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Islamismus in IndonesienDer Hassprediger kehrt zurück

Ein Eiferer will den Viel­völkerstaat einer islamistischen Weltsicht unterwerfen. Minderheiten geraten unter Druck.

Von seinen Anhängern verehrt: Der Prediger Rizieq Shihab, hier bei seiner Rückkehr nach Indonesien am 10. November.
Von seinen Anhängern verehrt: Der Prediger Rizieq Shihab, hier bei seiner Rückkehr nach Indonesien am 10. November.
Foto: Indonesia Out  

Es hat nur wenige Tage gedauert, bis sich Rizieq Shihab nach seiner Rückkehr aus dem selbst verordneten Exil ins Zentrum des Geschehens von Jakarta katapultierte. Dabei half dem umstrittenen islamistischen Prediger zunächst seine Ankündigung, er wolle seine Heimat endlich mit einer «moralischen Revolution» beglücken. Solche Worte aus dem Munde Rizieqs werden in liberalen und säkularen Kreisen Indonesiens kaum als Heilsversprechen verstanden. Vielmehr klingen sie wie eine Drohung.

Dieser Mann, der sich wegen drohender Gerichtsverfahren vor drei Jahren nach Saudi-Arabien zurückgezogen hatte, dient nun einer Bewegung als Lautsprecher, die den riesigen Vielvölkerstaat Schritt für Schritt einer islamistischen Weltsicht unterwerfen möchte. Die grosse Mehrheit der Menschen zwischen Sumatra und Papua sind muslimischen Glaubens. Zwar schützt die Verfassung den Pluralismus, doch Minderheiten geraten in Indonesien immer stärker unter Druck.

Mega-Hochzeit trotz Corona

Rizieq hat nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten gleich nach seiner Rückkehr grössere Verwerfungen ausgelöst. Er liess rechtzeitig zum Geburtstag des Propheten Mitte November eine grosse Hochzeit für seine Tochter steigen. Es kamen geschätzt 10’000 Gäste und Besucher. Und das in Zeiten, in denen der Staat ohnehin kaum in der Lage ist, eine steigende Zahl von Corona-Infektionen in den Griff zu bekommen.

Das Mega-Fest geriet zur Blamage für Indonesiens Präsidenten Joko Widodo. Infektiologen reagierten fassungslos, zumal die Feier auch noch von der Polizei abgesegnet worden war. Deren Chefs sind nun eilig versetzt worden, aber das wird an den möglichen epidemiologischen Folgen der Zusammenkunft, bei der weder Abstandsregeln noch der Maskenschutz eingehalten wurden, nichts mehr ändern. In mehreren asiatischen Ländern war schon zu beobachten, wie grosse religiöse Zusammenkünfte Corona-Hotspots den Weg bereiteten. Rizieq aber liess Kritik abperlen, stattdessen beschwor er Allah, der sie alle doch bald von den Gefahren des Virus befreien möge.

Er will Gotteslästerer exekutieren

2017 zog Shihab gegen den Gouverneur von Jakarta, Bakuki Tjahaja Purnama, bekannt als Ahok, zu Felde. Spätestens seither wächst auch jenseits der Grenzen die Sorge, dass Hassrhetorik islamistischer Kräfte eine toxische Stimmung im multikulturellen Indonesien schürt. Mit Blasphemie-Vorwürfen war es Rizieq gelungen, die Karriere des Politikers zu beenden und ihn ins Gefängnis zu bringen. Ahok hat chinesische Wurzeln und ist Christ, sein Schicksal schüchtert Minderheiten ein. Jetzt hetzt Rizieq sogar, Gotteslästerer müsse man exekutieren.

Wie das australische Lowy Institute schreibt, manifestiert sich in der Rückkehr Rizieqs der Versuch islamistischer Kräfte, sich rechtzeitig für die Wahlen 2024 in Position zu bringen. Bislang spielt der politische Islam im Parlament keine dominierende Rolle, doch seine Kraft dürfte wachsen, auch durch die Agitation von Hardlinern wie Rizieq, der Religion ausnutzt, um zu polarisieren.

Brachialmassnahmen gegen den «sittlichen Zerfall»

Für Präsident Widodo komplizieren die islamistischen Ambitionen das Regieren, er spürt bereits Gegenwind aus der Arbeiterbewegung, die gegen ein Gesetz zur Förderung der Wirtschaft protestiert. Eine Rezession macht dem Staat zu schaffen. Und im Kampf gegen Corona wirkt Widodo unentschlossen. Viele frühere Anhänger des Präsidenten sind ausserdem enttäuscht, weil er näher an das Militär herangerückt ist, dessen Menschenrechtsverletzungen aus den Zeiten der Diktatur bleiben ungesühnt.

Rizieq könnte sich nun als Magnet für Unzufriedene in religiös-konservativen Kreisen erweisen, früher machte er auf sich aufmerksam, indem er mit den selbst ernannten Tugendwächtern seiner «Islamischen Verteidigerfront» (FPI) Nachtclubs stürmte, sie galten ihm als Zeugnis des sittlichen Verfalls. Auch Christen und Ahmadis müssen den charismatischen Anführer fürchten. Dessen Popularität hat nicht gelitten, Zehntausende strömten Anfang November zum Flughafen, um ihn zu empfangen.

Verfahren wegen Sexting

Alte Gerichtsverfahren, die einst gegen Rizieq angestrengt wurden, sind eingestellt. In einem Fall soll er in einem Chat eine Anhängerin aufgefordert haben, ihm Nacktbilder zuzuschicken. Indonesien hat strikte Gesetze gegen Pornografie, die Rizieq beinahe selbst zum Verhängnis geworden wären. Doch dann stellte die Polizei das Verfahren ein, man sei bei den Ermittlungen nicht weitergekommen.

So zieht Rizieq nun ungehindert los, seine «moralische Revolution» will er durch religiöse Massentreffen vorantreiben. Und wehe, der Präsident funkt ihm dazwischen. «Wir werden es nicht tolerieren, wenn jemand versucht, Versammlungen von Muslimen zu verbieten», sagte Rizieq. Er wirkt kampfeslustig, als stünde der grösste Feldzug für den Islam erst noch bevor.

4 Kommentare
    M.Haupt

    Ein Katastrophe, was da in Indoesien passiert! Ich war zufällig dann in Jakarta (Februar 2017), als eine Riesendemo von importierten Demonstranten den beliebten und höchst erfolgreichen chinesisch-christlichen Gouverneur Ahok niederbrüllte und unter fadenscheinigsten Gründen unter Führung des nun zurückgekehrten Fanatikers Rizieq der Blasphemie bezichtigte. Es gelingt den Islamisten immer stärker, von den beiden Hauptinseln Jawa und Sumatera aus ihre reaktionären Ansichten dem Land aufzuzwingen, eigentlich ein muslimisch-liberaler Staat mit einer riesigen kulturell-religiösen Vielfalt auf den 17000 Inseln. Die Angst davor ist zB in den religionsmässig sehr gemischten Kleinen Sundainseln sehr gross. Auch der "indonesische Obama", Präsident Jokowi, gerät immer stärker unter Druck. Eine dramatische Rückentwicklung eines wunderbaren Landes! Wer, was kann dem Einhalt gebieten?