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Braunbär attackiert MenschenDie Jagd auf den neuen Problembären ist eröffnet

Im norditalienischen Trentino werden Vater und Sohn von einem Bären angegriffen. Der seltene Vorfall befeuert eine alte Polemik zwischen Tierschützern und Behörden.

Paradies mit gelegentlichen Risiken: Das schöne Val di Funes im Trentino-Alto Adige, mit den Dolomiten als Kulisse.
Paradies mit gelegentlichen Risiken: Das schöne Val di Funes im Trentino-Alto Adige, mit den Dolomiten als Kulisse.
Foto: Alamy Stock

«Wie ein Blitz» schoss der Bär aus dem Kiefernwald. So jedenfalls schilderte es Christian Misseroni, und der junge Trentiner muss es wissen. Er fiel zu Boden, so erschrocken war er über den Anblick. Das Tier griff ihn an, die Pranken trafen seine Beine. Wäre sein Vater nicht dabei gewesen, wer weiss, wie diese plötzliche Begegnung zwischen Mensch und Tier auf dem Monte Peller in der Brentagruppe im Trentino, auf etwa 1500 Metern über Meer, ausgegangen wäre.

Fabio Misseroni, Metzgermeister aus Cles, 58 Jahre alt, warf sich aus schierer Verzweiflung auf den Bären, damit dieser von seinem 28-jährigen Sohn lassen würde. «Er hat mich ins Bein gebissen, dann in einen Arm, zum Schluss in eine Hand. Dann zog er von dannen, wie durch ein Wunder», erzählte der Vater. «Er hätte uns beide töten können.»

1999 ausgesetzt, nun sind es achtzig

Natürlich ärgert diese Schilderung die Tierschützer, und Experten zweifeln an den Einzelheiten. Bären sind ein altes Politikum. Die Gegend mit ihren vielen Wäldern ist bekannt dafür, dass in ihr Bären zugange sind. 1999 hatte die Europäische Union ein Dutzend Tiere aus dem nahen Slowenien dort ausgesetzt, ein Grossprojekt. Nun schätzt man den Bestand auf ungefähr achtzig Bären in freier Wildbahn. Doch seit 1999 hatte es am Monte Peller nie einen solch gefährlichen Vorfall gegeben.

Die ortskundigen Männer, die offenbar einen Jagdausflug gemacht hatten, schafften es aus eigener Kraft zurück zum See, wo ihr Wagen parkiert war. Sie fuhren dann nach Cles und dort direkt ins Spital. Der Vater hatte sich mehrere Knochenbrüche am Bein und Wunden zugezogen. Der Sohn dagegen kam mit Kratzern davon, stand aber unter Schock. «Ich sehe den Bären noch vor mir, ständig sehe ich ihn vor mir», sagte Christian Misseroni immer wieder, wie italienische Medien berichten.

M49 alias «Papillon»

Warum das Tier die Männer attackiert hat, ist völlig unklar. Es gibt nur eine vage Vermutung. Romano Masè, Kommandant der Forstpolizei der autonomen Provinz Trentino, sagte den Reportern, bei dem Tier habe es sich womöglich um ein Weibchen gehandelt, das seine Kleinen im Wald versteckt und sie vor den Männern zu schützen versucht habe. Deshalb sei es vielleicht so aggressiv gewesen.

Viel zu reden gab aber zuletzt Bär M49, ein junges Männchen, stark und agil, 167 Kilogramm schwer und «problematisch», so beschrieben ihn die Behörden. Im letzten Jahr waren sie einmal so verzweifelt, dass sie ihn zum Abschuss freigaben. M49 war es im vergangenen Juli gelungen, aus einem Gehege zu entkommen, das eigens für Problembären wie ihn errichtet worden war. Vier Meter hoch war der Zaun, dreifach gezogen, die Drähte waren geladen mit 6000 bis 9000 Volt.

Ausbruchskünstler M49 – 289 Tage war der Bär auf der Flucht, dann ging er in eine gestellte Falle.
Ausbruchskünstler M49 – 289 Tage war der Bär auf der Flucht, dann ging er in eine gestellte Falle.
Foto: PD

M49 war ein Ausbruchskünstler. Italiens Umweltminister Sergio Costa gab ihm deshalb den Spitznamen «Papillon», Schmetterling, in Anlehnung an die verfilmte Geschichte von Henri Charrière, der aus einem Gefängnis in Französisch-Guyana geflohen war.

Er riss Ziegen und zog weite Runden

Da sie M49 keinen Sender montiert hatten, keine elektronische Fussfessel gewissermassen, war die Suche besonders schwierig. Die Ermittler folgten den Spuren in Sennhütten, in die er einbrach, in Agrarbetriebe, wo er Honig suchte. Er riss Ziegen. Und er war viel unterwegs, nicht nur im Trentino, auch im benachbarten Südtirol und im Veneto. Es heisst, er habe auch die Autobahn A22 überquert. 289 Tage lang ging das so, immer wieder wollte ihn jemand gesehen haben. Dann, Ende April, als Italien ganz beschäftigt war mit dem Kampf gegen Corona, ging «Papillon» in die Falle – eine Art Röhrenkäfig.

Sergio Costa, Italiens Umweltminister, sucht überall in Europa nach einem Plätzchen für den aggressiven Bären.
Sergio Costa, Italiens Umweltminister, sucht überall in Europa nach einem Plätzchen für den aggressiven Bären.
Foto: Getty Images

Er wurde zurückgebracht ins Faunazentrum Casteller, wo er ausgebrochen war. Seine Unterbringung ist jetzt mit Plexiglas bewehrt, da kommt er nicht raus. Umweltminister Costa beteuerte, er suche überall in Europa nach einem Ort, wo M49 gut aufgehoben wäre, er sei nämlich überhaupt nicht glücklich darüber, dass der Bär gefangen sei.

«Dieser Fang ist eine Niederlage für alle.»

WWF Italia über den Fang von M49 mitten in der Pandemie

Das Bekenntnis des Ministers genügte den Tierschützern nicht. «Papillon» habe keinem Menschen Schaden zugefügt, hiess es, er habe auf seiner Flucht in die Freiheit nur Lebensmittel in verlassenen Almhütten gestohlen. «Lebenslange Haft» sei deshalb unfair. WWF Italia erinnerte bei der Gelegenheit, dass Bären eine geschützte Art seien und dass ihr Fang genauen nationalen und internationalen Regeln unterliege. «Das ist eine Niederlage für alle und eine missliche Nachricht für den Naturschutz in unserem Land.»

Eben erst begonnen hat nun die Suche nach dem Bären, der den Metzger aus Cles und seinen Sohn attackiert hatte. Als die zwei Männer den Ermittlern von ihrer Begegnung erzählten, war es schon zu spät, die Sonne senkte sich gerade über den Wäldern des Monte Peller.

Eine Begegnung mit einem Bären muss nicht unbedingt übel ausgehen: Hinter einem Zwölfjährigen richtet sich ein grosser Bär auf. Geleitet von den ruhigen Worten seines Vaters zeigt der Junge dem Tier die kalte Schulter, bewegt sich langsam davon – bis das Tier das Interesse verliert und sich abwendet.
Video: Storyful