Die armen Landeier

Für die Sommerserie Stadt-Land schreiben drei Redaktorinnen über ihren Wohnort. Heute Claudia Salzmann über Kultur.

Claudia Salzmann@C_L_A

Ich bedauere Landeier. Wenn sie essen gehen wollen, haben sie in ihrem Dorf meist nur den Bären zur Auswahl. Hier in der Lorraine gehe ich für Falafel ins Kairo, für Veganes in die Brasserie, für gutes Ingwerbier in den Wartsaal, für das schärfste Curry ins Okra, für das leckerste Zmittag ins Du Nord, für die besten Lachs­teigwaren ins Carbonara und für die dünnste Pizza in den ­Römer. Damit nicht genug: Türkisch, thailändisch, indisch, chinesisch, italienisch, kebabisch – Imbissläden aller Art sorgen dafür, dass auf der Gabel nie die Langeweile sitzt.

Auch für Kultur ist in meinem Quartier gesorgt: Wenn nicht gerade Lorrainechilbi, Tour de Lorraine oder Jurastrassenfest ist, befinden sich zwei preisgekrönte Klubs und ein alternatives Kulturzentrum gleich hinter der Lorrainebrücke. Oder der Wartsaal organisiert auf einer Mikrobühne Musik­raten, Singer-Songwriter-Konzerte und Lesungen. Seit langem sorgt das Kairo für grossstädtische Stimmung. Es lockt mit Konzerten am Montag die Berner in Scharen in seinen Keller oder bei warmem Wetter vors Lokal.

Als ich letztes Jahr von New York zurückkam, hatte ich eine Krise und das Gefühl, Bern sei provinziell und dorfig. Ich war mit dem Velo vom Bahnhof in die Lorraine unterwegs, als auf der Schützenmatte ein schmuckes Technofest lief. Ich fuhr weiter, mein Spirit hob sich bereits. Richtig gute Laune hatte ich, als ich vor dem Kairo eine Menschentraube sichtete und gerade ein Feuerwerk losging. Ich hielt an und schaute zu. Danach gab die Band noch Zugaben.

Biggerclub heisst die Band, die in Bern Kultstatus hat. An vorderster Front spielt dort Hoschi, ein Kraftpaket und Schauspieler, hüpft in den kleinsten Hotpants der Welt wie ein Gummiball auf und ab, verletzt sich nicht selten dabei. Er schwingt das Mik so energisch, dass die Zuschauer in der ersten Reihe zurücktreten. Und rettet mit seinen Einlagen so manchen Abend. Ich wünsche allen Landeiern, dass der Biggerclub auch mal in eurem Bären auftritt.

Berner Zeitung

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