Es brennt nahezu überall

Beim Amerika-Gipfel schmieden die Staats- und Regierungschefs eine Allianz gegen Korruption, dabei sind viele von ihnen selbst in Bestechungsskandale verstrickt.

Die Zahl der am Amerika-Gipfel anwesenden Staatschefs, die in Bestechungsskandale verwickelt sind, war zweistellig.  Foto: Ivan Alvarado (Reuters)

Die Zahl der am Amerika-Gipfel anwesenden Staatschefs, die in Bestechungsskandale verwickelt sind, war zweistellig. Foto: Ivan Alvarado (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Solche Gipfel sind eine schreckliche Zeitverschwendung», schimpfte der venezolanische Präsident Nicolás Maduro. Wenngleich man ihm zugutehalten muss, dass er damit ausnahmsweise etwas sagte, was sich nicht komplett abstreiten lässt, so unterschlägt dieser Satz, dass Maduro schon sehr gerne teilgenommen hätte am Amerika-Gipfel in Peru. Allerdings war er ausgeladen worden. Freiwillig abgesagt hatte der zweite mögliche Protagonist dieses Treffens der Staats- und Regierungschefs des Doppelkontinents, Donald Trump.

Dabei hätte man ihn hier schon gerne begrüsst. Menschen, die südlich des Rio Grande wohnen, sind für den US-Präsidenten bekanntlich «bad hombres». Und er hat oft genug zu verstehen gegeben, dass er es für Zeitverschwendung hält, sich mit ihnen zu unterhalten. Deshalb war es keine allzu grosse Überraschung, als er den Militärschlag in Syrien zum Anlass nahm, sich kurzfristig entschuldigen zu lassen.

Zwei Abwesende symbolisierten also die zentralen Erkenntnisse zum Zustand des Doppelkontinents: Venezuela ist isoliert. Und Nord- und Südamerika entfremden sich immer mehr voneinander.

Maduros Vertreter nannte die Staatschefs «Hunde», die nur darauf gewartet hätten, Trump «die Stiefel zu lecken».

Das steht in krassem Gegensatz zum letzten Gipfel dieser Art vor drei Jahren in Panama. Als es zwischen Barack Obama und dem Kubaner Raúl Castro zu einem historischen Handschlag kam. 2018 wird nun ernsthaft über den Bau einer Mauer zwischen Mexiko und den USA gestritten, über die Kündigung von Freihandelsabkommen sowie über rätselhafte Attacken auf US-Diplomaten in Havanna, die aus einem schlechten Agentenfilm zu stammen scheinen.

Auf dem Niveau der 70er-Jahre

Die Beziehungen zwischen den USA und Kuba sind so eisig wie eh und je. Und die Debatte in Peru spielte sich teils auf dem Niveau der 1970er ab: imperialistische Yankees gegen kriminelle Latinos. Es war eine Stellvertreter-Debatte im wörtlichen Sinn, denn auch der 2015 noch so versöhnlich klingende Raúl Castro hatte seine Reise nach Lima storniert.

Statt Trump und Castro lieferten sich dann der US-Vizepräsident und Kubas Aussenminister einen Schlagabtausch, den ihre Chefs vermutlich nicht giftiger hinbekommen hätten. Aus Venezuela schickte wiederum ein Vertreter Maduros einen Gruss an die Präsidenten Argentiniens, Kolumbiens und Brasiliens. Er nannte sie «unterwürfige Hunde», die sicher traurig über die Absage Trumps seien, weil sie nur darauf gewartet hätten, ihm «die Stiefel zu lecken».

Die Adressaten dieser Tirade führten in Lima eine Gruppe von 16 Staaten an, die ankündigten, die anstehenden Scheinwahlen in Venezuela nicht anzuerkennen. Im Mai will sich Maduro im Amt bestätigen lassen, damit nichts schiefgeht, wurden die populärsten Köpfe der Opposition ausgeschlossen. Der Gipfel hat nun deutlich gezeigt: Abgesehen von Kuba, Bolivien sowie ein paar Karibikinseln steht Venezuela in der Region allein da. Deutlich wurde aber auch die Hilflosigkeit angesichts der humanitären Krise im Maduro-Staat.

