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Kommentar zu US-TruppenabzugDer Sinn der Nato

Viele Deutsche begrüssen den Abzug von US-Truppen aus ihrem Land. Dabei hat die Bedrohung durch Russland nicht abgenommen.

2018 traf Präsident Donald Trump US-Truppen auf dem Stützpunkt Ramstein in Deutschland.
2018 traf Präsident Donald Trump US-Truppen auf dem Stützpunkt Ramstein in Deutschland.
Foto: Saul Loeb (Afp)

Mit seiner Entscheidung, die Zahl der in Deutschland stationierten US-Soldaten um ein Drittel zu verringern, hat Präsident Donald Trump keineswegs nur Kremlchef Wladimir Putin eine Freude gemacht. US-Verteidigungsminister Mark Esper hatte vergangene Woche angekündigt, knapp 12’000 Soldaten aus Deutschland abziehen zu wollen. 6400 sollen zurück in die USA, etwa 5600 sollen in andere Nato-Staaten in Europa verlegt werden – nach jetzigem Stand vor allem nach Italien und Belgien. Fast die Hälfte der Deutschen sind einer Umfrage zufolge einverstanden mit der Reduzierung. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov befürworten 47 Prozent eine Reduzierung der derzeit 36’000 Soldaten. Jeder Vierte wünscht sich gar den kompletten Abzug der US-Streitkräfte.

Trumps Egoismus

Hier offenbart sich ein Problem, das noch gravierender ist als der Truppenabzug selbst. Vielen Deutschen ist der Glaube an den Sinn der Nato und damit der amerikanischen Truppenpräsenz abhandengekommen. Das hat zwei Hauptgründe. Zum einen kann nicht ohne Folgen bleiben, dass Trump mit seinem nationalen Egoismus und seinem abstossenden Politikstil traditionelle Verbündete verprellt. Zum anderen halten viele Deutsche ihr Land für sicher vor militärischer Bedrohung. Und das, obwohl Russland vor gerade einmal sechs Jahren mit militärischen Mitteln Grenzen in Europa verschoben hat.

Ohne die USA hätten die Europäer einer Aggression wenig entgegenzusetzen. Es ist daher richtig, wenn die deutsche Regierung und der grösste Teil der Opposition die Truppenreduzierung beklagen – von den sechs im Bundestag vertretenen Fraktionen lehnen fünf den Truppenabzug ab. Ebenso wichtig wäre es aber auch, den europäischen Beitrag zur Nato zu stärken – und die Bevölkerung von deren Sinn zu überzeugen.

95 Kommentare
    Villiger Erwin

    Wie doch die Geschichte immer wieder konsequent weggelogen oder zumindest verdrängt wird. Wie oft standen europäische Armeen in Russland und liessen dort Verwüstung, Terror und Schrecken zurück? Napoleon, erster und zweiter Weltkreg. Russland ist gegenüber Europa eine Macht, zweifellos, aber die Nato versuchte auch ihr Gebiet gegen Osten auszuweiten. Dass Russland auf der Krim ist, ist strategisch nachvollziehbar.

    Kaum einer will das russische System hier, aber immer gleich die Gefahr und Schuld nach Osten zu verschieben, ist gelinde gesagt Augewischerei. Russland ist ein Vielvölkerstaat und hat in seinem riesigen Innern genug zu tun, um dieses Gebilde zusammen zu halten. Ich sehe im jetzigen Moment, ausser Destabilisierungsversuche auf politischer Ebene im Geheimdienst und in der Cyberwelt, keine direkte Gefahr von Moskau. Das sind Schauermärchen, die uns dem Volke immer wieder aufs Neue aufgetischt werden. Das heisst nicht, dass es die Nato nicht geben soll. Solange Grossmächte, Europa ist auch eine, Einfluss übereinander zu gewinnen versuchen, solange brauchen wir eine Verteidigung, aber keine kindlichen Schuldzuweisungen.