Zum Hauptinhalt springen

Frankfurter Buchmesse ohne Aussteller Buchbranche auf Entzug

Nach Leipzig wird es auch in Frankfurt keine Buchmesse geben. Was bedeutet ein Jahr ohne Messen für die Verlage?

Da war der Grossanlass in der Mainmetropole noch gut besucht: Die Frankfurter Buchmesse im letzten Jahr.
Da war der Grossanlass in der Mainmetropole noch gut besucht: Die Frankfurter Buchmesse im letzten Jahr.
Foto: Keystone

Ein ganzes Jahr ohne Buchmessen kann sich in der Verlagswelt noch immer niemand richtig vorstellen. Und die Frankfurter Buchmesse hat diese Woche alle rhetorische Kraft aufgebracht, um das Wort Absage zu vermeiden. Aber auch wenn Teile des Rahmenprogramms erhalten bleiben und digitale Supplemente erfunden werden: Ohne Aussteller in den Hallen wird es keine Messe. Und nachdem schon die Frühjahrsmesse in Leipzig zu Beginn der Corona-Pandemie ausgefallen ist, leidet die Branche spürbar unter Entzug.

Wobei keine einzelne Funktion einer Buchmesse unersetzbar wäre: Lesungen wird es beim Bookfest der Messe, dem Festival Open Books der Stadt Frankfurt und in Veranstaltungshäusern in vielen anderen Städten trotzdem geben. Die Lizenzgeschäfte und Gespräche zwischen Agenten, Literaturscouts, Verlegerinnen und Lektoren ziehen sich nun schon über ein halbes Jahr lang per Videokonferenzen über den ganzen Globus. Und ihre Leserinnen und Leser erreichen Bücher und Autoren vielleicht bequemer im Buchladen um die Ecke, per Videolesung und digitaler Vermarktung.

Damit diffundiert nun aber das internationale Ereignis Frankfurter Buchmesse in das Gewirr von virtuellen Kanälen und lokalen Mini-Öffentlichkeiten, aus denen das kulturelle und wirtschaftliche Leben zu Corona-Zeiten sowieso besteht. Und wen man auch fragt in den grossen Konzernverlagen wie kleinen, idealistisch geführten Häusern: Niemand kann sich damit anfreunden, alle sprechen sehnsüchtig von zufälligen Begegnungen und neuen Beziehungen, die jede Messe bringe. Der Stapel der Manuskripte, die im September auf den Schreibtischen von Verlegerinnen und Lektoren landen, lichtet sich oft erst durch die leidenschaftlich vorgetragenen Empfehlungen einer Agentin. Und die Aufmerksamkeit aller ist normalerweise für einige Tage ganz auf Bücher gebündelt: Die Menschen, die sie schreiben, herstellen, verlegen, kaufen und kritisieren, sehen sich für ein paar laute, schlaflose Tage in Frankfurt - und damit ist der Zusammenhalt der Branche übers Jahr gesichert.

Grosses Potenzial von Buchmessen

Von diesem Erlebnis haben Verlage heuer unterschiedlich schnell Abschied genommen. Konzerne wie Bonnier, Holtzbrinck und Random House haben ihre Teilnahme schon vor Monaten abgesagt. Während der Schweizer Diogenes-Verlag bereits Anfang April entschied, nicht nach Frankfurt zu fahren, suchten andere Häuser noch nach Wegen: Die vier inhabergeführten Verlage Aufbau, C.H. Beck, Suhrkamp und Klett-Cotta wollten zum Beispiel einen gemeinsamen Stand bespielen. Es sei darum gegangen, möglichst lange zur Buchmesse zu stehen, sagt Constanze Neumann, die Verlagsleiterin von Aufbau: «Nichts aufgeben.» Und auch Christian Ruzicska, Verleger des exquisiten Verlags Secession, findet, dass Kultur und Literatur gerade jetzt Präsenz zeigen müssten.

Für kleine Verlage hat das Nebeneinander von allem mit allen bei der Buchmesse ein grosses Potenzial. Die Bücher von Autoren wie Bas Kast, Susanne Fröhlich und Richard David Precht, mit denen man in Frankfurt jetzt zum Beispiel allen Widrigkeiten zum Trotz eine «Buchmessenacht» bestreiten will, finden ihre Leser auf jeden Fall. In ihrem Windschatten sammelt sich bei Buchmessen aber eben normalerweise auch für kleinere, speziellere Literaturen ein Publikum. Engagierte Verleger wie Ruzicska tragen ihre Bücher dort persönlich an Kritiker und Leser heran. Schon der Wegfall der Frühlingsmesse, sagt er, habe ein unerträgliches Loch in die Aufmerksamkeit für sein Programm gerissen.

Trotzdem konnte die Absage der Ausstellung in Frankfurt jetzt niemanden mehr überraschen: Des Risikos waren sich auch die bewusst, die bis zuletzt nach Frankfurt fahren wollten. Dass man auf Buchmessen dauerhaft verzichten könnte, glaubt aber auch in grossen Verlagsgruppen niemand. Zum Beispiel betont Britta Egetemeier, die bei Random House unter anderem die Literaturverlage Blanvalet, Manesse und Penguin leitet, wie wichtig die Ausstrahlung der Buchmesse für das Leserpublikum sei. Und Kontakte, die man schon hat, könne man zwar digital pflegen. Aber neue knüpften sich nicht so leicht. Gerade für junge Leute, Berufsanfänger, erschwert das den Einstieg in die sowieso nicht unkomplizierte Publishing-Branche.

1 Kommentar
    Ralf Schrader

    Alles, was mit Geld in Berührung kommt, wird zu Scheisse. Egal ob es eigentlich wertvoll ist, wie Kunst. Kunst braucht man, aber keine Geschäfte mit Kunst, keinen Kunstmarkt und keine Kunstmessen.

    Hoffen wie, dass die Pandemie einen Weg aus der Vergeschäftigung der Kultur zeigt. Wobei zur Kultur auch Medizin, Gesundheit und Sport gehören. Alles was nicht primär Wirtschaft ist, muss der Wirtschaft in Gänze entzogen werden. Der Wirtschaft lassen wir nur die niederen verzichtbaren Bedürfnisse.