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Frauen in der Gemeindepolitik«Dass du dir das zutraust!»

An der Spitze der Emmentaler Gemeinden gibt es nur wenige Frauen. Die fünf Gemeindepräsidentinnen erzählen, wie es ist, wenn man sich unter vielen Männern behaupten muss.

Die Präsidentinnen diskutieren über Frauen in der Gemeindepolitik: Beatrice Kaufmann, Rita Sampogna und  Marianne Nyffenegger (von links).
Die Präsidentinnen diskutieren über Frauen in der Gemeindepolitik: Beatrice Kaufmann, Rita Sampogna und Marianne Nyffenegger (von links).
Foto: Christian Pfander

Am Sonntag ist der Tag der Frau. Zu diesem Anlass lud Simonetta Sommaruga alle Gemeindepräsidentinnen nach Bern ein. Die Bundespräsidentin wollte damit ein Zeichen für mehr Frauen in der Gemeindepolitik setzen. Gerade mal 16 Prozent der Gemeindepräsidien in der Schweiz sind mit Frauen besetzt. Im Emmental sind es noch weniger: 12,5 Prozent.

Zwar wurde das Treffen wegen des Coronavirus nun verschoben. Was dem Thema aber nichts an Gewicht nimmt. Wir haben uns mit den fünf Emmentaler Gemeindepräsidentinnen über die Rolle der Frauen in der Gemeindepolitik unterhalten.

Weshalb gibt es nur so wenig Gemeindepräsidentinnen?

Rita Sampogna, Oberburg: Wenn ich mit Frauen rede, höre ich oft: «Dass du dir das zutraust Frauen haben die Tendenz, sehr selbstkritisch zu sein. Viele haben die Befürchtung, sie hätten das fachliche Wissen nicht. Aber es ist ja nicht so, dass man anfängt und alles bereits weiss. Man eignet sich das Wissen mit der Zeit an.

Beatrice Kaufmann, Zielebach: Es hat auch mit der Vernetzung zu tun. Wenn es in den Gemeinderäten mehr Männer hat, ist es wahrscheinlich, dass diese wiederum einen Mann anfragen, wenn ein Sitz frei wird. Aber auch das ändert. In Zielebach sind wir mittlerweile sogar mehr Frauen als Männer im Gemeinderat.

Kathrin Scheidegger, Trachselwald: Wir hatten schon früh Frauen im Gemeinderat. Weil bei uns die Bauernbetriebe recht klein sind, mussten die Männer auswärts arbeiten. Die Frauen haben also im Betrieb die Verantwortung übernommen. Und wollten bald einmal auch das Dorf politisch mitgestalten. Um das Gemeindepräsidium zu übernehmen, braucht es aber noch einen Zacken mehr.

«Als Gemeindepräsidentin muss man sich noch mehr exponieren und auch Kritik entgegennehmen.»

Kathrin Scheidegger (BDP), Trachselwald
Kathrin Scheidegger (BDP) ist Gemeindepräsidentin in Trachselwald.
Foto: Franziska Rothenbühler

Warum?

Kathrin Scheidegger: Im Gemeinderat ist man mehr ins Gremium eingebunden und fällt Entscheide gemeinsam. Als Gemeindepräsidentin hingegen muss man sich noch mehr exponieren und auch Kritik entgegennehmen. Ich denke schon, dass das Frauen schwerer fällt. Dabei hätten sie die Fähigkeiten und könnten es genauso gut wie die Männer.

«Ganz am Anfang hatte ich schon das Gefühl, ich müsse mein Wissen mehr unter Beweis stellen.»

Rita Sampogna (unabhängige Ortspartei), Oberburg

Sind Sie als Gemeindepräsidentin mit Vorurteilen konfrontiert, weil Sie eine Frau sind?

Rita Sampogna: Ganz am Anfang hatte ich schon das Gefühl, ich müsse mein Wissen mehr unter Beweis stellen, weil ich eine Frau bin. Ich habe dann gelernt, dass ich zu meinem Wissen stehen kann, aber auch zu jenen Dingen, die ich nicht weiss. Es ist besser, etwas abzuklären, als etwas zu behaupten.

Marianne Nyffenegger, Kirchberg: Es kommt auf das Auftreten an. Etwa bei Sitzungen, die das Bauwesen betreffen, merke ich manchmal , dass ich entschlossen wirken muss. Es hilft auch, dass mir immer Fachpersonen zur Seite stehen, die mich in rechtlichen oder technischen Belangen unterstützen. Mit expliziten Vorurteilen wurde ich nie konfrontiert.

Beatrice Kaufmann: Ich stelle mir diese Frage gar nicht. Wenn jemand etwas Kritisches sagt, beziehe ich das nicht auf mich als Frau, sondern auf die Sache.

Marianne Nyffenegger: Das stimmt. Man darf nicht alles persönlich nehmen. Mit der Zeit härtet man ab.

