Der rasende Solarpionier

Bertrand Piccard fasziniert mit seinem Charisma – doch sein ungezügeltes Temperament ist für engste Vertraute ein Problem.

Bertrand Piccard ist ein rationaler Mensch. Doch als Katholik hat er auch ein untrügliches Gespür fürs Spirituelle. Einzigartig ist seine Fähigkeit, seine Person ins Mythische zu weiten. Das ist Teil seines Selbstmarketings, das er mit akribischer Sorgfalt betreibt. Es beginnt mit dem Kult um seinen Geburtstag.

Bertrand Piccard wurde am 1. März 1958 in Lausanne in eine für Schweizer Verhältnisse aussergewöhnliche Familie hineingeboren. Grossvater Auguste war 1931 mit einem Stratosphärenballon auf 15'781 Meter aufgestiegen. Ein Weltrekord. Vater Jacques interessierte die Tiefe. 1960 sank er mit dem U-Boot Trieste auf 10'916 Meter unter dem Meeresspiegel ab. Der nächste Weltrekord. Was diese Leistungen für sein Leben bedeuteten, realisierte Bertrand schon als Kind. Einmal klopfte ihm ein griechischer Minister freundschaftlich auf die Schulter und sagte: «Na, Sie verkörpern also die Hoffnungen der Schweiz.»

Der erste Rekord

Doch Bertrand Piccard liess sich Zeit, Pioniertaten anzupacken und in die Fussstapfen seiner Vorfahren zu treten. Zwei ehemalige Mitschüler erinnern sich: «Bertrand war weder ein Draufgänger, noch fiel er durch herausragende ­intellektuelle Leistungen auf. Im Turnunterricht war er sogar eher schlecht.»

Piccard studierte Medizin und wurde Psychiater. Nebenbei versuchte sich im Deltasegeln, wobei er den Drachenkunstflug als seine wahre Passion entdeckte und es sogar zum Europameistertitel brachte.

Doch erst am 1. März 1999 sollte er die Familienhistorie um einen eigenen Rekord erweitern. Piccard feierte an diesem Tag seinen 41. Geburtstag, als er und Ballonfahrer Brian Jones sich rüsteten, den Globus mit einem Ballon umrunden. Die beiden waren verzweifelt. Während Wochen hatten sie vergeblich auf günstige Winde gewartet. Zusätz­lichen Druck verspürten Piccard und ­J­ones, weil einige andere Ballonfahrer denselben Rekordflug avisierten.

Just am 1. März schienen Stärke und Richtung der Winde endlich perfekt zu sein. Also füllten die Ballonfahrer in Château-d’Œx den Ballon Breitling ­Orbiter 3 mit Helium. Frühmorgens um 9.09 Uhr stiegen Piccard und Jones auf und entschwebten über die Waadtländer ­Alpen in die Ferne.

Erst am 21. März 1999 um 6 Uhr morgens setzten sie ihre knallrote Ballonkapsel wieder auf der Erde auf, im ägyptischen Wüstensand. Damit waren sie die ersten Menschen, die den Globus in einem Ballon umrundet hatten. Sie lagen sich jubelnd in den Armen.

Piccard braucht Bewunderung

Von Brian Jones, dem stets relaxten und humorvollen Briten, hört man seither wenig. Er verschwand aus der Öffentlichkeit. Unter anderem engagiert er sich in der Ausbildung behinderter Piloten. Heute heisst es vielerorts, es sei vor allem Jones gewesen, der den Ballon ­pilotierte und dem Piccard darum grosse Teile seines Ruhms verdankt.

Piccard, mit einem ungleich grösseren Ego ausgestattet und gern der Primus inter pares, begann den eigenen, grossen Auftritt zu suchen. Dem charismatischen Mann, dem Vertraute nachsagen, er brauche das Gefühl von Dominanz und vermöge Leute unbemerkt zu hypnotisieren, flogen die Herzen zu. Er genoss die Bewunderung. Denn er braucht die Selbstbestätigung. Mit der Familiengeschichte im Rücken nährte er den Abenteurermythos, er gewährte Journalisten exklusiven Zugang und begann auf diesem Weg sein via Medien transportiertes Image zu kontrollieren.

Wo immer der Abenteurer auftauchte, öffneten sich ihm nun Türen. Er schüttelte die Hände von Staatsmännern und Unternehmern und machte als Celebrity kräftig Kasse. Für Referate, in denen er seine Lebensweisheiten ausbreitete, verlangte er heute zwischen 20'000 und 30'000 Franken. Zudem schrieb er Bücher und liess solche schreiben: über seine Familie und gleich mehrere über das Solarflieger-Projekt.

Start verschoben

Morgen ist der 1. März. Bertrand Piccard, verheiratet und dreifacher Familienvater, feiert also Geburtstag: seinen 57. Damit jährt sich auch der Start zur Ballonfahrt im Orbiter 3 ein weiteres Mal. Bis vor wenigen Tagen hatte Piccard diesen für ihn so besonderen Tag für sein nächstes Abenteuer reserviert: die Weltumrundung im Solarflieger Solar Impulse 2, an der er und der Waadtländer Pilot André Borschberg seit über zehn Jahren arbeiten. Das Flugzeug wird durch Sonnenenergie betrieben, fliegt tags und nachts und benötigt keinen Tropfen Treibstoff. Wegen Sandstürmen verzögert sich aber der in Abu Dhabi geplante Start, womit das neuste Kapitel piccardscher Pioniertaten an Bertrands Geburtstag vorbeiziehen wird.

