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Obergericht bestätigt UrteilDer Chauffeur hätte das Mädchen sehen müssen

Es bleibt dabei: Ein Lastwagenfahrer wird wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Vor zwei Jahren hatte er in Gümligen ein Mädchen übersehen und angefahren.

Der Zeuge sass im Auto, als es passierte. Er musste warten, bis die Strasse frei war, er hatte gute Sicht auf das Geschehen. Er sah den Lastwagen, der abbog. Er sah das Mädchen, das mit seinem Velo auf dem Trottoir fuhr. «Ich dachte mir, wenn das so weitergeht, dann treffen sie aufeinander», sagt er.

Sie trafen aufeinander. Am 21. November 2018 überfuhr ein Lastwagenfahrer bei der Einfahrt zur Firma Haco in Gümligen ein 11-jähriges Mädchen. Es war mit seinem Velo auf dem Trottoir unterwegs. Der Fahrer hatte es nicht kommen sehen. Es starb noch am Unfallort.

Im Februar dieses Jahres verurteilte das Regionalgericht Bern-Mittelland den Chauffeur wegen fahrlässiger Tötung zu einer bedingten Geldstrafe. 60 Tagessätze à 60 Franken, lautete die Strafe. Nun wurde der Fall am Obergericht neu verhandelt. Der Fahrer hatte Berufung eingelegt. Jedoch erfolglos, wie sich zeigte.

Der Fahrer

Donnerstagmorgen. Der 43-jährige Fahrer erzählt dem Gericht, wie er vorgegangen ist. Bereits zum dritten Mal fuhr er an jenem Tag zur Haco. Es war nach dem Mittag, er kam auf der Worbstrasse von Rüfenacht her. Er wollte nach links zur Firma. Also blinken, Tempo drosseln, Blicke in die Spiegel, ein Rundumblick.

Er musste die Mittelinsel im Blick haben, die er umfahren musste. Er musste die Worbstrasse im Blick haben, die einmündende Bahnhofstrasse, die Einfahrt, das Trottoir davor. «Es ist sehr eng hier», sagt der Mann, «relativ schwierig.» Er machte einen Fehler. Er schaute nicht nach links.

So sah er das Mädchen auf dem Velo nicht kommen, ebenfalls aus Richtung Rüfenacht. Es fuhr mit dem Velo auf dem Trottoir. Erst als er sich schon in der Einfahrt befand, schaute er in den Spiegel und sah das Kind unter dem Lastwagen liegen. Bis dahin hatte er nichts bemerkt. «Nichts gehört, nichts gespürt.»

Der Zeuge

Der Zeuge im Auto hatte den Unfall gesehen. Nicht direkt den Zusammenprall, aber die Entstehung. Vielleicht eine halbe Minute habe er gewartet, bis es zum Zusammenprall kam. Er kam von der Bahnhofstrasse her, wollte auf die Worbstrasse, wo sich aber noch der Lastwagen befand.

Er sah auch das Mädchen die Worbstrasse hinunter Richtung Dorfzentrum fahren. «Ich dachte: Für ihr Alter und ihre Grösse war sie zügig unterwegs», sagt er zum Gericht. Als sie hinter dem Lastwagen verschwand und nicht wieder auftauchte, wusste er, was passiert war. Und funktionierte nun «wie ein Roboter».

Er stellte den Motor ab, die Warnblinker an, stieg aus, lief um den Lastwagen, sah, was geschehen war. Er rief die Polizei an, regelte dann den Verkehr. Gab später der Polizei Auskunft. «Mir war fürchterlich schlecht», sagt er. Und war froh, als er endlich vom Unfallplatz gehen konnte.

Der Verteidiger

Hätte der Chauffeur das Mädchen sehen müssen? Nein, findet Verteidiger Philipp Kunz und fordert einen Freispruch für seinen Klienten. «Er hat alles getan, was er tun musste.» Mangelnde Sorgfalt könne man ihm nicht vorwerfen.

Zum Zeitpunkt des Abbiegens sei das Trottoir frei gewesen. «Er hätte das Mädchen vermutlich nur auf dem Weitwinkelspiegel als kleinen Punkt erkennen können.» Aber dieser Spiegel sei dazu da, um die nahe Umgebung des Fahrzeugs zu überblicken.

«Natürlich hätte er das Kind gesehen, wenn er nach links geschaut hätte», sagt Kunz. Aber dass sich jemand schnell und verbotenerweise mit dem Velo auf dem Trottoir nähere, damit habe er nicht rechnen müssen. Deshalb ein Freispruch.

Das Urteil

Das Obergericht sieht es anders. Es bestätigt das erste Urteil voll und ganz. «Der letzte entscheidende Seitenblick ist ausgeblieben», sagt Oberrichter Jean-Pierre Vicari. Ansonsten hätte der Chauffeur das Mädchen gesehen. «Der Unfall wäre vermeidbar gewesen.»

Es sei dem Fahrer absolut zuzumuten gewesen, dass er die Aufmerksamkeit nicht nur auf die Insel oder die Einfahrt lenke, sondern auch auf das Trottoir. Man müsse damit rechnen, dass sich dort ein Jogger oder Skateboardfahrer bewege. Oder ein Velofahrer, auch wenn das zugegebenermassen regelwidrig sei.

Das Gericht habe keinen gewöhnlichen Fall zu beurteilen gehabt, sagt Vicari. «Wir haben keinen Kriminellen vor uns.» Sondern jemanden wegen eines Vorfalls, der so oder ähnlich jedem passieren könne. «Es war eine kleine Unaufmerksamkeit – aber eine mit grossen Auswirkungen.» Für den Fahrer, für den diese Geschehnisse immer ein Teil sein werden. Und für eine Familie, die der Verlust eines Kindes ein Leben lang begleitet.