Neue Anlaufstelle für Parkinson-Kranke

Langenthal

Aufwertung für die medizinische Versorgung in der Region: Neu gibt es in den Räumen des Spitals ein Zentrum für Parkinsonerkrankungen. Am Donnerstag war die Eröffnungsveranstaltung.

Bringen Spitzenmedizin zu den Leuten (von links): Die Neurologen Adrian Häne und Andreas Baumann vom neuen Parkinsonzentrum sowie Magen-Darm-Spezialist Kaspar Truninger.

Bringen Spitzenmedizin zu den Leuten (von links): Die Neurologen Adrian Häne und Andreas Baumann vom neuen Parkinsonzentrum sowie Magen-Darm-Spezialist Kaspar Truninger.

(Bild: Thomas Peter)

Stefan Aerni

Parkinson ist eine unheimliche Krankheit. Die Betroffenen fangen an zu zittern, verlieren die Mimik, haben Sprechprobleme und können sich immer schlechter bewegen. Viele leiden auch unter Gedächtnisstörungen und Stimmungsschwankungen. Ein Gesicht bekommt die Gruselkrankheit jeweils, wenn sie Prominente trifft – wie etwa den kürzlich verstorbenen Jahrhundertboxer Muhammad Ali oder Filmschauspieler Michael J. Fox.

Obwohl die «Schüttellähmung», wie das neurodegenerative Leiden auch genannt wird, bereits 1817 erstmals vom englischen Arzt und Apotheker James Parkinson beschrieben wurde, gibt es bis heute keine Heilung. Doch zumindest werden die Medikamente und Therapien immer besser. «Es geht darum, den Betroffenen eine möglichst gute Lebensqualität zu verschaffen», sagt der Langenthaler Facharzt Andreas Baumann (45).

Bedürfnis vorhanden

Der FMH-Neurologe, der seit letztem Jahr mit Berufskollege Adrian Häne bereits das Neurozentrum Oberaargau betreibt, weiss, wovon er spricht: Neben vielen Patienten hat er auch seine inzwischen verstorbene Mutter bei der Krankheit begleitet. Das mag mit ein Grund sein, weshalb Baumann in seinem Neurozen­trum – das vor allem Schlaganfalls-, Epilepsie- und Multiple-Sklerose-Patienten betreut – sich jetzt zusätzlich auch um Parkinsonkranke kümmert.

Dass das Bedürfnis vorhanden ist, zeigte die Eröffnungsveranstaltung am Donnerstagabend im Parkhotel Langenthal. Gegen 300 Interessierte, davon ein beträchtlicher Teil selbst von der Krankheit betroffen, kamen, um sich aus erster Hand über Parkinson und die neusten Therapien zu informieren. Für diesen Anlass war es Andreas Baumann gelungen, einen der ausgewiesensten Schweizer Parkinsonspezialisten zu gewinnen: den (nicht mit ihm verwandten) Christian Baumann vom Universitätsspital Zürich.

Dort arbeitet er als leitender Arzt an der Klinik für Neurologie, dazu forscht er an der Universität Zürich mit dem Schwerpunkt Sleep and Health (Schlaf und Gesundheit). Denn zu den frühen Parkinsonsymptomen gehören auch Schlafstörungen. Oft leiden Betroffene an einem unruhigen Schlaf und werden von Albträumen geplagt.

Dazu spielte der Gast aus Zürich ein eindrückliches Video ab: Es zeigte eine schlafende Parkinsonpatientin, die immer wieder aufschreckte und Angstschreie ausstiess. Zwar konnte auch der Zürcher Forscher keine Hoffnung verbreiten, dass die schwere Krankheit bald einmal heilbar sein wird. Aber immerhin werden die Therapien immer besser. Sie können das Fortschreiten der Behinderung verzögern und das Leiden erträglicher machen.

Pumpe bringt Besserung

Zum medizinischen Fortschritt gehört auch die Parkinsonpumpe, in der Fachwelt bekannt als Duodopa-Pumpe: Ein künstlicher Zugang zu Magen und Dünndarm ermöglicht über eine Sonde eine kontinuierliche Medikamentenabgabe und minimiert damit Schwankungen des Krankheitszustands. Dafür ist ein ambulanter Eingriff durch einen Spezialisten nötig.

Das neue Parkinsonzentrum konnte dafür Kaspar Truninger gewinnen, den auch für seine Forschungen bekannten Leiter der Gastroenterologie Oberaargau. Dazu Zentrumschef Andreas Baumann: «Wir bringen Spitzenmedizin zu den Leuten.»

Das begrüsst auch die Parkinson-Selbsthilfegruppe Oberaargau. «Für uns ist das natürlich super», sagt Leiterin Elisabeth Anderegg (Oberbipp). «Bisher mussten wir ins Inselspital nach Bern oder in eine andere spezialisierte Klinik.» Sie selbst ist zwar nicht betroffen, betreute aber ihren parkinsonkranken Mann, bis er vor zwei Jahren 71-jährig verstarb.

Kein Einzelschicksal: Schätzungen zufolge gibt es in der Region Oberaargau aktuell zwischen 600 und 800 Parkinsonkranke. Genauer sagen lässt sich das nicht, da viele Betroffene sich zurückziehen und ihre Krankheit für sich behalten.

Alis Autogramm

An die Eröffnungsveranstaltung vom Donnerstag sind aber auch Leute gekommen, die nicht betroffen sind, sondern sich ganz einfach für die Rätselkrankheit interessieren. Wie jene vitale Seniorin, die in den 1970er-Jahren einmal ein Autogramm von Muhammad Ali hatte ergattern können. «Seither habe ich sein Schicksal stets mitverfolgt.»

Berner Zeitung

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