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Nur die Spitze des Eisberges

Der Fall Harvey Weinstein ist nur einer von vielen: Sexismus und Missbrauch durchdringen den gesamten Alltag in Hollywood.

«Weshalb ziehen wir den Präsidenten nicht zur Rechenschaft?»: Drei weitere Frauen werfen Trump vor, sie belästigt zu haben. (11. Dezember 2017)
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Monica Schipper, AFP
Rückzug: Al Franken (M.) vor seiner Ankündigung im Capitol von Washington. (7. Dezember 2017)
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Getty Images
Aus US-Filmakademie ausgeschlossen: Gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein wird wegen sexueller Übergriffe ermittelt. (Archivbild)
Aus US-Filmakademie ausgeschlossen: Gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein wird wegen sexueller Übergriffe ermittelt. (Archivbild)
Richard Shotwell, Keystone
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Das Sundance Film Festival in Utah war für Harvey Weinstein stets einer der wichtigsten Termine im Jahr. Es ist das Jahrestreffen für Filmemacher, die sich als Indie begreifen, Regisseure mit kleinen, kunstvollen Produktionen, die nicht nach dem grossen Massenmarkt schielen.

Für Weinstein, dessen Karriere als Filmproduzent auf der Entdeckung von Indie-Talenten beruhte, war Sundance schon immer ein ertragreiches Jagdrevier. So auch im Jahr 2015, als er hier den Dokumentarfilm «The Hunting Ground» über die Vergewaltigungsepidemie an amerikanischen Universitäten sah. Weinstein schlug sofort zu und nahm den Film unter seine wohlfinanzierten Marketingfittiche.

Nach aussen hin fortschrittlich

Im Licht der Enthüllungen der vergangenen Woche erscheint die Episode heute bizarr. Die «New York Times» dokumentierte in einer tiefschürfenden Recherche, dass Weinstein seit mehr als 30 Jahren seine Machtposition dazu benutzt, Frauen zu sexuellen Gefälligkeiten zu nötigen.

Nach aussen hin gab sich der New Yorker, der am Sonntag wegen der Vorwürfe vom Vorstand seiner eigenen Firma gefeuert wurde, stets als Förderer der sozialen Gerechtigkeit. Er produzierte Filme wie die Kapitalismuskritik von Michael Moore oder ein Epos über Nelson Mandela.

Beim Western «Jane Got a Gun» und dem Tarantino-Mehrteiler «Kill Bill» gab er Frauen Hauptrollen, die klassischerweise Männern vorbehalten waren. Hinter der Fassade verbarg sich jedoch, wie Weinsteins Anwältin Lisa Bloom verlautbaren liess, «ein Dinosaurier».

Schweigen gegen Geld

Mitarbeiterinnen seiner Firma waren dazu angehalten, ihn täglich ins Bett zu bringen. Zudringlichkeiten am Arbeitsplatz gehörten zum Betriebsalltag. Im Jahr 2015 zeigte ihn ein italie­nisches Model wegen versuchter Vergewaltigung bei der Polizei an. Weinstein brachte sie, ebenso wie zahlreiche andere Frauen, mit einer satten Abfindung zum Schweigen. Die Diskrepanz zwischen Weinsteins liberaler Fassade und seinem privaten Verhalten ist kein Sonderfall.

Hollywood gibt sich stets als Verfechter von Gerechtigkeit und Bürgerrechten, unter dem konservativen Establishment in Washington ist die Branche entsprechend verhasst. Harvey Weinstein war ein grosser Förderer von Obama und Hillary Clinton, Malia Obama war sogar in seiner Firma Praktikantin.

«Wir sollen Nonnen sein»

Der Alltag in der Traumfabrik sieht hingegen weit weniger aufgeklärt aus. So sagte die Filme­macherin Maria Giese gegenüber Bloomberg News, Weinsteins Machtmissbrauch gegenüber Frauen gelte in Hollywood als Norm. «Für junge Frauen ohne Verbindung und Erfahrung gilt noch immer allzu oft, dass der einzige Weg nach vorne in der Branche Sex ist.»

Giese drängte 2015 die Bürgerrechtsvereinigung Aclu zu einer Untersuchung des Sexismus in der Filmbranche. Das Ergebnis war verheerend. So liegt der Anteil an Rollen mit Text für Frauen unter 30 Prozent. Nur 4,2 Prozent der Regisseure sind Frauen, 13 Prozent sind Drehbuchautorinnen und 20 Prozent waren Produzentinnen. «Es ist wie mit der Kirche», sagte Schauspielerin Angelica Houston: «Sie wollen nicht, dass wir Priester werden. Wir sollen unterwürfige Nonnen sein.»

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