Zu Gast

Ostwärts

Abenteuer auf zwei Rädern: Die pensionierte Journalistin Laura Fehlmann fährt mit dem Velo über 6000 Kilometer quer durch Russland.

Die ehemalige BZ-Redaktorin Laura Fehlmann ist mit ihrem Velo auf dem Weg quer durch Russland. Von Kiew an den Baikalsee sind es rund 6150 Kilometer.

Die ehemalige BZ-Redaktorin Laura Fehlmann ist mit ihrem Velo auf dem Weg quer durch Russland. Von Kiew an den Baikalsee sind es rund 6150 Kilometer.

(Bild: Raphael Moser)

«Wir haben alles in Russland: Erdöl, Gas, Uran, Kohle, Nickel, aber wir in den Dörfern haben keine Arbeit», sagt Sergei. Der 51-Jährige hat uns beim Lebensmittelgeschäft seines Dorfs angesprochen, als wir auf der Suche nach einem Platz für unser Zelt herumirrten. Sergei und seine Frau Lena sind Selbstversorger, wie die meisten Landbewohner. In ihrem grossen Garten pflanzen sie Gemüse und Kartoffeln.

Die beiden wollen auf keinen Fall, dass wir das Zelt aufstellen. Im Raum zwischen Küche und Wohnschlafzimmer richtet Lena ein Schlafsofa her, während Sergei in der Küche Speck und eigene Kartoffeln brät. Mir ist es peinlich, von so armen Leuten bewirtet zu werden. Ich schenke ihnen Honig, den Burger unterwegs gekauft hatte. Das Geschenk wird gerne angenommen.

Von Kiew an den Baikalsee: Rund 6150 Kilometer quer durch Russland. Quelle: Google Maps

Bald ist Sergei beim vierten Bier angelangt und stellt eine Flasche Wodka auf den Tisch. «Ich trinke nicht», sage ich. Burger teilt ein Bier mit unserem Gastgeber, der dann allein weitertrinkt, bald mit schwerer Zunge spricht und mir für meinen Geschmack allzu nahe kommt. Ich möchte nur noch weg. Aber wohin? Lena weist ihren Mann zurecht, sagt, wir seien bestimmt müde und er solle sich doch auch bald hinlegen. Tut er leider nicht.

Die aggressive Phase unseres Gastgebers mündet in trunkenes Elend. Er trinkt Wodka, raucht fast pausenlos und ist den Tränen nahe. «Ich bin 51, habe nur noch Lena, die Kinder sind selbstständig. Was habe ich denn vom Leben noch zu erwarten? Meine russische Seele leidet.» Der Mann tut mir leid. Andernteils würde ich ihm gerne sagen, dass der Alkohol sein Leben nicht verbessert. Es wird dunkel. Wir legen uns hin und stellen uns schlafend, bis Sergei zu Lena stolpert. Er schnarcht.

Der TV läuft fast die ganze Nacht, aber der Gesang einer Nachtigall übertönt alles, und ich schlafe, bis es tagt. Sergei steht auf, kocht uns Tee, schneidet Brot und Wurst. Nach dem Frühstück verabschieden wir uns. Ich lege einen Geldschein unter den Teller, dann fahren wir Richtung Ufa, vorbei an Erdölförderanlagen und Raffinerien. Sergei hat recht. Russland ist reich. Leider spüren die kleinen Leute nichts davon.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt