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Nachrichtenlose VermögenBund erhält 18 Millionen Franken aus vergessenen Bankkonten

Melden sich Besitzer von Schweizer Konten über 60 Jahre nicht bei der Bank, geht das Geld an den Staat. Der Betrag hat sich im letzten Jahr mehr als verdreifacht – und dürfte noch weiter wachsen.

Als das Bankgeheimnis die Kunden aus dem Ausland anlockte: Der Paradeplatz im Jahr 1955 mit Bankverein, heute UBS, und der Kreditanstalt, der heutigen Credit Suisse.
Als das Bankgeheimnis die Kunden aus dem Ausland anlockte: Der Paradeplatz im Jahr 1955 mit Bankverein, heute UBS, und der Kreditanstalt, der heutigen Credit Suisse.
Foto: Getty Images

Es sei der «brisante Schatz der Schweizer Banken», schrieb das deutsche Magazin «Wirtschaftswoche» vor sechs Jahren. Gemeint waren die vergessenen Vermögen bei Schweizer Geldhäusern. Der Streit um die Holocaust-Gelder wirkte noch nach, als die Schweizer Politiker und der Finanzplatz 2015 eine verlässliche Lösung für den künftigen Umgang mit nachrichtenlosen Geldern einführten. Wenn eine Bank mehr als 60 Jahre nichts mehr von ihrem Kunden gehört hat, geht das Geld an den Bund.

Recherchen dieser Zeitung zeigen erstmals, wie viel Geld in den letzten Jahren auf diesem Weg in die Staatskasse flossen. Zwischen 2017 und 2019 waren es zusammengenommen 14 Millionen Franken. Im letzten Jahr war die Überweisung deutlich höher: Das Finanzdepartement erhielt von den Banken eine Zahlung von fast 18 Millionen Franken. Insgesamt gingen also nachrichtenlose Vermögen von rund 32 Millionen an den Bund.

Die Erwartungen des Bundes wurden damit deutlich verfehlt. Vor einigen Jahren gab die Bankiervereinigung eine Schätzung ab, dass der Schweiz innerhalb von 15 Jahren rund 600 Millionen Franken zufliessen könnten. Ist der Anstieg im letzten Jahr nun eher eine Ausnahme, oder zeichnet sich eine Trendwende ab?

60 Jahre nachrichtenlos

Die Bankiervereinigung kennt den Grund für den rasanten Anstieg im vergangenen Jahr nicht. Die Grossbanken geben sich zugeknöpft. So äussert sich die Credit Suisse zu diesem Thema gar nicht. Laut der UBS sei es noch zu früh, um über Trends zu sprechen. Aus Branchenkreisen heisst es, dass sich aus den Überweisungen an den Bund in den letzten Jahren kein Muster erkennen liessen. Die Schwankungen seien zu gross.

Auch beim Finanzdepartement kann man keine genaueren Auskünfte dazu machen, weshalb die von den Banken überwiesene Summe plötzlich ansteigt. «Informationen zu den Anzahl Fällen haben wir nicht, da die Grossbanken uns Sammelbeträge ohne Detailangaben überweisen», so eine Sprecherin des Finanzdepartements.

Der Mechanismus für die Banken ist einfach. Haben sie alles unternommen, um einen Bankkunden oder seine Erben zu finden, setzen sie den Namen im Internet auf eine Liste. Auf der Plattform Dormant Accounts werden Kundenbeziehungen mit einem Wert von mehr als 500 Franken publiziert, bei denen es seit mindestens 60 Jahren keinen Kontakt mehr mit dem Kunden gab. Bleiben die Vermögen innerhalb der Frist von bis zu fünf Jahren nachrichtenlos, geht das Geld an den Staat. Aktuell werden dort also Meldungen aus den 60er-Jahren aufgeschaltet. In dieser Zeit versteckten ausländische Kunden ihre Gelder in der Schweiz vor dem heimischen Fiskus, dabei haben offenbar oft die Besitzer der Schwarzgelder ihren Erben wohl bewusst keine Spur hinterlassen. Wer aufgrund der dort publizierten Angaben glaubt, einen Anspruch darauf zu haben, kann sich via die Internetplattform mit der Bank in Verbindung setzen.

Weniger Vermisstmeldungen

Derzeit sind auf der Website rund 500 Meldungen einsehbar. Die Kunden heissen etwa Elisabeth Castelli Mayer aus Frankreich, Gilbert Chevron aus Deutschland oder Rijaka Cattan aus dem Irak. Die Zahl der Publikationen ist seit dem Start der Plattform stark rückläufig: Bei ihrer Lancierung vor fünf Jahren waren es noch über 2500 Meldungen. Insgesamt kam damals ein Guthaben von 44 Millionen Franken zusammen, hinzu kamen 80 Schliessfächer, in denen Wertgegenstände wie Briefmarkensammlungen, Bilder oder Goldbarren vermutet werden. Wie hoch der Vermögenswert der aktuellen Vermisstmeldungen ist, ist nicht bekannt.

Die «SonntagsZeitung» berichtete 2016, dass es aber auf der Plattform zahlreiche Meldungen gab, die dort eigentlich nichts verloren haben dürften. Etwa weil die Vermögenswerte noch gar nicht 60 Jahre nachrichtenlos sein konnten oder weil sich die Inhaber relativ einfach aufspüren liessen. Offenbar war der Sucheifer der Banken nach den Erben eines Vermögens nicht sehr gross.

Bereit für Kunden aus aller Welt: Die Schalterhalle des Bankvereins am Paradeplatz Zürich im Jahr 1960.
Bereit für Kunden aus aller Welt: Die Schalterhalle des Bankvereins am Paradeplatz Zürich im Jahr 1960.
Foto: Ullstein Bild (Getty Images)

Der Bankenombudsmann ist die Anlaufstelle für Personen, die nachrichtenlose Vermögen in der Schweiz vermuten. Bankenombudsmann Marco Franchetti hat laut eigenen Angaben aber keine über die im Internet einsehbare Publikation hinausgehende Kenntnis zu den Meldungen. Er wisse nicht über die Summe der an Berechtigte ausbezahlten oder an den Bund abgelieferten Gelder Bescheid, so Franchetti. Das gilt auch für den Finanzdienstleister SIX. Dieser sorgt dafür, dass die Plattform funktioniert, erhebt aber keine Daten zu den Meldungen.

Ob in diesem Jahr die Gelder, die an den Bund fliessen, weiter steigen, ist unklar. Ein Kenner der Verhältnisse glaubt, dass im letzten Jahr eine Bank einen grösseren Nachlass eines Kunden aufgelöst hat. Darin könnte etwa ein wertvolles Kunstwerk enthalten sein. Das komme vor, sei aber eher selten. Er geht daher davon aus, dass die Überweisung von den Banken an den Bund bald wieder kleiner ausfallen dürften.

12 Kommentare
    Tom Schott

    die banken publizieren bewusst nicht wirklich nachrichtenlose kleinbeträge, damit sie sich die wirklich nachrichtenlosen grossen beträge selbst unter den nagel reissen können und die liste trotzdem nicht verdächtig leer aussieht.