenkungen von aussen sind nicht so extrem», sagt Valentina (31). Ohne Freunde zu sein, bedeutet für Nadra (17) auch, nicht jedes Mal dieselben Fragen beantworten zu müssen, «Nein, auch nicht Wasser». «Zu Stosszeiten die Essensgerüche der Pendler aushalten» fiel für Assia (29) weg.

Und doch fühlen sich auch die Jungen einsam, abgeschnitten von der Gemeinschaft. Önder Günes sagt, dass der Ramadan für viele fast wie eine Art «Therapie» sei. Gerade für jene viele Ältere –, die allein oder zu zweit wohnen, wiege die aktuelle Situation schwer. Doch Unterstützung kommt dieser Tage auf alternativen Wegen, übers Internet. «Der Imam ist immer noch da, einfach auf einem anderem Kanal.»

Die neuen Online-Imame

Mail an Imam Semir Omercic des «Dzemats der Islamischen Gemeinschaft Bosniens Zürich», der Gemeinde, der die Balics angehören. «Abstand bedeutet heutzutage Anstand», spricht er zu seinen Gläubigen über Youtube, anständiges Verhalten führe ins Paradies, so die Worte des Propheten. Versteckte Lebenslektionen der Pandemie nennt es Omercic, der derzeit zu beschäftigt ist für ein Interview und sich mehrmals dafür entschuldigt.

Der muslimische Seelsorger und ehemalige Imam Muris Begovic vermittelt einen neuen Kontakt. Erst aber muss er am Telefon etwas lachen über die aktuelle Entwicklung. «Ja, alle werden zu Online-Imamen, alles kriegt einen Cyber-Touch.» Ungewöhnlich für traditionelle Geistliche, auch für ihn. Soeben habe ihn Imam Omercic eingeladen, für das Dzemat eine Videobotschaft aufzunehmen, drei bis sechs Minuten. «Aber das waren sechs bis sieben Stunden Arbeit!»

Der muslimische Seelsorger Muris Begovic (links) und Imam Kaser Alasaad nutzen beide Youtube, um Gläubige während Corona zu erreichen.
Der muslimische Seelsorger Muris Begovic (links) und Imam Kaser Alasaad nutzen beide Youtube, um Gläubige während Corona zu erreichen.
Fotos: Doris Fanconi / PD

Andere Muslime berichten von Online-Fastenbrechen, auch interreligiösen, von Zoom-Meetings, in denen gemeinsam im Koran gelesen wird, auf dem Instagram-Kanal der islamischen Jugendorganisation Ummah Schweiz kann man live an Bittgebeten teilnehmen.

«Es passiert etwas Spannendes», beobachtet Begovic. Die Botschaften auf den sozialen Medien würden nicht infrage gestellt, und auch Frauen nehmen Videos auf. Die neu entstandenen Onlineaktivitäten findet er «eine Erfrischung» –ein Ritual oder einen Gottesdienst nnen sie jedoch nicht ersetzen.

«Liebe alle, grüezi mitenand, Salam alaikum», tönt es auf dem Youtube-Kanal der Moschee in Volketswil, der grössten im Kanton Zürich. Er sei traurig, sagt Imam Kaser Alasaad, dass er die Hunderten von Gläubigen nicht zum Gebet und Fastenbrechen begrüssen könne. «Aber Gott ist nicht nur in der Moschee, er ist überallDieser Tage könne auch das Zuhause ein Haus Allahs sein.

Im Video begrüsst Kaser Alasaad die Gläubigen in grauem Gewand, hinter ihm ein beiges Sofa mit rotem Überwurf, ein Hometrainer, bunte Blumen. Er ruft den Schöpfer an, er möge das Virus, die Krise und die Angst von uns fernhalten und Barmherzigkeit walten lassen.

Weiter kümmert er sich per Telefon oder Mail um die Gläubigen, an drei Tagen die Woche gibt es offene Zoom-Meetings, in Whatsapp-Gruppen werden Fragen beantwortet.

