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Analyse zur neuen EnzyklikaDer Papst singt das Hohelied der Brüderlichkeit

Inspiriert von Franz von Assisi, entwirft Franziskus in seiner neuen Enzyklika die Vision einer geeinten Menschheit. Geht das zusammen mit dem Exklusivanspruch seiner Kirche?

Für Papst Franziskus – hier bei einem Besuch in Sri Lanka – ist die Vielfalt der Menschheit ein Ausdruck der Weisheit Gottes.
Für Papst Franziskus – hier bei einem Besuch in Sri Lanka – ist die Vielfalt der Menschheit ein Ausdruck der Weisheit Gottes.
Foto: Saurabh Das (AP, Keystone)

Covid-19 hat auch Papst Franziskus zugesetzt. Die ausbleibenden Touristen haben ein Loch in die Vatikan-Finanzen gerissen. Monatelang musste der Pontifex mit den Generalaudienzen pausieren. Es gibt auch keine Auslandsreisen in diesem und wohl auch im nächsten Jahr. Franziskus ist im Lockdown in sich gegangen und hat seine dritte Enzyklika geschrieben. Sie soll sich mit dem sozialen und wirtschaftlichen Umdenken nach Corona befassen, mit der nun geforderten universalen Brüderlichkeit. «Fratelli tutti» («Alle Brüder») überschreibt er das Lehrschreiben in Anlehnung an den heiligen Franz. Am 3. Oktober wird er es in Assisi unterzeichnen.

Gut möglich, dass die Enzyklika zu seinem Vermächtnis wird. Schliesslich ist sie von seinem Vorbild und Namenspatron inspiriert, vom bekanntesten und schönsten Heiligen der Kirche: Franz von Assisi (1181–1228). Der einstige Lebemann wandelte sich zum Bussprediger und Friedensstifter. 1219 versuchte er in Ägypten die Kreuzritter vom Krieg abzubringen und trat waffenlos vor Sultan al-Kamil.

Irritationen schon im Vorfeld

Fast noch mehr beeindruckt Franziskus dessen Naturverbundenheit. Überzeugt, dass auch Pflanzen und Tiere beseelt sind, hat Franz von Assisi den Vögeln gepredigt und in seinem berühmten Sonnengesang Sonne und Mond, Wind und Wasser als Brüder und Schwestern angesprochen. Jenseits von aller Metaphorik ist er zum Patron des Umweltschutzes und der Ökologie geworden. Dabei ging es ihm um die Erlösung der Schöpfung und nicht um deren Bewahrung vor Ausbeutung. Doch gegen die Tendenz, den Heiligen für eine moderne Ökotheologie und Naturromantik zu vereinnahmen, ist auch Papst Franziskus nicht gefeit.

Er weiss, dass Franz gerade als Schöpfungstheologe und Friedensstifter so aktuell ist wie nie zuvor. Darum kann er mit der Berufung auf ihn eigentlich nichts falsch machen. Und doch sorgt die Enzyklika schon im Vorfeld für Irritationen: Gendersensible Gläubige bemängeln, dass der Titel «Fratelli tutti» die Schwestern wieder mal aussen vorlasse. Doch «Fratelli tutti» hat er Franzens Ermahnungen an dessen Brüder im frisch gegründeten Männerorden entnommen.

Pluralismus in Sachen Religion

Der Untertitel «Sulla fraternita e l’amicizia sociale» («Über die Brüderlichkeit und die soziale Freundschaft») bringt die «Rechtskatholiken» gar richtig in Rage. Franziskus knüpft damit an die im Februar 2019 in Abu Dhabi mit Ahmad al-Tayyeb, dem Grossimam der Azahr-Universität, unterzeichnete Erklärung über die «Brüderlichkeit aller Menschen» an. Dort heisst es, der Pluralismus in Sachen Religion, Hautfarbe, Geschlecht, Ethnie und Sprache entspreche Gottes weisem Willen. Für Konservative eine Häresie sondergleichen: Hatten nicht die bisherigen Päpste und besonders Benedikt XVI. die Heilsexklusivität Jesu Christi und der römischen Kirche gegenüber allen anderen Religionen bekräftigt? Wie sollte man sich da interreligiös als Geschwister auf Augenhöhe begegnen?

Tatsächlich müsste der Stellvertreter Christi erläutern, wie diese gottgewollte Vielfalt der Religionen zusammengeht mit Jesu Missionsbefehl, alle Völker und Menschen zu Jüngern zu machen, sie zu taufen im Namen des dreieinigen Gottes. Franziskus, noch nie ein grosser Theologe, wird den Widerspruch wohl einfach stehen lassen. Zumal ihm die Begeisterung für die Enzyklika von der anderen Seite gewiss ist.

2 Kommentare
    Bernhard Schlegel

    Franziskus war vielleicht der Begründer der Renaissance. Der Wiedergeburt des Menschen in seiner Menschlichkeit. In meiner Jugend hat er mich tief berührt auch durch das gleichnamige Buch von Hermann Hesse oder den bildgewaltigen Film mit Mickey O'Rourke. Über den Papst habe ich mich bei seiner Wahl sehr gefreut. Mit der Zeit aber wurde mein Katholischsein nur noch bitter. Da sagte Papst Franziskus sinngemäss: Mir ist ein Atheist lieber als eine ungläubiger Katholik. Ich und meine Tochter traten sofort aus der Kirche aus. Der echte Franz bleibt immer Inspirationn. Dieser hier mag uns nun mehr mögen. Wir haben ihm zu mehr Nächstenliebe verholfen...