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Im Sinne Alfred Nobels?

Schweden-Korrespondent André Anwar zur Verleihung des Wirtschaftsnobelpreises.

Es ist unklar, ob Preisstifter Alfred Nobel die nachträgliche Einrichtung eines Wirtschaftsnobelpreises 1968 gutgeheissen hätte. Denn anders als die übrigen Nobelpreise geht der Wirtschaftspreis nicht auf das Testament des Stifters zurück. Den Wirtschaftspreis stiftete die Schwedische Zentralbank 1968. Der Preis heisst offiziell «Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften».

2001 veröffentlichten vier Nachfahren Nobels einen alten Brief, in dem der Dynamiterfinder und Preisstifter einst schrieb: «Ich habe keine Wirtschaftsausbildung und hasse sie von Herzen.» Die Etablierung des Wirtschaftspreises sei nur ein PR-Coup der einst nicht besonders angesehenen Wirtschaftswissenschaften, kritisierten die Nachfahren Nobels. Man sollte den «falschen Nobelpreis» wieder loswerden. Der Preis gehe an «Reaktionäre», die die Privatisierung und die Entmachtung des Staates zugunsten von Reichen vorantreiben würden, statt an Gesellschaftsverbesserer im Sinne von Alfred Nobel.

Die Verleihung an Milton Friedman 1976 gilt als bekanntestes Beispiel dieser Kritiker. Damals protestierten Studenten lauthals bei der Verleihung. Die Wirtschaftspreisjury entfernte sich aber nach der von ungezügelten Marktkräften verursachten Wirtschaftskrise von 2008 mit den Verleihungen der letzten Jahre vom klassisch liberalen Dogma der völlig freien Marktkräfte, die sich am besten selbst regulieren.

So hatte 2015 überraschend der britisch-amerikanische Wissenschaftler Angus Deaton den Preis «für seine Analyse von Konsum, Armut und Wohlfahrt» erhalten. Im vergangenen Jahr ist auch das kritische Buch mit dem Titel «The Nobel Factor» von Avner Offer erschienen. Er kritisiert vor allem, dass der Wirtschaftspreis im Reigen der Nobelpreise ökonomischen Theorien den Anschein naturwissenschaftlicher Glaubwürdigkeit verleiht. Dabei seien die Wirtschaftswissenschaften bei weitem nicht so exakt. Der Preis habe Ökonomen, vor allem von der angebotsorientierten Seite, geholfen, ihren Ruf zu verbessern, um die Politik seit 1970 stärker zu beeinflussen, hält er fest.

Zudem wird keine Nobelpreiskategorie so sehr durch Vertreter eines einzigen Landes dominiert. Zwar ging der erste Preis 1969 an den Norweger Ragnar Frisch und den Niederländer Jan Tinbergen. Aber seither haben meist Amerikaner den Preis gewonnen: insgesamt 55 der Preisträger, gefolgt von 9 Briten. Der einzige Preisträger aus einem nicht westlichen Land war 1998 der Inder Amartya Sen – und auch er lehrt an der Harvard-Universität.

ausland@bernerzeitung.ch

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