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Luanda LeaksDie dunklen Geheimnisse der erfolgreichsten Frau Afrikas

Isabel dos Santos gilt als erfolgreichste Frau Afrikas. Doch sie hat jahrelang Wettbewerbsvorteile erhalten – durch ihren Vater, den autokratischen Präsidenten.

Der angolanische Staat ermittelt gegen Isabel dos Santos, die einst international als Geschäftsfrau gefeiert wurde. Sie sieht sich als Opfer einer Intrige.
Der angolanische Staat ermittelt gegen Isabel dos Santos, die einst international als Geschäftsfrau gefeiert wurde. Sie sieht sich als Opfer einer Intrige.
Foto: Emma McIntyre (Getty)

Als reichste Frau Afrikas wurde Isabel dos Santos lange gefeiert, als Unternehmerin und Milliardärin, die so anders war als das Image des Kontinents – vermögend, clever, erfolgreich. Im Westen, wo man sich oft enttäuscht fühlte von Afrika, wollte man diese Erfolgsgeschichte nur zu gerne hören. Isabel dos Santos ist während der Präsidentschaft ihres Vaters in Angola märchenhaft reich geworden, ist beteiligt an Banken, Mobilfunkfirmen, einer Supermarktkette.

Ihr gehört auch das Ingenieurbüro Urbinveste, das 2013 im Auftrag des Staats einen Plan entwickelte, einen Teil der Küste in Luanda neu zu gestalten. Einstige Küstenbewohner erzählen, sie seien im Zuge der Umgestaltung wie Ungeziefer vertrieben, mit Tränengas besprüht, mit Knüppeln geschlagen worden, bis sie weggingen und die Häuser niedergewalzt wurden. Die Slumbewohnerin Faustina Lurubo fasst die Lage in Angola so zusammen: «Die Familie dos Santos ist so reich, und wir haben nichts.»

Bürgerkrieg und Ölboom

Der Aufstieg von Isabel dos Santos wirkte lange umso faszinierender, als ihre Heimat schwer gebeutelt worden war. Angola gehörte zu jenen Staaten, in denen der Kalte Krieg zu einem heissen wurde. Nachdem Portugal das Land 1975 in die Unabhängigkeit entlassen hatte, kämpften die USA und die Sowjetunion um Einfluss, es begann ein jahrzehntelanger Bürgerkrieg. Erst 2002 kam der Friede. Es folgte ein Boom, der hohe Ölpreis spülte Milliarden in die Staatskasse. Präsident dos Santos wollte seine sozialistische Vergangenheit hinter sich lassen und das Land in eine turbokapitalistische Zukunft führen.

Diesen Anspruch verkörperte niemand so gut wie dessen Tochter Isabel mit ihren Firmenbeteiligungen, ihrer Weltgewandtheit und ihrem Instagram-Account. Ihr Mann Sindika Dokolo, der aus dem Kongo stammt, handelte mit Diamanten und Kunst. Alles, was das Traumpaar anfasste, schien zu gelingen. Wiederholte Korruptionsvorwürfe wurden im Westen überhört.

Obwohl die Interessenkonflikte der angolanischen Präsidentenfamilie offensichtlich waren, schien dies in Europa kaum jemanden zu stören.

Nun verraten mehr als 715'000 Dokumente eine Fülle neuer Details aus der Geschäftswelt von Isabel dos Santos und erhärten den Verdacht, dass sie von ihrer Nähe zum Präsidenten erheblich profitiert hat. Das Material wurde der Platform to Protect Whistleblowers in Africa (PPLAAF) zugespielt, diese teilten die Luanda Leaks mit dem International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) in Washington; dieses kooperierte unter anderen mit der «Süddeutschen Zeitung» und der Redaktion dieser Zeitung (lesen Sie die ganze Enthüllungsstory hier).

Die Recherchen nähren den Verdacht der Vetternwirtschaft. Isabel dos Santos und ihr Mann Sindika Dokolo bestreiten sämtliche Vorwürfe vehement. Ende Dezember, wenige Tage nach einer Anfrage des ICIJ an die angolanische Regierung zu den Geschäften von dos Santos, fror die angolanische Justiz Konten und Beteiligungen von Isabel dos Santos ein und erhob den Vorwurf, sie, ihr Mann und ein Vertrauter schuldeten dem Staat mehr als eine Milliarde Dollar. Isabel dos Santos wiederum bezeichnet sich als Opfer einer «orchestrierten Attacke durch die aktuelle Regierung».

Die geleakten Dokumente zeigen detailliert, wie Isabel dos Santos mithilfe ihres Vaters an die Schaltstellen der Macht gelangte – und wie fliessend dabei die Grenzen zwischen Politik und Privatgeschäften waren. Während Vater dos Santos Präsident war, erhielt eine Firma, die dessen Tochter Isabel gegründet hatte, von der Regierung eine Mobilfunklizenz. Ihr Ingenieurbüro Urbinveste bekam einen Planungsauftrag für die Modernisierung Luandas. Die staatliche Erdölgesellschaft Sonangol liess sich von einer Firma beraten, die Isabel dos Santos gehört. 2016 übernahm dos Santos sogar die Führung des Staatskonzerns. Isabel dos Santos bestreitet bei alledem jedes Fehlverhalten. Die Regierung habe sie gebeten, den Staatskonzern Sonangol zu beraten, weil sie zu den «sehr wenigen Angolanern gehört, die über substanzielle internationale Geschäftserfahrung verfügen».

