Die Erfolgsgarantin

Estefania Miranda hat ihre Sparte zur erfolgreichsten bei Konzert Theater Bern gemacht. Dank ihrem Riecher für das Berner Publikum. Und ihrer Sicherheit für Geschmack.

«Ich mag Struktur, weil Struktur künstlerischen Freiraum ermöglicht»: Estefania Miranda in den Vidmarhallen im Liebefeld. Foto: Raphael Moser

«Ich mag Struktur, weil Struktur künstlerischen Freiraum ermöglicht»: Estefania Miranda in den Vidmarhallen im Liebefeld. Foto: Raphael Moser

Michael Feller@mikefelloni

Das Büro ist bemerkenswert aufgeräumt. In der Mitte ein Tisch für Besprechungen und vier Stühle. Wunderschöne Möbel. Auch der Bürotisch, hinter den sich Estefania Miranda nun setzt, sieht aus, als würde hier nicht wirklich gearbeitet, was natürlich nicht stimmt. Ein beneidenswert kleiner Stapel Papier liegt neben dem Laptop.

Dazu Mirandas Kaffeebecher und sonst nichts. Ah, und am Boden ist noch ein kleiner Hund, der kurz vorbeischnuppert. Und eine Plastikpflanze in der Ecke, wie eine Ohrfeige für jeden Innendekorateur. «Sie steht auf Anraten von Winston Ricardo Arnon da», sagt sie und lacht. Der auffallendste, grösste, kräftigste und für viele der beste Tänzer des Ensembles hat sich bei der Chefin über die karge Ausstattung beschwert.

Die klarste Handschrift

«Ich mag Struktur, weil Struktur künstlerischen Freiraum ermöglicht», sagt die 44-jährige Chilenin. Südamerikanisches Temperament? Ja, das blitzt hervor, doch es verschwindet gerne hinter der Klarheit von Estefania Miranda, seit 2013 Leiterin der Sparte Tanz von Konzert Theater Bern.

Die Chefin der potenziell abgehobensten Sparte ist jene mit der klarsten Handschrift in ihrer Arbeit. Und mit den besten Auslastungszahlen im Haus. Wenn Konzert Theater Bern tanzt, dann tanzt es vor vollen Rängen.

Wie macht sie das? «Es gibt kein Erfolgsrezept für Kunst», sagt sie, und doch scheint sie es für Bern gefunden zu haben. Sie setzt auf Nähe, auf Öffnung und auf die richtigen Gastchoreografen. In ihren eigenen Choreografien schafft sie verständliche, emotionale, ästhetische Bilder. 

Mit 15 Jahren siedelte Miranda nach Europa über. Mit einem Tanzstipendium in der Tasche ging sie nach Edinburgh, später studierte sie in den Niederlanden, und noch vor dem Abschluss ihrer Ausbildung erhielt sie in Weimar ein erstes Engagement. Im Jahr 2000 wurde dort Stephan Märki Intendant, unter ihm wechselte sie ins Schauspielfach und wurde Mitglied des Ensembles.

Sie lebte fortan in beiden Welten. 2009 gründete sie in Berlin die Company Estefania Miranda und brachte ihre Tanztheaterproduktionen an renommierten europäischen Häusern unter. 2010 wurde sie unter Märki Kuratorin für Tanz in Weimar.

Drei Jahre später folgte sie ihm nach Bern. Ihr Start war nicht einfach. Sie führte gleich ein neues Format ein, die Tanzplattform Bern, das Festival für Nachwuchschoreografen, das jeweils im Juni stattfindet.

Braucht es das in Bern? Die Öffentlichkeit war skeptisch. Doch seit die Zahlen gut sind, und das waren sie bald einmal, ist die Kritik verstummt. Was Estefania Miranda in die Hand nimmt, ist wohlüberlegt und hat Erfolg, lautet die Faustregel, auch wenn sie widerspricht: «Jede Produktion ist ein Risiko. Unser Erfolg ist nicht selbstverständlich.»

Klee, vertanzt

Am Freitagaben feiert die nächste Produktion Premiere, «Paul Klee». Einiges daran ist typisch für die Arbeit von Estefania Miranda, auch wenn sie nicht selbst choreografiert. Sie geht gerne von regionalen Themen aus, auch Le Corbusier wurde schon vertanzt. «Engel in Blau» nach einem Bild von Klee, wird nun von Mattia Russo und Antonio de Rosa choreografiert, sie haben den Auftrag als Sieger des letztjährigen Tanzpreises gewonnen.

Für den zweiten Teil des Abends, «Mr. Rabbit», ist Étienne Béchard zuständig. Letztes Jahr hat er mit «Bolero» begeistert. Auch er hatte sich um den Berner Tanzpreis beworben, erhielt jedoch eine Absage, dafür aber gleich den Auftrag, seine Choreografie «Post Anima» mit dem Berner Ensemble umzusetzen.

Estefania Mirandas Händchen bei der Förderung von Choreografen ist ein Baustein ihres Erfolges in der kleinsten Berner Sparte, die im Vergleich zu den grossen Balletts in Zürich und Lausanne mit sehr bescheidenen Möglichkeiten auskommt. Ein anderer wichtiger Teil ist die Vernetzung. Die Berner Tanzsparte scheut sich nicht, in die Stadt raus zu gehen und etwa mit der New Dance Academy zu kooperieren, dem grössten Tanzkurs-Anbieter der Schweiz.

«Man kann heute nicht einfach in der Hochburg der Hochkultur sitzen und darauf warten, bis das Publikum kommt», sagt Miranda. Auch im Haus selbst gibt es Angebote für Laien, die «Allstars» und die «Seniorstars». Insbesondere die Seniorentanzgruppe, die mit Einbezug der Tänzer des Ensembles Elemente von KTB-Produktionen einübt, ist ihr richtig ans Herz gewachsen, «das ist auch ein richtig kluges Publikum», sagt sie.

Für die «Seniorstars» erhielt KTB kürzlich den Kulturvermittlungspreis Silberbär. So holt Miranda die Zuschauer ins Haus. «Diese Tanzinteressierten sind Multiplikatoren», sagt sie. Sprich: Wenn man die richtig verzaubert, dann kommen sie wieder, mitsamt ihren Freunden.

Miranda fordert Wachstum

2009 dachte der damalige Stadtpräsident Alexander Tschäppät laut über die Abschaffung der Ballettsparte nach, 10 Jahre später wäre das undenkbar. Heute stellt sich eher die Frage, warum der Tanz immer noch die vierte Sparte im Vierspartenhaus ist, die mit Abstand kleinste, wenn doch die Berner ihren Tanz so lieben? «Das frage ich mich auch», sagt Estefania Miranda.

Für sie ist klar, der Tanz muss wachsen. Für die übernächste Spielzeit 2020/21 wünscht sie sich, dass sie eine Produktion mehr im Stadttheater und eine weniger in der kleineren Vidmar 1 erhält. Längerfristig könne sich die Sparte aber nur mit einem grösseren Ensemble entwickeln. Das kostet Geld, und dafür müsste eine andere Abteilung bluten, oder es müssten zusätzliche Mittel zur Verfügung gestellt werden.

Von der künftigen Intendanz, die derzeit gesucht wird, erhofft sie sich aber nicht viel mehr als Verständnis für den Tanz. Denn der Tanz hat es in Mehrspartenhäusern traditionell schwer, nicht nur in Bern – traumhafte Zahlen hin oder her.

«Paul Klee», Premiere heute, 19.30 Uhr, Vidmar 1, Liebefeld. Bis 12. 6. www.konzerttheaterbern.ch

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt