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Erinnerungen an Platzspitz und LettenAus dem tiefsten Kreis der Hölle

Jahrelang hat der Arzt André Seidenberg für eine liberale Drogenpolitik gekämpft. Die Protagonisten seiner Autobiografie erlebten, was in der Schweiz niemand für möglich gehalten hätte.

Polizisten patrouillieren im August 1994 beim Letten – die offene Szene, die nach der Räumung des Platzspitzareals entstand.
Polizisten patrouillieren im August 1994 beim Letten – die offene Szene, die nach der Räumung des Platzspitzareals entstand.
Martin Ruetschi / Keystone

Auf einem der Holzbänke beim Rondell am Zürcher Bellevue ist sein Grossvater Moses gestorben. Es ist der 28. Dezember 1968, eine kalte Nacht, André Seidenberg hat LSD genommen, sieht seinen Grossvater da sitzen und spricht ihn an. «Geh weg, ich will sterben», ist dessen Antwort.

52 Jahre später steht Seidenberg an einem trüben Novembernachmittag an genau dieser Stelle, mit Winterjacke, Schal und grauer Schirmmütze, der Blick hinter der dunkelrandigen Brille ist blau und lebhaft.

Er sagt, er denke jedes Mal an ihn, wenn er hier vorbeigehe: Moses Seidenberg, Ukrainer, geflohen aus der zaristischen Armee und vor dem russisch-japanischen Krieg, nach einem unendlichen Fussmarsch durch China und Russland in die Schweiz gelangt. «Er ist einer von den vielen Menschen, die mir nahestanden und die gestorben sind. Die Stadt ist voll von ihnen.»

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