Das dürfte dem in seinem Umfeld für seine Selbstgefälligkeit, seine Wutausbrüche und Pedanterie gefürchtete Piccard kaum gefallen. Doch die Solar Impulse 2 ist und bleibt ein Experimentalflugzeug. Noch sind diverse Test- und Trainingsflüge nötig. Die Solar Impulse 2 wird frühestens am 7. März für die 35'000 Kilometer lange, fünf Monate dauernde und in 12 Etappen unterteilte Weltumrundung abheben.

Kosten: 150 Millionen Franken – mindestens

Für Piccard sind die Startvorbereitungen in Abu Dhabi der Übergang von einer kräfteraubenden Zeit in eine Phase neuer Ungewissheiten. Die beiden Luftfahrer hatten ihre Rollen von Anfang an klar aufgeteilt. Jeder tat, was er am besten kann: Der ehemalige Militärpilot, Ingenieur, Unternehmer und Aviatik­experte Borschberg, der wie Piccard aus der Waadt stammt, übernahm die Verantwortung für den Bau des Experimentalflugzeugs. Borschberg wirkte im Schatten seines Partners als bescheidener Innenminister. Piccard übernahm die Rolle des Aussenministers, hofierte Sponsoren und sammelte Geld, viel Geld. 150 Millionen Franken verschlang das Projekt bis heute.

Die Kosten stiegen deshalb auf schwindelerregende Höhen, weil das Solarflugzeug von Grund auf neu konzipiert, entworfen und schliesslich gebaut wurde. Selbst neue Materialien wurden entwickelt. Die Kosten schossen in die Höhe, als nach dem Bau des Prototyps Solar Impulse 1 im Jahr 2009 fünf Jahre später die Solar Impulse 2 konstruiert wurde.

Doch Piccard setzte seine Anziehungskraft geschickt und gezielt ein und brachte die horrende Geldsumme zusammen. Für diesen Kraftakt gebührt ihm Respekt. Etwas, was der Psychiater in zwischenmenschlichen Beziehungen zuweilen vermissen lässt – gerade im Umgang mit Menschen, denen er sich überlegen fühlt. Da kann sich der Westschweizer durchaus im Ton, aber auch in der Wortwahl vergreifen.

Der lange Weg ins Cockpit

Piccard und Borschberg hingegen arbeiten harmonisch Hand in Hand, was auch anders hätte kommen können. Bertrand Piccard war Ballonfahrer, aber kein Pilot. Borschberg hingegen brachte als Ex-Militärpilot das Können und die Erfahrung mit, die Solar Impulse nach kurzer Zusatzausbildung zu steuern. Für Piccard brach eine kräftezehrende Zeit an. Statt im Solarflieger durch die Lüfte zu gleiten, steuerte er auf eine Geduldsprobe zu. Dafür sorgte das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl).

Nachdem der ehemalige Militär- und Swissair-Pilot Hans-Georg Schmid 2007 in seinem Kleinflugzeug Marke Eigenbau verunglückt war, erhöhte das Bazl die Anforderung für Piloten von Experimentalflugzeugen. Für Piccard hiess das: Er musste Lizenzen im Segelflug, Instrumentenflug, Motorsegler und für das Fliegen mehrmotoriger Flugzeuge vorweisen und sich danach erst noch auf das Pilotieren der Solar Impulse spezialisieren.

Gegen den Wind

Die Folgen spürte das ganze Team. Der stolze Waadtländer, der auf Kritik und Widerspruch oft dünnhäutig reagiert, wurde während seiner Pilotenausbildung noch unberechenbarer, als er es sonst schon war. Darunter litt die Stimmung im Solar-Impulse-Team. Mitarbeiter wanderten ab. Heute geben viele an, keine Arbeitsstunde gezählt und alles dafür getan zu haben, Piccard einen Bubentraum zu erfüllen, doch die Wertschätzung dafür blieb aus. Brachen interne Krisen aus, war es oft Borschberg, der mit seiner liebenswürdigen und gelassenen Art die Wogen glättete. Erst nach vier Jahren Ausbildung und rund 850 Flugstunden hatte Piccard die Anforderungen des Bazl erfüllt.

Nun folgen die Tage der Wahrheit. Piccard und Borschberg werden sich im Einmannflugzeug abwechseln und es von Etappenort zu Etappenort pilotieren. Piccard weiss: Ballone musste er in möglichst starke Winde steuern. In der Solar Impulse 2 muss er ihnen ausweichen. Das ist eine grosse Herausforderung, gerade auf Ozeanüberquerungen, die fünf oder mehr Tage dauern. Zu starke Winde sind gefährlich: Erstens hat das Flugzeug eine Spannweite von rund 70 Metern, und zweitens ist es mit Motoren ausgerüstet, von denen jeder einzelne gerade ein Mofa antreiben könnte.

Doch die Ingenieure und Techniker haben Herausragendes geleistet. Piccards Pioniergeist ist geschärft, und mit André Borschberg steht ein starker Partner und eine besonnene Persönlichkeit an seiner Seite. Gelingt den Waadtländern also die erste Weltumrundung in einem Solarflugzeug? Astronaut, Pilot und EPFL-Professor Claude Nicollier, der dem Projekt als Sicherheitschef dient, sagt: «Ich kann keine Garantie ­abgeben. Aber ich bin überzeugt: Die beiden schaffen das.»

Susanne Dieminger, Roland Jeanneret, Piccard: Pioniere ohne Grenzen. Verlag Weltbild, Olten 2014.

Bertrand Piccard: Changer d’altitude. Quelques solutions pour mieux vivre sa vie. Éditions Stock, Paris 2014.

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