Trend zum Rechtspopulismus

Allenfalls am Rand kam zur Sprache, dass es nahezu überall brennt auf dem Halbkontinent. In einem Jahr, in dem rund zwei Drittel der Latinos eine neue Regierung wählen, geht der Trend eindeutig zum Rechtspopulismus. In Brasilien und Mexiko bricht die Gewalt alle Rekorde. In Kolumbien steht der Frieden mit der ehemaligen Farc-Guerilla vor einer Zerreissprobe.

Offizielles Thema des Gipfels war die Korruption. Damit kannten sich die meisten Teilnehmer aus. Die Zahl der anwesenden Staatschefs, die in Bestechungsskandale verwickelt sind, war zweistellig, allen voran der Brasilianer Michel Temer, der ohne sein Amt wohl längst im Gefängnis wäre. Er brachte es fertig zu fordern: «Korruption darf nicht toleriert werden!» Dennoch schwebte über der Szene die unausgesprochene Frage, was dabei herauskommen soll, wenn die Korrupten eine Allianz gegen die Korruption schmieden.

Bezeichnend für das Chaos war auch die Ankündigung des Weissen Hauses, wonach der US-Vizepräsident an einem Bankett teilnehmen werde, zu dem der peruanische Präsident Pedro Pablo Kuczynski eingeladen habe. Dieser Präsident heisst neuerdings aber Martín Vizcarra, Kuczynski war Mitte März im Sturm eines Korruptionsskandals zurück­getreten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.04.2018, 21:57 Uhr

Kommentar: Lateinamerika hat innert weniger Jahre seine Zukunft verspielt

Es ist noch nicht lange her, da schien Lateinamerika ein Beispiel für eine Erneuerung von links zu sein. Mit viel Hoffnung hievten die Wähler Regierungen ins Amt, die gegen den Welttrend soziale Akzente in der Wirtschafts­politik setzten und Transparenz in die Gesellschaft brachten. Das ist Geschichte. Beim Lateinamerikagipfel in Lima gab der Halbkontinent ein desas­tröses Bild ab.

Eigentlich läuft überall alles schief: Im Gastgeberland musste erst vor kurzem der Präsident wegen Korruptionsvorwürfen gehen. Mexiko versinkt mehr denn je in Gewalt. Brasilien scheint nach der Ermordung einer linken Stadträtin in Rio de Janeiro und der Inhaftierung von Ex-Präsident Lula auf dem Weg in eine Art postmoderne Rechtsdiktatur zu sein. Doch nicht nur von rechts droht Gefahr: Venezuela, einst Ausgangsland der Erneuerung, leidet unter einem autoritären System, weshalb Präsident Maduro gar nicht erst nach Lima kommen durfte.

Der Grund, warum Lateinamerika seine Zukunft binnen so weniger Jahre verspielt hat, liegt auf der Hand. Auch der wohlmeinendsten Regierung kann es nicht gelingen, innerhalb von einer oder zwei Wahlperioden die fatale Abhängigkeit von den Rohstoffexporten zu beenden. Diese aber machen korrupte Eliten stark, die nun auch politisch wieder das Ruder übernommen haben. Sie werden es so bald nicht mehr loslassen.

Sebastian Schoepp

Artikel zum Thema

Chemiewaffen-Experten nehmen Proben in Duma

VIDEO Wurde beim Angriff auf Duma tatsächlich Giftgas eingesetzt? Ein internationales Expertenteam hat Untersuchungen vor Ort aufgenommen. Mehr...

«Falls der Gipfel schiefgeht, wäre die Gefahr eines Krieges grösser»

INTERVIEW Die Ankündigung des Treffens weckt grosse Hoffnungen. Wie berechtigt sind sie? Unser Asienkorrespondent gibt Auskunft. Mehr...

Abo

Die ganze Region. Im Digital-Light Abo.

Die BZ Langenthaler Tagblatt digital im Web oder auf dem Smartphone nutzen. Für nur CHF 17.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Abo

Immer die Region zuerst. Im Digital-Abo.

Die BZ Langenthaler Tagblatt digital im Web oder auf dem Smartphone nutzen. Für nur CHF 17.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Heftiges Wortgefecht: Ein palästinensischer Mann und ein israelischer Soldat geraten aneinander wegen der israelischen Order, eine Schule bei Nablus zu schliessen. (15. Oktober 2018)
(Bild: Mohamad Torokman) Mehr...