Der Mann mit der Finanzwaffe

Im Kampf mit der EU setzt der italienische Ökonom Claudio Borghi auf eine Art Parallelwährung namens Mini-Bots.

Wirkt nebem Matteo Salvini wie ein Supercomputer neben einem Reissnagel: Der italienische Ökonom Claudio Borghi. Foto: PD

Wirkt nebem Matteo Salvini wie ein Supercomputer neben einem Reissnagel: Der italienische Ökonom Claudio Borghi. Foto: PD

Sandro Benini@BeniniSandro

Claudio Borghi ist für Italiens Innenminister Matteo Salvini ein Geschenk aus dem universitären Dozentenzimmer, ein Segen aus der Teppichetage gediegener Finanzinstitute. Denn Borghi vertritt genauso verwegene ökonomische Ansichten wie Salvini, aber im Unterschied zum Mailänder Studienabbrecher (16 Jahre Politologie und Geschichte ohne Abschluss), tut es Borghi mit dem ganzen Gewicht seiner akademischen Autorität.

Kann man etwas einfach als Unsinn abtun, wenn es von einem Wirtschaftswissenschaftler der Katholischen Universität vom Heiligen Herzen in Mailand stammt? Von einem ehemaligen Finanzanalysten der Investmentbank Merrill Lynch und der Deutschen Bank? Einem Professor an mehreren Universitäten, dem Autor des Buchs «In Kunst investieren», dem Gewinner des Agostino-Gemelli-Preises für den besten Hochschulabschluss? Von jemandem also, dessen ökonomisch-finanzanalytische Kenntnisse verglichen mit jenen Salvinis anmuten wie ein Hochleistungscomputer neben einem Reissnagel? Eben.

«Der Euro ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit»

Der Computer wie der Reissnagel finden, das hochverschuldete Italien solle noch mehr Schulden machen, um seine lahmende Wirtschaft zu beflügeln. Borghi wie Salvini sind wütend auf die EU-Kommission, weil sie genau dies verbietet und mit einem Defizitverfahren droht. Borghi, gegenwärtig Vorsitzender des parlamentarischen Finanzausschusses und Chefökonom der Lega, hat in diesem Kampf eine besondere Waffe ersonnen: die Mini-Bots. Bot steht für «Buoni Ordinari del Tesoro», das sind staatliche Schuldscheine im Wert von mindestens 1000 Euro. Würden Mini-Bots eingeführt, hätten sie hingegen lediglich einen Wert zwischen 1 und 500 Euro, sie wiesen kein Verfallsdatum auf, würden keine Zinsen abwerfen und könnten laut Borghi auch in Papierform zirkulieren. Der 49-jährige Lega-Wirtschaftsexperte hat die Scheine sogar schon grafisch gestalten lassen.

Mit Mini-Bots würde der Staat Schulden bei privaten Unternehmen begleichen, und diese wiederum könnten damit ihre Steuern bezahlen. Oder staatliche Produkte, etwa Strom, Gütertransporte, Benzin. Mini-Bots, so die Kritiker der Idee, wären eine verkappte Parallelwährung. Und falls sie irgendwann auch Privatpersonen verwenden würden, um Schuhe und Espressi zu bezahlen, würden sie zu einer eigentlichen Parallelwährung. Das wäre gemäss EU-Recht illegal.

«Basta Euro» heisst Borghis Kampfschrift wider die Einheitswährung. «Der Euro ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit», behauptete vor fünfeinhalb Jahren Matteo Salvini. Deshalb geht der Verdacht um, Mini-Bots wären der erste Schritt zu Italiens Ausstieg aus dem Euro. Oder zumindest ein Instrument, um den Einfluss der EU zu brechen. Ende Mai hat das Parlament die Regierung per Motion zur Einführung der Schuldscheine aufgefordert. Bis es so weit kommt, ist es zwar noch ein weiter Weg. Aber als Drohung gegenüber der EU wirken sie jetzt schon und erschüttern das ohnehin angeschlagene Vertrauen internationaler Investoren. Der Journalist Francesco Specchia indessen glaubt zu wissen, was Borghis Plan augenblicklich pulverisieren würde: Die Forderung, italienische Politiker müssten ihren Lohn in Mini-Bots erhalten.

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