Ich und die anderen

Maria Künzli über das Älterwerden – und insbesondere über das Realisieren dessen.

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Früher dachte ich, man definiere selber, wann man alt ist. Solange ich mich für die Welt interessiere, an ihr teilnehmen und sie verstehen will, solange ich mich auf Neues einlassen kann – so lange bin ich auch nicht alt. Doch neulich habe ich gelernt: alles Schönfärberei! Wann man alt ist, entscheiden allein die anderen.

Wir waren an ein Geburtstagsfest eingeladen. Kind, Mann und ich. Irgendwann, nach dem Essen, teilte sich die Festgemeinde auf: Am Tisch blieben die Nichtraucher, die bei einem Glas Wein über Rezepte, das Reisen, die Gesundheit und die Arbeit redeten. Auf dem Balkon die Raucher mit ähnlichen Themen. Im Spielzimmer die Kinder. Ich sass drinnen am Erwachsenentisch und langweilte mich. Irgendwer berichtete ausführlich von seinem Gesundheitszustand, der sich aufgrund der Wetterlage von angeschlagen zu hundsmiserabel entwickelt hatte («Ich habe so Blutdruck!»). Es schien niemanden zu interessieren. Aus dem Spielzimmer drang lautes Gelächter. Ich stand auf und spähte hinein: Die Kinder sassen auf dem Fussboden im Kreis und unterhielten sich angeregt.

Ich überlegte nicht lange und setzte mich einfach dazu, neben das Kind. Es ging darum, wer in wen ist. Das Wort «verliebt» scheint out zu sein. Heute ist man einfach in wen. Anna ist in Max, erfuhr ich da (kicher), Levin in Cheyenne-Samira (kicherkicher). Und Karlotta gestand, dass sie in Friedrich-Kilian sei (kicherkicherkicher). «Und in wen bist du?», fragte ich mein Kind kumpelhaft. Es verdrehte die Augen. Sagte nichts. Um die Stimmung wieder aufzulockern, sagte ich: «Weisst du, in wen ich bin? In deinen Papa!» Niemand kicherte. Alle blickten zu Boden. Da packte mich das Kind am Ärmel und flüsterte mir ins Ohr: «Mama, du bist peinlich!» Das war der Moment, in dem ich verstand: Ich bin alt. Und mein Baby ist kein Baby mehr. Da gab es nichts zu definieren, nichts zu interpretieren.

Die alte Frau ging zurück zum Erwachsenentisch. Und notierte sich das Rumkugelrezept von irgendjemandem. (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.11.2017, 15:54 Uhr

Maria Künzli, Redaktorin. (Bild: zvg)

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Bern! Biel! Burgdorf! Das Leben! Maria Künzli, Nina Kobelt, Martin Burkhalter und Fabian Sommer teilen an dieser Stelle abwechselnd ihre kleinen und grossen Beobachtungen. Alle Folgen finden Sie auf bernundso.bernerzeitung.ch

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