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Sommerserie: Darf man das? (8)Darf man als Feministin einen knappen Bikini tragen?

Die Sittenpolizei beschäftigt sich heute mit dem gesunden Menschenverstand. Beim Liebesleben scheiden sich die Meinungen.

Wie stark hängen die politische Einstellung und die Kleiderwahl zusammen?
Wie stark hängen die politische Einstellung und die Kleiderwahl zusammen?
Foto: Getty Images / Westend61

Darf man Roger Federer überbewertet finden?

mjc: Ja. Warum nicht? (mjc)

mgo: Roger Federer ist wie die Schwerkraft. Wer das nicht erträgt, soll diesen Planeten bitte verlassen. Im Ernst: So einen Sportler hat die Schweiz noch nie erlebt, also geniesst die Zeit mit der goldenen Träne der Nation. Wir hätten durchaus auch weniger Glück haben können – High five an Herakles! Denn möchten Sie von einem arroganten Gockel wie C. Ronaldo am Zürcher Flughafen angelächelt werden?

fvg: Was machen Leute, die keine Gefühlsregung verspüren, wenn der Name Roger Federer Fällt? Ausweichen können sie ihm nicht, weil er in der Werbung, am Flughafen und seit neustem sogar im Wirtschaftsteil von Zeitungen auftaucht. Hassen können sie ihn auch nicht, weil er sich so glatt und harmonisch gibt in der Öffentlichkeit und daher null Angriffsfläche bietet. Die einzig mögliche Reaktion ist daher, ihn überbewertet zu finden.

Darf man als Feministin ein knappes rosa Bikini tragen?

mjc: Natürlich. Zwischen dem einen und dem anderen gibt es keinen Zusammenhang. Oder wie es die britische Schauspielerin Emma Watson nach einem freizügigen Fotoshooting mal treffend formuliert hat: «Was haben meine Brüste mit Feminismus zu tun?»

mgo: Als Mann verstumme ich bei dieser Frage.

fvg: Ja. Beim Feminismus geht es doch genau darum, dass eine Frau selber über ihren Körper verfügen darf. Womit sie ihn verhüllt oder eben nicht, bestimmt alleine sie.

Darf man als Europäerin oder als Europäer Rastas tragen?

mjc: Ja. Weil Kulturmix Spass macht – und von allen Seiten praktiziert wird. Zudem handelt es sich lediglich um eine Mode, nicht um ein heiliges Ritual, das man kopiert.

mgo: Nicht unbedingt. Man nennt es dann schlichtweg Mode. Hinter den verfilzten Haaren steckt gleichzeitig eine ganze Religion. Und da beginnt für Europäer das Dilemma. Will man sich das Symbol, welches sich gegen die weissen Unterdrücker richtet, aneignen und gleichzeitig ein weisses, privilegiertes Leben führen? Schwierig. Sich vor dem Verfilzen ein paar Gedanken zu der Bewegung zu machen, ist dringend empfohlen. Ein bisschen Widerstand gegen Babylon muss dann auch gelebt werden. Und dazu gehört mehr als grüne Blüten und rot verfärbte Augen.

fvg: Ja. Auch auf dem europäischen Kontinent gibt es eine Geschichte der verfilzten Haare: König Christian IV. von Dänemark und Norwegen (1577–1648) trug sie, und im 17. Jahrhundert schützten sich französische Soldaten mit ihnen gegen Säbelangriffe auf den Nacken. Zudem sei das Tragen von Dreadlocks vom Mainstream vereinnahmt worden und habe seine explizit politische Aussage verloren, schreibt Wikipedia. Trotzdem schadet es sicher nicht, wenn man sich vor dem Coiffurebesuch über die Kulturgeschichte der neuen Frisur informiert.

Darf man jemandem zur Trennung gratulieren?

mjc: Man darf. Aber was man nicht darf: eine freundliche Reaktion erwarten. Denn wenn man jemandem zur Trennung gratuliert, dann sagt man damit indirekt: «Endlich hast du erkannt, was für ein Idiot das ist.» Die meisten Leute schätzen es nicht besonders, wenn man ihre Urteilsfähigkeit dermassen anzweifelt.

mgo: Ehrlichkeit ist fast immer gut. In diesem Fall ist jedoch ziemlich klar absehbar, was das Gesagte auslösen wird: Schmerz. Und davon haben Leute, die sich eben getrennt haben, doch wahrlich schon genug. Auch wenn man es gut meint – niemand will nach einer zerbrochenen Liebe hören, dass die Beziehung von Anfang an in eine Sackgasse verlief. Wo war der nun so ehrliche, gute Freund denn in den Jahren zuvor?

fvg: Das lässt sich nicht generell beantworten. Jeder Mensch sollte selber abschätzen können, ob das Gegenüber diese Gratulation verträgt.