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Interview zum Frauenstimmrecht«Die Kantone in der Ostschweiz waren die Bremser»

Einträchtig dagegen: Noch 1973 lehnten es die Männer an der Innerrhoder Landsgemeinde ab, den Frauen auch auf kantonaler Ebene das Stimmrecht zu gewähren.

Erst 1971 konnten sich die Schweizer Männer dazu durchringen, den Frauen das Stimmrecht zu geben. Aber selbst dann waren noch acht Kantone dagegen: Die beiden Appenzell, Uri, Glarus, Schwyz, Thurgau, St. Gallen, Obwalden. Sehen Sie ein Muster?

Lotti Ruckstuhl, die Präsidentin des Schweizerischen Verbands für Frauenstimmrecht, sagt es so: «Die Sonne für das Frauenstimmrecht ging in der Schweiz im Westen auf. Je mehr man nach Osten kam, desto später erschien sie.» Tatsächlich wirkten französischsprachige Kantone als Beschleuniger – die Kantone in der Zentral- und Ostschweiz hingegen bremsten und sagten noch im Jahr 1971 Nein. Am weitesten auseinander lagen Genf und Innerrhoden: In Genf waren 91 Prozent der Stimmenden dafür, in Innerrhoden nur 29 Prozent.

In welchen Kantonen ging die Sonne als Erstes auf?

In der Waadt, in Neuenburg und in Genf. Sie hatten das Frauenstimmrecht auf Kantonsebene bereits 1959 oder 1960 eingeführt und hätten es auch auf eidgenössischer Ebene getan. In der ersten schweizweiten Abstimmung 1959 wurde das Frauenstimmrecht aber mit nur 33 Prozent Ja-Stimmen deutlich abgelehnt.

Welche Rolle spielte die Religion?

Bei der ersten Abstimmung 1959 hatten sich noch klare Unterschiede zwischen katholischen und reformierten Regionen gezeigt, bei der zweiten im Jahr 1971 nicht mehr. Die Konfession hatte an Einfluss eingebüsst. Das zeigt sich exemplarisch im katholischen Wallis: Dort ist der Anteil der Ja-Stimmen von 31 auf 80 Prozent gestiegen. Stärker als die Religion spielten 1971 die Gegensätze Stadt-Land, links-rechts oder jene zwischen den Sprachregionen.

Weshalb weigerten sich so viele Männer in den Bremser-Kantonen, die Frauen mitbestimmen zu lassen?

Auch weil die Männer mehrheitlich ein sehr traditionelles Rollenverständnis hatten, dauerte es so lange, bis die Frauen das Stimmrecht erhielten. Die Männer hatten es bereits 1848 erhalten, und im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden sie über alle religiösen Grenzen und Standesgrenzen hinweg politisch gleichgestellt. Das einte sie und förderte eine männerbündlerische Kultur, welche die Frauen ausschloss. Das spielte auch bei den Landsgemeinden mit.

In allen europäischen Ländern wurde das Frauenstimmrecht nach dem Ersten oder Zweiten Weltkrieg eingeführt. Weshalb nicht in der Schweiz?

Frauen erhielten meistens das Stimmrecht, wenn nach einem gesellschaftlichen Umbruch oder nach einer Revolution eine neue Verfassung in Kraft gesetzt wurde. Es gab keine eigene Volksabstimmung dazu.

Den Schweizerinnen fehlte also eine Revolution.

Es fehlte ihnen ein Gelegenheitsfenster. Nach 1874 wurde die Bundesverfassung über hundert Jahre lang nicht mehr totalrevidiert, und so mussten die Frauen ihr Stimmrecht in vielen kantonalen und in zwei eidgenössischen Volksabstimmungen erkämpfen.

17 Kommentare
    Jack Stoffel

    «Die Sonne für das Frauenstimmrecht ging in der Schweiz im Westen auf. Je mehr man nach Osten kam, desto später erschien sie.»

    Ich musste beim Lesen dieses Satzes lachen. Dieses Phänomen ist in der Schweiz seit sozusagen ewigen Zeiten nicht nur beim Frauenstimmrecht, sondern bei einer ganzen Reihe von Entwicklungen zu beobachten. Jemand hat es mal mit dem Begriff "alemannische Kulturverspätung" umschrieben. Ich habe diesen Ausdruck irgendwann mal aufgeschnappt, habe aber keine Ahnung, von wem und wo. Meines Erachtens trifft er das Wesen dieser Erscheinung haargenau.