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Interview mit Uigurin«Die meisten Politiker und Akademiker im Westen sind viel zu naiv»

Die Whistleblowerin Asiye Abdulaheb kritisiert die fehlende Kenntnis der Natur und der Ambitionen des chinesischen Regimes.

«Die China Cables waren der erste Beweis, der aus dem Herz der Regierung kam»: Asiye Abdulaheb.
«Die China Cables waren der erste Beweis, der aus dem Herz der Regierung kam»: Asiye Abdulaheb.
Foto: Kay Strittmatter

Die Uigurin Asiye Abdulaheb ist nach eigenen Angaben eine der Quellen der China Cables. Die 47-Jährige stammt aus Urumqi, vor einem Jahrzehnt war sie aus China geflohen. Sie lebt derzeit in den Niederlanden. 2019, so ­erzählt sie es, fand sie im Posteingang ihres Laptops interne Papiere der Kommunistischen Partei Chinas: jene Dokumente, die später als China Cables bekannt wurden.

Frau Abdulaheb, hätten Sie gedacht, dass die ­Veröffentlichung so grosse Wirkung hat?

Nein. Das ist richtig explodiert. Danach war mein Leben nicht mehr dasselbe.

Wurde es manchmal zu ­überwältigend?

Nein, nein. Je mehr Menschen von mir und über die Medien von der Sache der Uiguren erfahren, um so besser. Ich möchte ­meinem Volk helfen.

Früher wusste ausserhalb Chinas kaum ein Mensch, wer die Uiguren sind.

Das hat sich geändert. Vor den China Cables gab es auch schon Belege für die Lager, Satellitenfotos zum Beispiel. Aber viele Leute waren weiter skeptisch, sie konnten sich das Ausmass gar nicht vorstellen. Die China Cables waren dann der erste Beweis, der aus dem Herz der Regierung kam, mit dem Stempel der Behörden drauf. Das hat viele ­Leute aufgeweckt.

«Wenn ein Uigure in ­Xinjiang Kontakte ins Ausland unterhält, dann reicht das oft, um ins Lager zu kommen.»

Sie hatten sich selbst bis zu dem Zeitpunkt ­ferngehalten von den Exil- und ­Aktivistenkreisen.

Ja. Die China Cables haben mir dann so etwas wie eine politische Karriere gegeben. Ich habe zum Beispiel die Holländische Stiftung für Menschenrechte der ­Uiguren mitgegründet und kommentiere jetzt auch bei Radio Free Asia oder Voice of America. Daneben kümmere ich mich ­natürlich um meine Kinder. Aber auch ihr Vater kommt noch und hilft.

Ihr Ex-Mann Jasur Abibula. Chinesische Agenten hatten ihn vor der Veröffentlichung der China Cables nach Dubai ­gelockt und wollten ihn erpressen, Sie auszuspionieren.

Er hat viel durchgemacht. Die chinesische Polizei hat nie aufgehört, seine Familie zu belästigen. Erst letzte Woche ist die Polizei wieder bei seiner Mutter aufgetaucht und hat gedroht: «Sag deinem Sohn, er soll sich bei uns melden.»

Und Ihre Familie in China? Wird sie auch bedroht?

Ich weiss es nicht. Der Kontakt zu meiner Familie ist schon vor vier Jahren abgebrochen. Egal, wie ich es auch versuche, ich erreiche sie nicht. Ich weiss nicht einmal, wer noch lebt und wer schon gestorben ist. Die ­Freunde, die ich früher noch per E-Mail ­erreichen konnte, haben mich schon vor Jahren angefleht, sie bitte nicht mehr zu kontaktieren. Sie haben Angst, auf die ­schwarze Liste zu kommen, wie jeder, der Kontakt mit dem Ausland hat.

Das muss schwer sein.

Das ist es. Aber den meisten ­Uiguren im Exil geht es genauso wie mir. Wenn ein Uigure in ­Xinjiang Kontakte ins Ausland unterhält, dann reicht das oft, um ins Lager zu kommen.

Sind Angehörige von Ihnen interniert?

Ich halte das für durchaus möglich.

«Kein Ort auf dieser Welt ist sicher. ­Chinas Arm ist ein langer.»

Werden Sie bedroht?

Bislang nur in den sozialen ­Medien: «Du sollst verrecken», so etwas. Beschimpfungen, Verleumdungen.

Nach der Veröffentlichung der China Cables sagten Sie, Sie hofften, die Öffentlichkeit würde Sie schützen.

Das glaube ich immer noch. Aber vielleicht haben Sie gehört von dem, was Anfang des Monats in Istanbul passierte? Da gab es einen Mordanschlag auf einen jungen Uiguren, der zuvor enthüllt hatte, dass China ihn angeheuert hatte, um andere Exil-­Uiguren auszuspionieren. Kein Ort auf dieser Welt ist sicher. ­Chinas Arm ist ein langer.

Haben Sie Angst?

Ich kann nicht behaupten, ich würde mich gar nicht sorgen. Ich habe das Gefühl, dass China mittlerweile überall auf der Welt mitmischt, oft mit verdeckten Operationen. Das Schlimmste ist, dass viele im Westen noch immer nicht begreifen, mit wem sie es bei der Kommunistischen Partei Chinas zu tun haben. Die meisten Politiker und Akademiker hier haben keine Ahnung von der Natur und den Ambitionen des chinesischen Regimes, sie sind viel zu naiv.

Was sagen Sie zur Chinapolitik des Westens?

Die einzige Regierung, die konkret auf die Enthüllungen ­reagiert hat, unter anderem mit Sanktionen, ist leider die Trump-Regierung. Europa sucht noch immer viel zu sehr die Nähe ­Pekings.

Haben die China Cables in Ihren Augen politisch etwas bewirkt?

Nein, das sehe ich bislang nicht. Der Nutzen der China Cables ­bestand darin, dass sie das Bewusstsein vieler Menschen für die Lage der Uiguren in China geweckt haben. In China aber ist die Lage seither eher schlimmer geworden, die Unterdrückung wächst. Das ist das Traurigste: Du gehst an die Medien, um der Welt mitzuteilen, was da geschieht. Dann wissen es alle – und niemand tut etwas, um es zu stoppen.

4 Kommentare
    Cristina Alberghina

    Wie viele Menschen leben in China und wie viele Uiguren gibt es? Die Hatz der Uiguren gegen China ist zwar verständlich, gibt aber ein falsches Bild wieder. Die Schweizer Medien gebrauchen die Uiguren gern als Mittel zur Unterstützung der hiesigen Chinafeindlichkeit. Religiöse Wahrheiten sind immer problematisch. Keine Religion vs Islam.

    Chinas Probleme sind vornehmlich Umweltverschmutzung und der austrocknende Jangtse. Chinesen brauchen neues Land. Land und saubere Luft, welche die Industrieländer in China zerstört haben. China hat keine andere Wahl als im Ausland zu expandieren. Und wie gehen wir mit diesem Problem um? Liebe Journalisten schreiben Sie mal darüber!