Fyrabe

Über den Sinn des Lebens. Oder was er nicht sein sollte.

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Ich sass am Freitagvorabend beim leichten Weisswein. «Endlich Wochenende», sagte ich mir. Im Radio lief Eros Ramazotti, zuvor waren gerade die Verkehrsmeldungen durchgegeben worden. Ich knabberte an einer Olive, als sich neben mir zwei Frauen im mittleren Alter an den Tresen setzten.

Die eine hatte rote kurze Haare. Die andere eine dunkle, lockige Mähne. Sie bestellten Weisswein und sprachen über den Alltag im Büro. Der Moderator im Radio wünschte allen ein gutes Wochenende, einen schönen Feierabend und kündigte die 17-Uhr-Nachrichten an. Plötzlich knurrte die mit den kurzen Haaren wie ein Chihuahua.

Vorhang.
«Was hast du?», fragte die mit den dunklen Locken.
«Das nervt mich.»
«Was?»
«Diese Radiomoderatoren.»
«Wieso?»
«Dass die immer einen schönen Feierabend wünschen müssen.»
«…?»
«Immer wünschen sie einem einen schönen Feierabend. Sagen ‹Endlich Feierabend› oder ‹Bald ist Wochenende›. Schon um halb vier fängt das an.»
«Aber das ist doch nett.»
«Nein, das ist verlogen. Zum Kotzen find ich das. Wirklich. Als sei es normal, dass man seine Arbeit hasst und dass man sich sein Recht auf Freude erst verdienen muss.»
«Ja, aber so ist das halt.»
«Eben nicht. Das ist falsch. Und die unterstützen das noch im Radio. Dieses Denken. Als wäre das der Sinn. Sich auf den Feierabend freuen. Als gäbe es sonst kein Leben.»
«Warum regt dich das so auf?»
«Mein Vater hat vierzig Jahre lang nur gearbeitet. Dann wurde er pensioniert. Nach zwei Monaten legte er sich eines nachmittags aufs Sofa und wachte nicht mehr auf.»
Vorhang.

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