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Sommerserie Grenzen: Von Lausanne nach Bern«Der Röstigraben wird immer ausgeprägter»

Line Bussard zog als Kind mit ihrer Familie von Lausanne nach Bern. Heute fragt sie sich, warum sich die jungen Deutschschweizer so selten ins Welschland wagen.

Line Bussards Grenze war der Röstigraben.
Line Bussards Grenze war der Röstigraben.
Foto: Franziska Rothenbuehler

«La barrière de rösti», der Röstigraben, zieht sich zwischen der deutsch- und der französischsprachigen Schweiz hindurch. Als ich 14 Jahre alt war, zog ich mit meinen Eltern, meinem Bruder und meiner Grossmutter von Lausanne nach Bern. Und dann erlebte ich die Grenze zwischen den Landesteilen an meinem eigenen Leib.

Ich kam ins Progymnasium, Mädchen und Jungen gingen nicht mehr getrennt voneinander in die Schule wie in Lausanne. Auch wenn ich zuvor bereits einige Jahre Deutsch gelernt hatte, waren die Sprache und das Kopfrechnen die grössten Hürden, die ich überwinden musste. Hätte mein Klassenlehrer nicht Verständnis für meine Lage gezeigt, hätte ich nach einem Quartal in Bern das Schuljahr wiederholen müssen.

Die Welschen sind rar geworden in Bern

Natürlich wäre ich am liebsten in Lausanne geblieben. An der Schule hatte ich bereits eine Rolle für das nächste Theater. Doch mein Vater arbeitete als Bundesbeamter und musste nach Bern umziehen. Ein Jahr nach dem Umzug fühlte ich mich zum ersten Mal heimisch in Bern. Und die Liebe zur Stadt hat bis heute nicht aufgehört.

Als ich meinen Mann kennen lernte, haben wir uns entschieden, Französisch miteinander zu reden. Und das tun wir noch heute so. Die erste Heimat – die Sprache – übe ich also heute noch tagtäglich aus.

Line Bussard wohnt seit 30 Jahren im 17. Stock der Siedlung Holenacker im Westen der Stadt Bern.
Line Bussard wohnt seit 30 Jahren im 17. Stock der Siedlung Holenacker im Westen der Stadt Bern.
Foto: Franziska Rothenbuehler

Ich habe das Gefühl, dass die Grenze zwischen der Deutschschweiz und der Romandie heute stärker gezeichnet ist als damals. Ja, der Röstigraben wird immer ausgeprägter. Früher haben viele junge Erwachsene ein Welschlandjahr gemacht. So hat man die andere Seite der Schweiz kennen gelernt. Heute reisen die Jugendlichen lieber nach England, Australien oder in die USA, um Englisch zu lernen.

«In den Strassen Berns ist immer weniger Französisch zu hören.»

Line Bussard

Mein Mann arbeitete als Drogist in der Bollwerk-Apotheke. Ein Drittel seiner Kundschaft sprach Französisch. Heute sind die Welschen in der Stadt Bern rar geworden. Sie pendeln aus Freiburg oder Lausanne nach Bern, leben aber in der Westschweiz. Die französischsprachige Buchhandlung Payot sucht man heute vergebens in Bern, die welschen Vereine leiden alle an Mitgliederschwund und in den Strassen Berns ist immer weniger Französisch zu hören.

Das Gefühl der Mehrsprachigkeit, das die Schweiz ausmacht, hat sich heute auf andere Sprachen verschoben. Trotzdem sind wir Französischsprachige in Bern stolz auf unsere Sprache, unsere Kultur.