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Wer leidet, spricht nicht darüber

Für viele Tennisprofis gehören Schmerzen zum Alltag. Sie stillen sie mit Tabletten oder probieren nicht daran zu denken.

Keiner gibt so oft Forfait wie Rafael Nadal. Foto: Getty Images
Keiner gibt so oft Forfait wie Rafael Nadal. Foto: Getty Images

Der Showdown der Top 8 sollte ein grosses Tennisfest sein. Doch das WTA-Finale in Shenzhen war ein Debakel. Am dritten Tag musste Kiki Bertens für die verletzte Naomi Osaka einspringen. Am vierten Tag gab Bianca Andreescu gegen Karolina Pliskova auf. Am fünften Tag konnte Bertens die Partie gegen Belinda Bencic nicht beenden. Am sechsten Tag ersetzte Sofia Kenin die angeschlagene Andreescu. Und am siebten Tag führten Beschwerden von Bencic zum Abbruch des Halbfinals gegen Switolina.

Droht dem ATP-Finale eine ähnliche Verletzungswelle, zumal Rafael Nadal trotz einer Bauchmuskelzerrung nach London gereist ist? Eher nicht, denn der Spanier ist nicht nur sportlich, sondern auch bezüglich Krankengeschichte eine Ausnahmeerscheinung. Er hat bisher neunmal während eines Matches aufgegeben, sechsmal während eines Events auf ein Spiel verzichtet und noch viel häufiger eine Turnierteilnahme abgesagt. Ex-Coach Toni Nadal sagte 2018, sein Neffe lebe seit 2005 mit Schmerzen und Schmerzmitteln.

Der Superstar selber beschrieb seinen Alltag nach seinem zwölften French-Open-Titel so: «Normalerweise wird die Verletzung diagnostiziert, ich rehabilitiere und trainiere, als wäre es keine grosse Sache. Ich spiele mit Schmerzen und betrachte das nicht einmal als Leiden.»

«Ich spiele mit Schmerzen und betrachte das nicht einmal als Leiden.»

Rafael Nadal

Langfristig ist es nicht gesund, Profitennis zu spielen. Das versteht, wer Boris Becker an Krücken durch die O2-Arena hinken sieht. Rasante Richtungswechsel auf harten Belägen kombiniert mit millionenfachen Wiederholungen von Bewegungen hinterlassen unweigerlich ihre Spuren, wenn auch unterschiedlich tiefe. Stan Wawrinka, mit 34 noch ein Jahr älter als Nadal, erzählte in Basel, es gehöre zu seiner Karriere, mit Schmerzen zu spielen. Er sagte aber auch: «Schmerzen hat jeder. Einige sprechen mehr darüber, andere weniger.»

Roger Federer gehört zu jenen, die nur selten über gesundheitliche Probleme reden, und wenn, dann in der Retrospektive. Der Baselbieter hat jede seiner 1503 Partien regulär beendet, nur viermal ist er in 22 Saisons als Profi nicht angetreten. Doch trotz fliessenden Bewegungen und tänzerisch wirkendem Laufstil ist auch er nicht vor Rückschlägen gefeit. Seine Knieoperation und die Rückenblockaden sind dokumentiert, doch auch sonst zwickt es mal hier, mal da.

«Schmerzen hat jeder. Einige sprechen mehr darüber, andere weniger.»

Stan Wawrinka

«Man redet nicht darüber und blendet das Problem möglichst lange aus. Vielleicht nimmst du gegen Ende der Saison etwas mehr Schmerztabletten, denn es ist kalt draussen, was die Probleme verstärkt», erzählt er, wie er mit Blessuren oder leichten Verletzungen umgeht. Besonders unangenehm sei es, wenn mehrere gleichzeitig aufträten. «Dann musst du zu viele Kompromisse eingehen und kannst nicht mehr richtig spielen.»

Die Beschwerden werden dann zum Dauerthema, was dem Spieler zusetzen kann. Federer sagt: «Du versuchst, alles richtig zu machen, aber manchmal wird es nicht besser, was frustrierend ist. Wir haben in der Mannschaft abgemacht, dass sie mich gar nicht mehr danach fragen. Wichtig ist, zu wissen, was zu tun ist. Und wenn du keine Zeit hast, das Problem zu lösen, konzentrierst du dich besser auf etwas anderes. Dann wird von mir viel positive Energie verlangt.»

«Wir haben im Team abgemacht, dass sie mich gar nicht mehr danach fragen.»

Roger Federer

Der 38-Jährige misst sich oft mit deutlich jüngeren Gegnern, die noch quasi unversehrt sind. Dominic Thiem berichtet: «Ich habe Glück mit meinem Körper. Bisher habe ich noch keine Schmerzmittel schlucken müssen. Ich hoffe, dass es so bleibt.» Stefanos Tsitsipas gibt zu, mal zwei Partien verletzt bestritten zu haben. «Deshalb kann ich mir vorstellen, wie es ist, täglich mit Schmerzen zu spielen. Das macht definitiv keinen Spass. Daher bin ich dankbar, dass ich in einer anderen Lebensphase bin und hoffe, dass ich mich auf dem Court nie so fühlen muss», sagt er.

Eine Garantie gibt es nicht, aber ein Debakel wie in Shenzhen ist am ATP-Finale in London trotz Nadal nicht zu erwarten, weil die Leidensgeschichten der meisten Teilnehmer nur ganz wenige Kapitel haben – wenn überhaupt.

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