Chinas Gesicht des Kapitalismus tritt ab

Jack Ma, Gründer von Internetgiganten Alibaba, gibt heute die Konzernleitung ab. Er hinterlässt ein beeindruckendes Erbe.

Das Gesicht des chinesischen Kapitalismus: Jack Ma verlässt heute die Konzernleitung des Internetgiganten Alibaba.

Das Gesicht des chinesischen Kapitalismus: Jack Ma verlässt heute die Konzernleitung des Internetgiganten Alibaba.

(Bild: Keystone Thibault Camus)

Jack Ma gründete Alibaba vor etwas mehr als 20 Jahren im Alter von 34 Jahren in seinem Geburtsort Hangzhou, unweit von Shanghai. Während eines Besuchs in den Vereinigten Staaten 1995 kam er zum ersten Mal mit dem Internet in Kontakt und sah darin ein riesiges Potenzial in seiner Heimat. Zu Recht. 19 Jahre später machte Alibaba den damals erfolgreichsten Börsengang aller Zeiten.

Nun tritt Ma heute, an seinem 55. Geburtstag, als Chef ab. Dies hatte er schon vor einem Jahr angekündigt. Er übergibt das Unternehmen seinem erfahrenen Weggefährten Daniel Zhang, wird im Verwaltungsrat aber weiterhin eine Rolle spielen.

Sein gutes Englisch und Bekenntnis zu einer offenen und marktorientierten Wirtschaft machten Ma zu einer internationalen Berühmtheit, seine Geschichte steht sinnbildlich für die wirtschaftliche Öffnung Chinas. «The Economist» nannte ihn entsprechend im vergangenen Jahr das «erkennbarste Gesicht des chinesischen Kapitalismus».

Mehr Nutzer, mehr Umsatz

Ma hinterlässt ein Unternehmen in einem gesunden Zustand. Alibaba hat in den vergangenen Jahren ein rasantes Wachstum erlebt. Im Geschäftsjahr 2019 wurde der Umsatz auf über 50 Milliarden US-Dollar erhöht. Die aktiven Nutzerzahlen haben sich seit Anfang 2018 drastisch erhöht – von 552 Millionen auf heute mehr als 674 Millionen Nutzer.

Die Umsatzzahlen Alibabas sind zwar momentan noch weit weg von jenen des amerikanischen Rivalen Amazon. In der Zukunft könnte sich dies aber ändern. Denn der chinesische Markt ist immer noch nicht vollständig ausgeschöpft. China zählt mehr als 1,4 Milliarden Einwohner. Viele Chinesen nutzen die Onlinedienste Alibabas also noch nicht.

Zudem investiert Alibaba neben ihren E-Commerce-Plattformen, ähnlich wie Amazon, in Produkte aus diversen anderen Branchen, beispielsweise in die Online-Bezahlungsplattform Alipay oder in verschiedene Produkte in der Unterhaltungsindustrie.

Und die chinesischen Online-Riesen sind erst in der Anfangsphase ihrer Expansion in die europäischen und amerikanischen Märkte; Alibaba etwa mit Aliexpress. Die Märkte zeichnen sich durch eine sehr hohe Kaufkraft aus und versprechen deshalb Profite.

Schweiz im Fokus

Die Verbreitung der mobilen Bezahllösung Alipay in Europa geht Hand in Hand mit den steigenden Touristenzahlen aus China. Tourismusbetriebe und Einzelhändler in Tourismusregionen bieten Alipay an, um für ihre chinesischen Kunden und Gäste attraktiver zu sein. Seit Anfang 2018 sei zum Beispiel die Zahl der Schweizer Händler, die das Bezahlen mit Alipay anbieten, um mehr als 3000 Prozent gestiegen, teilte ein Sprecher von Alipay der «Hotelrevue», der Fachzeitung für die Schweizer Hotellerie, im März mit.

Das Schweizer Geschäft von Aliexpress läuft ebenfalls hervorragend. Die im Onlinehandel tätige Tochtergesellschaft von Alibaba steigerte 2018 ihre Umsätze in der Schweiz um 70 Prozent auf 475 Millionen Franken. Der chinesische Händler wächst schneller als das amerikanische Amazon. Das könnte daran liegen, dass der Versand von chinesischen Waren weiterhin sehr günstig ist und dass die letztes Jahr eingeführten Mehrwertsteuerregelungen keinen Einfluss auf chinesische Anbieter wie Aliexpress haben.

Der Grund: Aliexpress ist nur eine Plattform für unabhängige Händler, die aus eigener Hand die Mehrwertsteuer übernehmen müssen. Aliexpress vermittelt bloss zwischen ihnen und den Kunden. Im Gegensatz dazu verkauft Amazon selbst Produkte und muss für deren Einfuhr in die Schweiz die entsprechende Mehrwertsteuer zahlen.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt