Von 120 auf 5 Minuten

Für die Sommerserie Stadt-Land schreiben drei Redaktorinnen über ihren Wohnort. Heute Claudia Salzmann über Pendeln in der Stadt.

Claudia Salzmann@C_L_A

Während meiner Studienzeit pendelte ich von Bern nach Winterthur. Ein qualvoller 120-Minuten-Weg. Meist war ich mies drauf, weil ich mit den Pendlermassen nicht zurechtkam. ­Heute hat sich mein Arbeitsweg – falls ich nicht gerade auf eine Alp fahre oder über das Gurtenfestival tickere – auf fünf Velominuten reduziert. Die absolute Lebensqualität.

Selbst wenn der Weg kurz ist, erlebe ich dennoch vieles: Beispielsweise wenn ich den Nachbarsbuben hinterherfahre, die aus einer tamilischen Familie stammen und in breitem Berndeutsch über ihren Lehrer ­tratschen.

Manchmal ergibt sich ein Gespräch, wie kürzlich mit einer Frau, die zwei Kinder im Veloanhänger hatte und mit der ich über den Sommer philosophierte. Oder ein Bub, der mir hinterherrannte, weil er unbedingt erzählen wollte, dass er jetzt ein halbes Jahr Wochenende habe, weil er mit den Eltern auf Reisen gehe.

Wir Velofahrenden und Fussgänger sind in der Lorraine völlig anarchistisch unterwegs. Autofahrer haben da wenig zu melden. Während in der vorderen Lorraine verhältnismässig viel Verkehr herrscht, ist es in meiner Strasse ruhig. Man hört die SBB-Züge und auf der anderen Seite der Aare den RBS, doch daran gewöhnt man sich schnell.

Aber in der Nacht ist es hier hinten viel lauter als tagsüber: Einerseits wegen der RBS-Baustelle, andererseits weil sich kuriose Autofreaks am eigenen Motorengeräusch ergötzen, das im Neufeldtunnel verstärkt wird und die ganze hintere Lorraine aus dem Bett holt.

Aber lieber solche Problemchen, die sich mit Ohropax beheben lassen, als täglich 120 Minuten im Pendlerstrom feststecken.

Berner Zeitung

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