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ZoomDie Balance des Blicks

Bekannt ist Werner Schwarz vor allem als Maler. Zum ersten Mal sind seine Reisefotografien in einer Ausstellung zu sehen – eine Entdeckung.

Fotos: Werner Schwarz

Er musste einfach. Auch wenn er es sich eigentlich gar nicht leisten konnte. Die Enge hinter sich lassen, die ihn in seiner «Bude», seinem selbst gebauten, etwas windschiefen Atelier zwischen den vielen neuen Blöcken in Schliern bei Köniz, manchmal befiel. Werner Schwarz musste auf Reisen gehen. Zum Beispiel 1962: auf dem Landweg nach Indien. Vier Monate war er unterwegs und am Schluss so mittellos, dass die Schweizer Botschaft ihm das Geld für die Rückreise vorschiessen musste.

Bekannt ist Werner Schwarz (1918–1994) heute vor allem als Maler von Landschaften, Porträts und Ölbildern, später kamen abstrakte Glasbilder dazu. Seine Fotografien, die Schwarz auf seinen Reisen machte und die nun erstmals in einer Ausstellung zu sehen sind, werden zu Recht als Entdeckung gefeiert. Man muss sich das mal vorstellen: ein grosser, bärtiger Bauernsohn aus der Schweiz, der nur Berndeutsch spricht, in den 50er- und 60er-Jahren unterwegs in Marokko, Indonesien, England, Italien, China oder Grönland. Es war die Zeit vor dem Massentourismus. Nicht wenige der Menschen auf seinen Bildern werden vorher noch nie Kontakt mit einem weissen Europäer gehabt haben.

Während seiner Reise durch die Wüste: Der Maler und Fotograf Werner Schwarz .
Während seiner Reise durch die Wüste: Der Maler und Fotograf Werner Schwarz .

Doch es ist nicht nur der wehmütige Blick zurück auf eine Welt vor Easyjet und Selfie-Sticks. Was diese Bilder so aussergewöhnlich macht, ist die Nähe, die Schwarz zu seinen Protagonisten herstellt, das Vertrauen. Von den Bauern im Atlas-­Gebirge bis zu den Näherinnen in einer indonesischen Textilfabrik: Immer ist Schwarz ganz der Künstler, der im Kleinen die grosse Bedeutung sucht.

Der fotografische Nachlass befindet sich in einem Holzschrank im Archiv der Stiftung Werner Schwarz und besteht überwiegend aus 6x6-Diapositiven. Eineinhalb Jahre lang hat Kurator Bernhard Giger jede einzelne Fotografie gesichtet. «Werner Schwarz: Fotografien» ist die letzte thematische Fotografie-Ausstellung, bevor Giger Ende des Jahres als Leiter des Kornhausforums zurücktritt. Was ihn an den Bildern bis heute fasziniert, ist «die Unmittelbarkeit, die nichts Gestelltes hat, die einfach stimmt in der Balance des Blicks zwischen dort und hier.»

Ausstellung: Werner Schwarz (1918 – 1994), Fotografien, Kornhausforum Bern, 4.9. – 17.10.2020.

2 Kommentare
    Anja Soldat

    In den 1960er Jahren noch nie vorher einen weissen Mann gesehen? Zwischen sog. « Indochina » und Marokko gab es im 20. Jhdt. wahrlich kein « unentdecktes Fleckchen » mehr, im Gegenteil: die Länder wurden gerade dekolonisiert. Handelsbeziehungen bestanden ohnehin schon seit Jahrhunderten mit allen Ecken der Welt ;-) Schon hundert Jahre vorher gingen Sprösslinge reicher, europäischer Familien auf die « tour de monde » und brachten Glasplatten-Diapositive aus den abgelegensten Gegenden mit nach Hause. Bloss weil die Bilder im Jahr 2020 eine romantisch-nostalgische Stimmung auslösen, braucht man nicht unrealistische Vorstellungen einer « unentdeckten Welt » heraufbeschwören.