Ihr Firmenimperium ist unübersichtlich. Nach Recherchen des ICIJ und seiner Partner war dos Santos bis heute an weltweit 400 verschiedenen Firmen beteiligt. Argwohn schien sie in der westlichen Geschäftswelt nicht zu erregen. Immer wieder waren ihr europäische Anwälte und Wirtschaftsberater zu Diensten. Obwohl die Interessenkonflikte der angolanischen Präsidentenfamilie offensichtlich waren, schien dies in Europa kaum jemanden zu stören.

Isabel dos Santos betont oft, sie habe mit Politik nichts zu tun, sei nur eine geborene Geschäftsfrau. Der «Financial Times» sagte sie 2013: «Ich hatte schon im jungen Alter Geschäftssinn. Ich habe Hühnereier verkauft, als ich sechs Jahre alt war.» Geboren wurde sie 1973 in der Sowjetunion als Tochter von José Eduardo dos Santos, der dort studierte, und einer Russin. Sie wuchs in Luanda und London auf, besuchte eine Privatschule, später das King’s College, wo sie zur Ingenieurin ausgebildet wurde.

Eine Party für 2000 Personen

An einem Dienstagnachmittag Ende Dezember ist die Bar Miami Beach in Luanda gut gefüllt, auf den Tischen stehen Caipirinhas und Bier, man blickt auf den Sandstrand und das azurblaue Meer. Die Reichen und Schönen fahren mit Geländewagen vor oder gleich mit eigenen Booten.

Mit dem Miami Beach hat sich Rui Barata einen Jugendtraum erfüllt. Er trägt kurze Hosen, ist gebräunt und durchtrainiert. Barata, als Sohn portugiesischer Einwanderer in Angola geboren, zog mit den Eltern nach Europa, als hier der Bürgerkrieg tobte, kam erst Mitte der Neunziger zurück. Er kaufte das Miami Beach, das von Pflanzen überwuchert war. Barata organisierte Beachpartys und lernte Isabel dos Santos kennen, die sich an seinem Lokal beteiligen wollte. Er sagte Ja. Sie sei immer voller Enthusiasmus, sagt Rui Barata über seine Freundin. «Das mag ich an ihr: Sie denkt nie klein, immer gross.» Einmal habe er eine Party für 100 Leute organisieren wollen. Da habe Isabel gesagt: «Warum nicht gleich für 2000?»

Die nächsten Jahrzehnte wurden zu einer riesigen Party für die Präsidententochter. In der Hauptstadt Luanda sieht man überall ihre Unternehmen. Lange hat sie sich ein Land nach ihrem Geschmack gebaut, Papa unterschrieb die Dekrete. Das Volk sollte nicht nur von den dos Santos regiert werden, sondern auch deren Produkte und Dienstleistungen konsumieren. An Isabel dos Santos kommt kaum ein Angolaner vorbei. Selbst Faustina Lurubo hat in ihrem Slum die Satellitenschüssel von Zap auf dem Dach, dem Fernsehen von dos Santos. Es ist am billigsten und zeigt die meisten brasilianischen Telenovelas.

Der neue Präsident Angolas scheint den alten Filz seines Vorgängers nicht mehr zu dulden.

Mittlerweile ist die grosse Party aber vorbei. Am Hafen steht das riesige Einkaufszentrum Fortaleza, eine Trutzburg des Turbokapitalismus, die nie bezogen wurde. In Belas Shopping, einem anderen Einkaufszentrum, laufen die Geschäfte schleppend. «Es könnte besser sein», sagt eine Verkäufern im Juweliergeschäft. Es ist wie der Kater nach einer endlosen Party. Überall in Luanda stehen Bürohäuser leer, riesige Hotelneubauten haben kaum einen Gast gesehen. Der Ölpreis ist gefallen, Arbeitslosigkeit und Inflation sind gestiegen.

Der neue Präsident João Lourenço stammt aus derselben Partei wie sein Vorgänger und wurde sogar von diesem ausgewählt. Aber er scheint den alten Filz nicht mehr dulden zu wollen, jedenfalls nicht den der früheren Präsidentenfamilie. Er hat Isabel dos Santos 2017 von der Spitze der Ölgesellschaft entfernt und ihr den Planungsauftrag für ein Infrastrukturprojekt in Luanda weggenommen. In einer Verfügung des neuen Präsidenten heisst es über den früheren Deal zur «Marginal da Corimba» zwischen Staat und der Dos-Santos-Firma Urbinveste, dieser habe gegen Grundsätze der Moral, Gerechtigkeit und Transparenz verstossen.

Isabel dos Santos selbst sieht sich als Opfer einer Kampagne. Im Januar steht sie einem Fernsehteam der BBC in London Rede und Antwort. All die einflussreichen Leute aus der Regierungspartei MPLA seien geblieben, nur sie und ihr Mann würden vom neuen Präsidenten verfolgt, sagt sie. Dieser veranstalte eine Hexenjagd, um sich selbst die Macht zu sichern. Es sei Unsinn, zu glauben, dass ihr Erfolg bloss ihrem Vater geschuldet sei. Ihr Fernsehangebot habe eine Million Kunden. «Sie können mir doch nicht erzählen, dass die Leute unser Satellitenfernsehen abonnierten, weil mein Vater Präsident war.»

Am Ende des Interviews schliesst Isabel dos Santos nicht aus, dass sie in Angola für die Präsidentschaft kandidieren könnte. «Ich glaube, es ist wichtig, die Dinge um einen herum zu verändern», sagt sie.