Die Sorge um die deutsche Einheit dominiert

Berlin feiert den 30. Jahrestag des Mauerfalls in grossem Stil. Doch im Unterschied zu früheren Jubiläen herrscht diesmal Nachdenklichkeit statt Euphorie.

Berlin im Zeichen des Mauerfalls: Der «Teppich der Träume». Foto: Reuters

Berlin im Zeichen des Mauerfalls: Der «Teppich der Träume». Foto: Reuters

Dominique Eigenmann@eigenmannberlin

Ein grosses, multimediales Spektakel wird heute Samstagabend am Brandenburger Tor Hunderttausende von Besuchern anziehen. Exakt vor 30 Jahren sprengte die friedliche Revolution in der DDR die Mauer, die Berlin zuvor 28 Jahre lang geteilt hatte.

Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird reden, zudem Marianne Birth­ler, die ehemalige Ostberliner Bürgerrechtlerin und Hüterin der Stasi-Unterlagen. Die Berliner Staatskapelle wird unter Daniel Barenboim Beethovens 5. Sinfonie spielen, dazu werden Bilder und Filme vom Mauerfall projiziert. Davor und danach treten Hip-Hopper, Rapper, DJs und Sängerinnen auf, von Zugezogen Maskulin über Westbam bis zu Anna Loos.

Projektionen auf das Humboldt-Forum. Foto: Keystone

Zu den offiziellen Gedenk­feierlichkeiten am Morgen haben Präsident Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht die Sieger von 1945 eingeladen – die USA, Grossbritannien, Frankreich und Russland –, sondern die östlichen Nachbarn: Sie trugen damals entscheidend dazu bei, dass der Eiserne Vorhang 1989 immer löchriger wurde. Polen, Tschechien, Ungarn und die Slowakei werden von den Staatspräsidenten Andrzej Duda, Milos Zeman, Janos Ader undZuzana Caputova vertreten.

Über 200 Veranstaltungen

Berlin feierte den Mauerfall ­diese Woche bereits mit einem grossen Festival mit mehr als 200 Veranstaltungen. Besonderen Eindruck machte der 150 Meter lange «Teppich der Träume» von Patrick Shearn vor dem Brandenburger Tor. Der kalifornische Künstler verwob in sechsmonatiger Arbeit 30'000 Zettel, auf die Menschen zuvor ihre Wünsche geschrieben hatten, zu einem bunten Zettelmeer, das über der Strasse zur Siegessäule im Wind weht.

Im Westen werden Zweifel laut, ob man in der Wendezeit und danach wirklich alles ­richtig gemacht hat.

Spektakulär waren auch die riesigen Videoprojektionen, die sieben wichtige Orte der Ereignisse von 1989 in Bilder der damaligen Zeit tauchten und sie damit in «sprechende Fassaden» verwandelten. Am Alexanderplatz lebte so die legendäre Demonstration vom 4. November 1989 wieder auf, und auf der Fassade des Stadtschlosses wurde der 2006 abgerissene «Palast» der DDR nochmals sichtbar – wenigstens für eine Woche.

Eine Lichtinstallation zeigt den ehemaligen Mauerverlauf. Foto: AP

Eine eigens entwickelte App ermöglichte es Berlin-Besuchern zudem, sich auf ihrem Handyvirtuell im Dekor der damaligen Mauer wiederzufinden – wahlweise 1961, unmittelbar vor dem Bau der Mauer, 1971 oder 1981. Die amerikanische Punk-Literatin Patti Smith trat in der Gethsemanekirche im Prenzlauer Berg auf, die für die Oppositionsbewegung eine besonders wichtige Rolle gespielt hatte. An einem anderen Konzert lärmten West- und Ost-Punker am Alexanderplatz erstmals gemeinsam.

Die AfD wirkt

Die Berliner Zeitungen fluteten die Stadt mit Erinnerungen und Begegnungen mit Zeit­zeugen. Frühere Flüchtlinge, Mauerspechte und Grenzwächter kamen genauso zu Wort wie ehemalige SED-Politiker oder DDR-Grössen wie Hans Modrow, Egon Krenz, Lothar de Maizière oder Gregor Gysi.

Die East Side Gallery. Foto: EPA

Der Tenor der Leitartikel unterschied sich dabei markant von dem früherer Jahre: Euphorie und Selbstzufriedenheit sind mehrheitlich Nachdenklichkeit, Sorge und Selbstkritik gewichen. Viele sorgen sich um den Zustand der deutschen Einheit, die eine Generation nach dem Mauerfall brüchiger und widersprüchlicher wirkt als noch vor zehn Jahren.

Die Ostdeutschen fremdeln immer sichtbarer mit der Demokratie, viele fühlen sich als ­«Bürger zweiter Klasse». Im ­Westen werden deutlicher als früher Zweifel laut, ob man in der Wendezeit und danach wirklich alles richtig gemacht hat. «Leider brauchte es erst den Aufstieg der AfD», meinte der frühere brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck, «damit Deutschland noch einmal auf die Wendegeschichte und ihre Irr­tümer zurückkommt.»

30 Jahre Mauerfall: 9. November 1989, ein Tag, der für immer im deutschen Kollektivgedächtnis bleiben wird. Video: SDA Keystone

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