Der FC Thun ist anders – bleibt er es?

Tabellenletzter, seit dem 11. August sieglos in der Super League, im Cup ausgeschieden: Der heutige FCZ-Gegner steckt in einer Krise.

Ein Thuner Trio, das viel Wert auf Teamwork legt: Trainer Schneider (stehend), Präsident Lüthi (links) und Sportchef Gerber. Foto: Claudio Thoma (Freshfocus)

Ein Thuner Trio, das viel Wert auf Teamwork legt: Trainer Schneider (stehend), Präsident Lüthi (links) und Sportchef Gerber. Foto: Claudio Thoma (Freshfocus)

Die Woche fängt mit einem obligatorischen Termin in Steffisburg an. Markus Lüthi steht auf der Bühne der Aula Schönau, der Präsident des FC Thun hat rund 400 Personen vor sich, die alle zum Club gehören: Junioren, Trainer, Mitarbeiter, Profis. Es geht an diesem Montagabend nicht um Technisch-Taktisches, nicht um die Jahresrechnung, sondern um Ernährung. Um die zentrale Frage: «Was kann die tägliche Ernährung zu Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Umweltverträglichkeit beitragen?»

Lüthi sieht es als eine der Pflichten des Vereins an, seine Mitglieder auch mit Bereichen zu konfrontieren, die nicht unmittelbar mit Fussball zu tun haben. «Engagement» – das ist in der Philosophie der Thuner ein Begriff von grosser Bedeutung: Flüchtlinge zu Spielen einladen, mit behinderten Menschen trainieren, einen vertieften Einblick in die Welt der sozialen Medien erhalten, in einem Knigge-Kurs Umgangsformen mit Mitmenschen aufgezeigt bekommen. Und nun also dieser Abend in Steffisburg, an dem ein Ernährungsberater mit seinem Referat Denkanstösse vermittelt.

Pragmatisch statt nervös

Der FC Thun tickt anders als andere, seine Führung lässt sich nicht so rasch aus dem Gleichgewicht bringen. Lüthi ist der Präsident mit vielen Ideen und einer, der nicht einfach brav alles abnickt, was die Swiss Football League vorgibt; Andres Gerber überzeugt als Sportchef seit 2009; und Marc Schneider ist der Trainer, der klaglos hinnimmt, dass regelmässig das beste Personal verkauft werden muss. Die drei legen Wert auf Teamwork.

Der Mannschaft läuft es seit geraumer Zeit allerdings gar nicht gut. Die Realität: 6 Punkte in 12 Spielen, 10. und letzter Tabellenplatz, harmlosester Angriff der Liga (10 Tore), schlechteste Abwehr (26), sieglos seit dem 11. August und am Mittwoch das Aus im Cup-Achtelfinal in Winterthur.

Es stellen sich unweigerlich Fragen: Behält die Clubleitung ihre Unaufgeregtheit bei, mit der sie bis jetzt noch jeder Baisse begegnete? Bleibt sie auch anders, wenn weitere Niederlagen die Situation verschärfen und den Druck auf den Trainer erhöhen?

«Ich bin kein Egoist. Stelle ich fest, es liegt am Trainer, dann räume ich mein Büro.»Trainer Marc Schneider

Donnerstag, der Morgen nach dem 0:1 von Winterthur. Oben in den Büroräumlichkeiten der Stockhorn-Arena wird ein 15-minütiges Video mit Gerber aufgenommen. Der Sportchef nimmt Stellung zur Krise, appelliert an die Fans, verteidigt den Trainer. Er sagt, man sei weiterhin sehr von Schneider überzeugt. Ja, er sagt: «sehr».

Der Trainer wirkt weder nervös noch verzweifelt. Er analysiert pragmatisch, auch seine eigene Situation. Er sagt: «Ich bin viel zu stark mit dem Verein verbunden, als dass ich versuchen würde, mich irgendwie im Job zu halten. Ich bin kein Egoist. Stelle ich fest, es liegt am Trainer, dann räume ich mein Büro. Aber ich bin sicher: Wir schaffen die Wende.»

Wie gemacht für diesen Job

Der 39-Jährige ist ein paar Minuten vom Stadion entfernt in Uetendorf aufgewachsen. Bei Thun hat er als 16-Jähriger in der 1. Liga debütiert und vor der Jahrtausendwende als einer der ersten Spieler einen Profivertrag erhalten. Bei den Morgentrainings unter Hanspeter Latour waren sie manchmal zu dritt. Schneider zog weiter zum FC Zürich, wechselte zu St. Gallen und YB. 2010 kehrte er heim und beendete zwei Jahre später die Karriere dort, wo sie begonnen hatte.

Die Führung glaubt, dass Schneider wie gemacht ist für diesen Job bei Thun. Weil er ein Einheimischer ist. Weil er sich mit der Region und seinem Verein identifiziert. Weil er Bescheidenheit ausstrahlt. Und Bodenhaftung, das ist ein ganz wichtiger Aspekt. Vor einer Woche sassen Schneider, Gerber und Lüthi vier Stunden lang zusammen. Lüthi kam zum Schluss, er sehe nur eine Möglichkeit: weiterarbeiten, bis das Glück wieder nach Thun findet.

«Ich sehe nureine Möglichkeit:weiterarbeiten, bis das Glück wieder nach Thun findet.»Präsident Markus Lüthi

Womöglich haben sich die Thuner im Sommer zu viel zugemutet. Sie sind darauf spezialisiert, Abgänge zu kompensieren. Es ist ihre Überlebensstrategie gegen finanzielle Not und grössere Gegner. Diesmal verkauften sie mit Dejan Sorgic (Auxerre) und Marvin Spielmann (YB) ein Duo, das 2018/19 in der Liga 27 Tore erzielt hatte. Dazu war Matteo Tosetti, der Talentierteste unter den verbliebenen Offensivspielern, lange verletzt. Der Angriff war letztes Jahr ein Trumpf, er kaschierte an manchen Tagen Defensivmängel. Das fehlt jetzt. «Wenn wir mit dieser unerfahrenen Equipe aus dem Tief finden», sagt Schneider, «dann ist das unsere grösste Leistung in den letzten Jahren.»

Wie weiter mit Hediger?

Viel dürfte davon abhängen, wie es mit Dennis Hediger weitergeht. Es ist kaum ein Zufall, dass der Abwärtstrend einsetzte, nachdem sich der Captain im Februar einen Kreuzbandriss erlitten hatte. Hediger ist seit 2010 im Club, er ist in der Kabine der verlängerte Arm der Vereinsführung, auf dem Platz die ordnende Hand und der unerschrockene Antreiber. Kreuz- und das Innenband sind wieder instand, doch der Knorpel bereitet Sorgen. Die Rückkehr verzögert sich seit Wochen.

Das führt zur Frage, wie viel Risiko Hediger einzugehen bereit ist. Eine weitere Verletzung am Knie könnte das Karriereende bedeuten. Immerhin deutet sich eine Besserung an. Der 33-Jährige will die Intensität im Training steigern, Zweikämpfe bestreiten. Er denkt, eine Rückkehr in einer Woche gegen Xamax sei möglich.

Heute, im Heimspiel gegen den FC Zürich, fehlt Hediger, dazu sind drei weitere zentrale Mittelfeldspieler gesperrt. Das erschwert die Aufgabe zusätzlich. Schneider müsste zwar bei einer Niederlage kaum die Freistellung befürchten. Aber: Würde die Clubleitung auch dann noch ihr wohltuendes Anderssein beibehalten, sähe sie sich einer Belastungsprobe wie vielleicht noch nie ausgesetzt.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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