Die Kernschmelze

Markus Somm über den Mueller-Bericht und die Medien.

Markus Somm@sonntagszeitung

Vor gut einer Woche lieferte Robert Mueller, der Sonderermittler, seinen Bericht über die angeblichen Verbindungen von Donald Trump zu den Russen ab. Fast zwei Jahre lang haben Mueller und seine 19 Anwälte sowie 40 FBI-Agenten alles auf den Kopf gestellt und jeden Winkel ausgeleuchtet, 500 Zeugen befragt, 2800 Vorladungen bewirkt und 500 Hausdurchsuchungen vollzogen. Der Bericht soll über dreihundert Seiten lang sein, und er kostete 25 Millionen Dollar, das meiste Geld ging an die Mitarbeiter – für Löhne, Boni und Spesen. Es gab in Amerika schon teurere Untersuchungen, längere, brutalere, aber selten so überflüssige: Er habe, so Muellers Verdikt, keinerlei Belege dafür gefunden, dass Trump je mit den Russen zusammengearbeitet hatte, um die Präsidentschaftswahlen von 2016 für sich zu entscheiden. Und hat er je die Justiz behindert, seit man gegen ihn ermittelte? Mueller liess diese Frage offen, auch wenn sie jetzt umso sinnloser anmutet: Wenn nirgendwo ein Verbrechen zu erkennen ist, was hätte Trump dann verbergen sollen?

Das Ergebnis traf etwa die Hälfte der Amerikaner wie ein Schock, wenn auch ein Schock der bizarren Art. Der Präsident ist keine Marionette von Putins Gnaden, hat Mueller ein für allemal klargestellt. Sollte nicht ganz Amerika aufatmen? Natürlich nicht, was verrät, worum es ging. Hass macht blind. Noch gibt es sehr viele Leute in diesem Land, die nicht akzeptieren können, dass eine demokratische Wahl manchmal anders ausgeht als erwünscht. Statt der Wahrheit ins Gesicht zu blicken, die da heisst: Hillary Clinton war vermutlich der miserabelste Kandidat der Weltgeschichte, beruhigten sich manche Demokraten mit dieser klassischen Verschwörungstheorie. Putin kann alles – sogar Trump als Agenten führen, den unberechenbarsten Menschen seit Dschingis Khan. Wenn das Ergebnis einer Wahl so unwahrscheinlich und demütigend ist, dann darf es nicht mit rechten Dingen zu- und hergegangen sein. Schiebung rufen jene, die nicht verlieren können, weil sie glauben, dass sie ein Recht haben, immer zu gewinnen.

Am härtesten traf es die Medien

Der Schock geht umso tiefer, als Mueller, ein ehemaliger Chef des FBI und ein Republikaner der humorlosen Art, in linken Kreisen geradezu zu einem Heiligen aufgerückt war, solange er zu erfüllen schien, was man sich von ihm erhoffte. Heilig im wahrsten Sinne des Wortes. Wer an Mueller glaubte, konnte Gebetskerzen kaufen, wo statt ­Jesus ein Bild von Mueller prangte. Und erlöse uns von dem Bösen. Oder man zog ein T-Shirt an, das Spike Lee, der Regisseur, in Umlauf gebracht hatte: «God Protect Mueller» lautete die Aufschrift, entworfen ausgerechnet von Lee, einem Linken, der neuerdings also einen FBI-Chef verehrte. Der gleiche Mueller hatte seinerzeit öffentlich beteuert, Saddam Hussein besitze Massenvernichtungswaffen. Nicht zuletzt aufgrund solcher Aussagen lösten die Amerikaner einen Krieg gegen den Irak aus, um am Ende mit einer gewissen Erschütterung festzustellen, dass nirgendwo solche Waffen zu finden waren. Ob Spike Lee sich je an diesen Bericht von Mueller erinnert hat?

Im vergangenen Dezember, als alles auf den Mueller-Bericht wartete, hatte sich «Saturday Night Live», eine der berühmtesten, vor allem aber linkesten Satiresendungen der USA, gar eine Art Weihnachtsbescherung ausgedacht: Alle Frauen des Teams stellten sich hin und sangen: «All I want for Christmas is you!», wobei sie damit Mueller meinten. Sie tanzten, und im Hintergrund war ein Bild von Mueller zu sehen, der eine rote Weihnachtsmütze trug. «Saturday Night Live» glich einem dieser lustigen Unterhaltungsprogramme des DDR-Fernsehens. Was haben wir gelacht.

Der Mueller-Kult und seine Folgen. Am härtesten traf es die Medien. Ausser dem «Wall Street Journal» und Fox News haben alle renommierten Zeitungen und Fernsehsender zwei Jahre lang so getan, als wäre längst bewiesen, dass die Russen Trump ins Weisse Haus gebracht hatten. «Ohne jede Frage hat Trump mit Putin zusammengearbeitet», schrieb Paul Krugman, einer der bekanntesten Publizisten. «Es liegen Unmengen von Beweisen vor», pflichtete ihm Max Boot bei, ein ebenso bekannter Mann. Alle wurden sie widerlegt. Was als Fakten und Analyse dahergekommen war, vorgebracht in Krawatte und mit todernstem Gesicht, stellte sich als geschwätzige Propaganda und dummes Wunschdenken heraus. Es ist eine Kernschmelze. Selten wirkte der Begriff «Fake News» angebrachter – und dass er fast alle Medien der USA zu Recht betraf, ruiniert den Ruf einer ganzen Branche. Ob sie sich je davon erholt, ist offen.

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