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Nichts zu sehen

Von den Tücken einer morgendlichen Fahrt in einem vollen Tram.

Das Tram ruckelt und ist ordentlich gefüllt. Von Haltestelle zu Haltestelle werden es immer mehr Menschen. Draussen zieht ein so dunkler Novembermorgen vorbei, dass es nichts zu sehen gibt. Breitbeinig stehe ich da, ein Buch in der Hand, und versuche zu lesen, was mir nicht gelingt. Immer wenn das Tram bremst, drohe ich umzukippen – nirgends eine Möglichkeit, mich festzuhalten, es ist eng, feucht, und plötzlich rieche ich süssliches Parfüm.

Die junge Frau steht ganz nahe bei mir. Über der Schulter hängt eine Handtasche so gross wie ein Mikrowellenherd. In ihrem Arm liegt ein weisses Hündchen, das mich mitleidig anblickt. In der freien Hand hält sie ihr Smartphone. Ihre Finger, mit milkafarbenen Nägeln, tanzen über den Bildschirm. Er zeigt ein Foto von ihr im Abendkleid. Sie tippt, sie wischt, sie drückt, perfekt ausbalanciert, während das Tram ruckelt, quietscht und an den Haltestellen bremst.

Sie schneidet das Selfie zurecht, überzieht es mit Filtern, zoomt hinein und hinaus. Dann öffnet sie zahllose Apps und schliesst sie wieder, Chats, Streamingdienste, Galerien. Das Tram ruckelt, quietscht und bremst, während sie dem perfekten Selfie einen perfekten goldenen Rahmen verpasst und das Bild in einem sozialen Medium platziert – perfekt verstichwortet mit Gartenhägen.

Das Tram fährt im Bahnhof ein und spuckt die Menschen in ihren Arbeitstag. Ganz benommen stehe ich am Perron, halte mein Buch an die Brust gedrückt und fühle mich so alt wie nie zuvor.

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