Meer braucht er nicht

Thun

Jan Streit surft in der Aare in Thun, die ­Wirkung seines Hobbys reicht aber bis nach Zürich. Dort dient ihm das Flusssurfen bei Prüfungen.

Der Thuner Jan Streit möchte den Fluss nicht gegen das Meer tauschen. Video: Raphael Moser/Florine Schönmann

Stevia statt Zucker. Bier ohne Alkohol. Unser Alltag birst vor lauter Dinge, die das Echte auf ein Niveau dämpfen, auf welchem es sich nahtlos in die glattgebügelte Welt des 21. Jahrhunderts einfügt. Auf der Strecke bleibt: der Spass.

Aare statt Atlantik und eine Welle, die nicht bricht. Zuwachs für die Galerie der Surrogate?

Um diese Frage zu beantworten, reicht ein Blick nach Thun, wo Surfer an der Schleuse nahe dem Bahnhof, unter Ahornbäumen und rosa Geranien ihre Bretter ins Wasser wuchten. Einer von ihnen ist Jan Streit, 23-jährig, aus Thun.

«Ich will kein Ziel erreichen, genau das gefällt mir.»Jan Streit

Vor drei Jahren schleppten ihn zwei Kollegen, erfahrene Flusssurfer, mit zur Welle. Lange stand er damals nicht auf dem Brett: Das Wasser riss ihn runter und verschluckte ihn. Aufgeben wollte er nicht, natürlich nicht, spornten ihn doch die Kollegen an. Plötzlich, nach unzähligen Waschgängen und Hämatomen war er da: der erste lange Ritt. Und mit ihm die Liebe zum Brett.

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Weit gereistes Board

Wer im Meer surft, verbringt ein Leben damit, seinen Spot akribisch zu studieren, um dessen Wellen lesen zu können: Jeden Stein, Strudel und Winkel muss er kennen, ebenso alle möglichen Kombinationen aus Wind und Gezeiten. In Thun ist die Lage überschaubar. Einzig die Öffnung der Schleusentore verändert die Qualität der Welle.

Simpel ist auch die Ausrüstung. Ein Neoprenanzug, damit der Körper im Wasser nicht auskühlt, und ein Brett, mehr braucht es nicht. Sein Brett, ein Shortboard, hat Jan Streit auf Ricardo gekauft, der Vorbesitzer importierte es aus Australien.

Wenn im Mai die ersten Surfer nach der Winterpause die Flusswelle reiten, brütet Jan Streit in Zürich über Thermodynamik und Taylor-Polynomen. Er studiert Umweltnaturwissenschaften an der ETH und wohnt während des Semesters in einer WG in Winterthur.

Den späten Start in die Surfsaison holt Streit in den Ferien auf. Soweit es Wetter und Agenda zulassen, trägt er jeden Tag sein Brett zur Welle, surft eine Stunde oder mehr. Ausgelaugt fühlt er sich danach nicht. Denn für seinen Körper ist das Surfen kein Training. Klettern, rennen, schwimmen, Fahrrad fahren – damit hält sich Streit fit.

Andere Regeln im Ozean

Das Surfen berührt ihn auf einer anderen Ebene. «Ich will kein Ziel erreichen, genau das gefällt mir daran.» Abschalten, entspannen, im Moment leben. Dieses Gefühl macht für ihn das Surfen so wertvoll. Eine Quelle der Ruhe.

Aus ihr schöpft Jan Streit oft im Alltag. Etwa vor einer Prüfung, wenn das Herz rast, er sich aber konzentrieren sollte. «Ich stelle mir vor, wie das Wasser tost und braust. Denke ich an dieses Geräusch, knipst mein Körper das Surfgefühl an, und ich bin entspannt.»

Manchmal aber, da möchte Jan Streit die Monotonie der Thuner Welle durchbrechen mit der Verspieltheit des Ozeans. Dann nämlich, wenn er im Internet Filmchen der Surfer der Profitour ­anguckt: Wie diese Kunststücke ins Wasser zeichnen; Turns und Moves so schnell, dass das menschliche Auge die Bewegungen nicht entschlüsseln kann.

Vor einem Jahr probierte er das selber aus, das Surfen im Atlantik, im Urlaub in New York, am Rock­away Beach. Dort spürte er, dass die vielen Faktoren des Einflusses auf die Wellen nicht die einzige Tücke sind beim Surfen im Meer. «Die Rangordnung bestimmt, wer die Welle reitet. Anfänger haben es dabei schwierig.»

In Thun gelten andere Regeln: Wie vor einer Kasse in einem Laden bilden die Surfer eine Schlange. Wer zuvorderst ist, reitet die Welle, schliesst danach hinten an.

Eintauschen gegen einen Ozean möchte Jan Streit die Thuner Welle nicht. Für ihn ist sie kein billiger Abklatsch der grossen Gewässer, dem deren Essenz fehlt. Sie ist ein Unikat.

River Surf Jam Thun: Am 1. 9. findet bei der unteren Schleuse ein Wettbewerb statt. Alle Infos und Anmeldung online unter riversurfjam.ch.

Berner Zeitung

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