Bereits Prophet Mohammed habe den Menschen geraten, sich in Zeiten einer Seuche fernzubleiben. «Wir dürfen anderen keinen Schaden zufügen», zitiert Imam Kaser den Propheten aus einer über 1000-jährigen Überlieferung. Die Weisungen des Bundesamt für Gesundheit übersetzt Imam Kaser mit einer weiteren Überlieferung: Man solle sein Kamel, wolle man es nicht verlieren, anbinden und erst dann auf Gott vertrauen. Das Seil dazu die Massnahmen des BAG.

Auch in den Asylzentren hätten einige Menschen Angst, sich mit dem Virus anzustecken oder zu sterben, erzählt der Imam, der zusätzlich als muslimischer Seelsorger arbeitet. Ihm selbst falle besonders schwer, nicht vor Ort sein zu können, wenn in einer Familie jemand stirbt. Die Trauer- und Rezitationssitzung müsse er telefonisch abhalten.

Da nun die Familien aber zu Hause unter sich bleiben, biete das Frauen und Kindern neue Möglichkeiten. Etwa beim Tarawih-Gebet dabei zu sein, das spätabends stattfindet und das sie oft verpassten, weil sie dann nicht zur Moschee konnten. Die Frauen, weil sie Pflichten zu erfüllen haben, die Kinder, weil sie ins Bett müssen.

«Mit jeder Härte kommt Erleichterung», sagte Gott. Sure 94, Vers 5 und 6, ruft der Imam seinen Youtube-Followern in Erinnerung. Dann streckt er seinen Arm aus und schaltet die Kamera ab bis zur nächsten Botschaft.

Ramadan-Kopf und Ramadan-Memes

Doch nicht alle Muslime mögen diese Onlineangebote nutzen, wie ein Anruf bei Zeinab Ahmadi zeigt. Die 26-Jährige ist Bildungsverantwortliche im Haus der Religionen in Bern und Studentin. Das Gemeinschaftsgefühl übers Netz sei nicht dasselbe. Zudem sei sie aufgrund der Arbeit und des Studiums an manchen Tagen bereits bis zu sieben Stunden täglich in Zoom-Meetings und das erst noch mit einem «Ramadan-Hirn».

Die sozialen Aspekte seien wichtig für die religiöse Praxis, sagt Zeinab Ahmadi. Ihr fehlen die Gemeinschaftsgebete und Iftare im grossen Kreis. Lachen kann sie trotzdem, zum Beispiel über Ramadan-Memes. Klicken Sie sich durch die Bildstrecke.
Die sozialen Aspekte seien wichtig für die religiöse Praxis, sagt Zeinab Ahmadi. Ihr fehlen die Gemeinschaftsgebete und Iftare im grossen Kreis. Lachen kann sie trotzdem, zum Beispiel über Ramadan-Memes. Klicken Sie sich durch die Bildstrecke.
Foto: PD/ Haus der Religionen
Junge verschicken untereinander gerne Ramadan-Memes. Zeinab Ahmadi hat die folgenden für Sie rausgesucht. Hier: «Eintritt in den Ramadan», «Ex-Sünder», steht auf der Jacke geschrieben.
Junge verschicken untereinander gerne Ramadan-Memes. Zeinab Ahmadi hat die folgenden für Sie rausgesucht. Hier: «Eintritt in den Ramadan», «Ex-Sünder», steht auf der Jacke geschrieben.
«Die ersten 15 Tage des Ramadan vs. die letzten 15 Tage des Ramadan.»
«Die ersten 15 Tage des Ramadan vs. die letzten 15 Tage des Ramadan.»
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Ramadan-Hirn?

(lacht) Wenn man nicht so schnell denken und Sätze nicht mehr wie gewohnt formulieren kann. Ein Mittagsschlaf hilft.

Ist es einfacher, durch den Ramadan zu kommen, wenn Sie im Homeoffice sind?

Ja, tatsächlich. Sonst ist es teilweise schwierig, deinen sonstigen Alltag mit deinem Ramadan zu vereinen, früh aufstehen zum Beispiel, obwohl das Fastenbrechen erst am späteren Abend beginnt und du um 3.30 Uhr für Suhur aufstehst, die letzte Mahlzeit vor Sonnenaufgang.

Was haben Sie sich für diesen Ramadan vorgenommen?

