«Du darfst keine Rampensau sein»

Seit siebzehn Jahren füllen sie die Theatersäle mit immer neuen Varianten vom eigentlich Gleichen: Die Schauspieler des Berner Ensembles Theater am Puls sind enorm erfolgreich mit Impro-Theater. Jetzt haben sie ein Krimiformat erfunden.

Da braut sich was zusammen: Die Berner Impro-Gruppe Theater am Puls hat einen Krimi erfunden. Wer der Mörder ist, bestimmt das Publikum.

Da braut sich was zusammen: Die Berner Impro-Gruppe Theater am Puls hat einen Krimi erfunden. Wer der Mörder ist, bestimmt das Publikum. Bild: Marco Zanoni / Lunax

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Es hat geschneit – und wumm, fliegen auch schon Schneebälle. Debo Wyss, die Frau auf der Bühne, wird attackiert, erschrickt erst, dann lacht sie. Es sind ja nur ihre Kolleginnen Kathrin Fischer und Brigitte Woodtli, die sie vom Zuschauerraum aus beworfen haben.

Gemeinsam bilden die drei an diesem Nachmittag TAPs Schnudergäng in der Berner Cappella. Im Publikum sitzen Kinder, die nur zu gern auf die Bühne steigen, um beim Improvisationstheater spontan einen Baum oder eine Ameise zu mimen. Es geht wild und witzig zu und her. Die Kinder hängen gebannt an den Lippen der drei Schauspielerinnen.

Vom Hobby zum Beruf

Die Schnudergäng ist nur eines von vier Programmen der Berner Impro-Theater-Gruppe Theater am Puls oder kurz TAP. Seit siebzehn Jahren füllt das achtköpfige Ensemble mit Improvisation ganze Theatersäle. Ensemblemitglied Carlo Segginger brachte die Idee damals aus Frankreich und Deutschland zurück in die Schweiz mit. «Ich war junger Vater und suchte eine Form, die familientauglich ist.»

Erst bestand das Ensemble noch aus fünfzehn Mitgliedern, man spielte einmal im Monat «Theatersport» im Gaskessel. Dieser witzige Theaterwettkampf zwischen zwei Teams findet bis heute dort statt, das nächste Mal am kommenden Mittwoch gegen ein Team aus Russland.

Mittlerweile sind aber auch andere Stücke wie «Härd­öpfeler», eine Impro-Pokershow und die Schnudergäng dazu­gekommen. Und die Grösse der Gruppe hat sich bei acht Mitgliedern eingependelt. Unter ihnen auch Thomas Laube und Markus Schrag (bekannt aus «Lustiger Dienstag» im Tojo). TAP ist keine Hobbygruppe mehr, sondern ein professionelles Ensemble, das oft auch an Firmenanlässen oder in Schulen gebucht wird und jeden Montagabend probt.

Und jetzt ein Coup

Mit seinem neuesten Stück ist TAP gar ein Coup gelungen. Ende November spielte die Gruppe in der Cappella zum ersten Mal «TAP im Dunkeln», einen im­provisierten Krimi. Dreimal war sie bis auf den letzten Sitz aus­verkauft. Darum gibt es nun im neuen Jahr vorerst drei Zusatzvorstellungen.

Der von TAP entworfene Impro-Krimi hat eine klare Struktur: Es stehen fünf Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Bühne. Jemand ist der Kommissar, jemand das Opfer. Bestimmt werden sie vor Ort vom Publikum.

Das Leben des Opfers wird daraufhin in Rückblenden beleuchtet. Wer der Mörder ist, bleibt in der ersten Hälfte noch unklar. Erst in der Pause wird er in einer geheimen Abstimmung durch das Publikum bestimmt. So bleibt es spannend. Und lustig. «Das Stück ist eigentlich eine Krimikomödie», sagt TAP-Mitglied Debo Wyss.

Spontanität hart erarbeitet

Auf der Bühne sieht das alles leicht und locker aus, die Schauspieler reagieren spontan auf oftmals völlig abwegige Einwürfe ihrer Mitspieler. Doch einfach ist diese Spontanität nicht, im Gegenteil. «Es ist harte Arbeit, sich das zu erspielen», sagt Debo Wyss. «Du kannst nicht nach vorn schauen, du kannst nur mitgehen und das aufnehmen, was ist», ergänzt Segginger, «und du darfst keine Rampensau sein, es ist immer ein Miteinander.»

Für ein Jahr probte die Theatergruppe das neue Krimiformat. «Wir mussten das Gerüst eines Impro-Krimis verinnerlichen», sagt Carlo Segginger. Nur dann könne man frei spielen und versteife sich nicht zu sehr auf den Ablauf und den Aufbau des Stücks.

Konflikte überwunden

«Dieser Impro-Krimi hat neuen Zug in die Gruppe gebracht», findet Debo Wyss. Denn natürlich habe in den letzten Jahren nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen geherrscht. Letztlich hätten aber immer die gemeinsamen Interessen über die Konflikte gesiegt: Zusammen etwas aus dem Moment heraus kreieren.

Zum Beispiel an diesem Nachmittag mit den Kindern in der Cappella. Es hat frisch geschneit. Spontan erfinden die Schau­spielerinnen ein Stück zum Schnee mit einem vorwitzigen Hasen, einem ängstlichen Dinosaurier und einer verwirrten Professorin. Und die Kinder hören gar nicht mehr auf zu grölen.

Nächste Auftritte: heute Sa, 6. 1., TAPs Schnudergäng, 14 Uhr, La Cappella; Mi, 10. 1., 20 Uhr, Theatersport, Gaskessel; Di, 16. 1., 20 Uhr, TAP im Dunkeln, Impro-Krimi, La Cappella. Mi, 24. 1., 20 Uhr, Härd­öpfeler, La Cappella. (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.01.2018, 16:55 Uhr

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