Sollte es mehr Gemeindepräsidentinnen geben?

Marianne Nyffenegger: Eigentlich schon. Etwas mehr Durchmischung wäre durchaus wünschenswert.

Rita Sampogna: Wenn die Geschlechterverhältnisse ausgeglichener wären, würde es auch die Gesamtbevölkerung besser widerspiegeln.

Marianne Nyffenegger: Und Frauen legen bei den Themen andere Schwerpunkte. Sind etwa im Bereich Kinderbetreuung mehr sensibilisiert. Obwohl sich inzwischen auch Männer für die Kinderbetreuung einsetzen.

Apropos Kinderbetreuung. Ist ein Gemeindepräsidium mit der Familie vereinbar?

Karin Mumenthaler, Höchstetten: Als meine Jungs noch klein waren, hätte ich es nicht machen können, mit diesen vielen Sitzungen am Abend. Ich bin erst in die Gemeindepolitik eingestiegen, als die Kinder bereits grösser waren.

Rita Sampogna: Meine Kinder waren noch ziemlich klein, als ich angefangen habe. Das ging nur, weil mein Mann und meine Eltern jeweils zu ihnen geschaut haben.

«Ein Mann nimmt das Kind auch nicht mit zur Arbeit.»

Beatrice Kaufmann (parteilos), Zielebach

Wie könnte die Gemeinde bessere Rahmenbedingungen schaffen, damit junge Frauen in die Politik einsteigen?

Rita Sampogna: Wir haben im Gemeindehaus eine Kita. Vielleicht müsste man es so einrichten, dass Mütter die Kinder während den Sitzungen dorthin bringen können und die Gemeinde die Kosten übernimmt. Vielleicht müsste man da noch offener werden.

Marianne Nyffenegger: Oder dass sie die Kinder zu den Sitzungen mitnehmen, das geht in besonderen Situationen auch, finde ich.

Beatrice Kaufmann: Ein Mann nimmt das Kind aber auch nicht mit zur Arbeit. Dort ist es normal, dass die Frau auf die Kinder aufpasst. Umgekehrt sollte es ebenfalls selbstverständlich sein, dass der Mann der Frau den Rücken freihält.

«Es gibt verschiedene Faktoren, die wichtig sind, nicht nur das Geschlecht.»

Karin Mumenthaler (parteilos), Höchstetten
Karin Mumenthaler ist Gemeindepräsidentin von Höchstetten.
Karin Mumenthaler ist Gemeindepräsidentin von Höchstetten.
Foto: Beat Mathys

Könnte eine Frauenquote im Gemeinderat etwas bewirken?

Rita Sampogna: Ich bin nicht für Quoten.

Marianne Nyffenegger: Ich auch nicht. Wenn sich eine Person zur Verfügung stellt, muss sie sich für die Sache einsetzen, kompetent sein und Zeit und Freude am Amt haben. Das ist wichtiger, als ob es eine Frau oder ein Mann ist.

Karin Mumenthaler: Wir müssen in erster Linie genügend Leute finden, die sich in der Gemeindepolitik engagieren wollen. Da wäre eine Frauenquote der falsche Weg. Zudem muss der Gemeinderat auch bezüglich Alter und Berufen der Ratsmitglieder durchmischt sein. Es gibt verschiedene Faktoren, die wichtig sind, nicht nur das Geschlecht.

Gibt es andere Wege als eine Quote, um Frauen zu fördern?

Kathrin Scheidegger: Ja, indem wir den Frauen Mut machen. Das geht am besten mit einem persönlichen Gespräch. Auch die Parteien müssen schauen, dass sie mehr Frauen auf die Listen bringen.

Marianne Nyffenegger: Wir als Gemeindepräsidentinnen haben eine Vorbildfunktion. Wir müssen gute und kompetente Arbeit leisten ...

Rita Sampogna: ... und das gegen aussen tragen. Hier haben auch die Medien eine wichtige Funktion. Sie sollten darüber berichten, wie spannend diese Arbeit ist, und nicht immer nur über die Probleme, denen wir begegnen.

Was ist denn so spannend daran?

Rita Sampogna: Ich habe sehr viel gelernt. Etwa wie man ein Projekt entwickelt, um es bei der Gemeindeversammlung erfolgreich zur Abstimmung zu bringen. Auch rhetorisch habe ich viel gelernt und mir Führungsfähigkeiten angeeignet.

Marianne Nyffenegger: Es ist eine sehr vielseitige Aufgabe. Ich beschäftige mich mit baurechtlichen Fragen, mit der Schule, sozialen Themen und vielem mehr.

Beatrice Kaufmann: Mir macht es Freude, etwas im Dorf zu bewirken. Man kann so vieles bewegen, wenn man bereit ist, Verantwortung zu übernehmen.