Über meinen Medienkonsum nachdenken – und ihn reduzieren. Netflix. Das fällt mir gerade schwerer als sonst. (lacht) Ich suche daher nach Dingen, die ich abseits der digitalen Medien tun kann: Mehr im Koran lesen, kleine Suren auswendig lernen. Andere setzen sich Challenges, wie sich mit den 99 Namen von Gott auseinanderzusetzen und sie auswendig zu lernen.

Wie reagiert Ihr Umfeld auf den Ramadan in der Krise?

Wie ich sind viele dankbar, dass sie überhaupt fasten können. Wir sind uns unserer Privilegien umso mehr bewusst, haben aber Bammel vor dem Ende des Ramadan, wenn eigentlich das grosse Fest, Eid-al-Fitr, stattfindet.

Es fällt dieses Jahr wohl aus – das Fest wäre am 24. Mai.

Darauf müssen wir uns psychisch vorbereiten – und nach Alternativen suchen. Allenfalls Geschenke für die Kinder früh genug per Post schicken, das Fest später nachholen. Das gemeinschaftliche Festgebet wird dieses Jahr aber nicht stattfinden können.

Unterhalten Sie sich mit Freundinnen und Freunden über den Ramadan?

Ja, jetzt sogar mehr als sonst. Wir schreiben uns regelmässig Updates über unser Ramadan-Befinden. Die ersten drei Tage etwa hatte ich Kafi-Entzug – wie immer. Oder wir tauschen uns über Rezepte aus – was kann ich frühstücken, damit ich möglichst nicht dehydriere und gut durch den Tag komme. Avocadobrötli mit Ei ist mein Favorit. Und natürlich schicken wir uns Ramadan-Memes. Humor darf nicht fehlen. Das hilft extrem.

Man redet auch über Politik

Zurück am Tisch bei Familie Balic. Dort ist das Gespräch längst weit weg von Corona und auch vom Ramadan gedriftet. Die politische Situation im Heimatland Bosnien schwierig, wie Schweizerinnen und Schweizer auf Muslime oder arabisch klingende Namen reagieren nicht immer gut. Wobei die Familie betont, dass es schon lange zu keiner «Konfrontation» mehr gekommen sei und vielerorts Offenheit herrsche. An Suzana Balics Arbeitsplatz, einem Pflegezentrum, wurde vor einiger Zeit ein spezieller Raum eingerichtet, in dem Angestellte unterschiedlicher Religionen beten können.

Normalerweise fahren die Balics nach dem Kaffee in die Moschee. In diesem Monat bleiben sie zu Hause – «mehr Zeit mit der Familie, das ist auch schön», sagt Sohn Muhamed (links).
Normalerweise fahren die Balics nach dem Kaffee in die Moschee. In diesem Monat bleiben sie zu Hause – «mehr Zeit mit der Familie, das ist auch schön», sagt Sohn Muhamed (links).
Foto: Dominique Meienberg

Es ist kurz vor 21.30 Uhr, Zeit zu beten. Sohn Muhamed und Frau Balic verschwinden im Bad, um sich für das Gebet Hände, Füsse und das Gesicht zu waschen. Herr Balic hat das bereits vor dem Essen erledigt. Danach holt Suzana Balic die Gebetsteppiche – «die Männer vorn, die Frauen hinten», sagt sie, nun in weissem Kopftuch, und legt ihren rot gemusterten im Wohnzimmer hinter dem blauen aus, den sich ihr Mann und Muhamed teilen.

Esad Balic beginnt, das Gebet zu sprechen, alle Augen sind geschlossen, er singt, die drei beugen sich vornüber, Stirn zum Boden, «Allahu akbar», dann betet jeder für sich, lautlos, nur die Lippen bewegen sich, danach schauen sie erst nach rechts, dann nach links. Am Ende Händeschütteln, «Salam», Frieden.

«So, jetzt gibt es Kaffee. Mögen Sie bosnischen Kaffee?»

17 Kommentare
    Jamal Ajdil

    Es ist sehr schade, dass sich Menschen in der heutigen Zeit noch immer von Religionen beeinflussen lassen. Religionen wurden von Menschen gegründet um Antworten auf Fragen zu finden, die damals nicht beantwortet werden konnten. Was sind Blitze, was ist eine Mondfinsternis etc. Heute sollte man schlauer sein als an etwas unreales zu glauben.