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Russland bombardiert Syrien – wer ist im Visier?

Russische Kampfjets greifen in Syrien an, angeblich um den Islamischen Staat zu bekämpfen. Nach US-Quellen gelten die Angriffe allerdings den Rebellen.

Die Militäroffensive hat begonnen: Russische Kampfflugzeuge und Helikopter auf einer Basis bei der syrischen Stadt Latakia. (20. September 2015)
Die Militäroffensive hat begonnen: Russische Kampfflugzeuge und Helikopter auf einer Basis bei der syrischen Stadt Latakia. (20. September 2015)
AFP

Russland hat erstmals Luftangriffe in Syrien geflogen. Das russische Verteidigungsministerium bestätigte die Luftangriffe auf Stellungen der Terrormiliz Islamischer Staat in Syrien. Kampfjets hätten Munitionsdepots und Treibstofflager des IS etwa 200 Kilometer von Damaskus entfernt bombardiert, sagte Generalmajor Igor Konaschenkow vom Verteidigungsministerium in Moskau der Agentur Interfax zufolge. Verteidigungsminister Sergej Schoigu habe enge Verbündete Russlands informiert, sagte er.

Nach US-Informationen hat Russland hingegen auch Gebiete bombardiert, in denen es keine Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat gibt. Dies sagte US-Verteidigungsminister Ashton Carter, nannte aber keine Details. «Wenn man Assad unterstützt und offenbar jeden unter Feuer nimmt, der gegen Assad kämpft, dann nimmt man den ganzen Rest des Landes Syrien unter Feuer», sagte Carter in Washington. «Das entspricht nicht unserer Position. Zumindest einige Teile der Opposition gegen Assad gehören zum politischen Übergang. Deshalb ist der russische Ansatz zum Scheitern verurteilt.»

Offenbar Rebellengebiete angegriffen

Verschiedene internationale Medien berichten ebenfalls, dass die russischen Angriffe in Gebieten geschahen, in denen nicht der IS sondern Rebellen der Free Syrian Army angesiedelt seien. Reuters zitiert ein Kader-Mitglied der FSA, die gegen Präsident Assad kämpft: «Im Gebiet nördlich von Hama gibt es keine Stellung des IS sondern ist vollständig unter der Kontrolle der Free Syrian Army.» Auch Gebiete um die Stadt Homs, die von russischen Bomben getroffen wurden, stehen nach Angaben von Reuters unter der Kontrolle von Rebellengruppen. Der IS operiere hingegen nicht in diesem Gebiet.

Auch aus diplomatischen Kreisen in Paris hiess es, die russischen Luftangriffe hätten sich offenbar nicht gegen die IS-Extremisten gerichtet. Die Region werde von gemässigten Rebellengruppen kontrolliert, sagte auch Samir Naschar, führendes Mitglied des Oppositionsbündnisses Nationale Syrische Koalition. Dessen Vorsitzender Khaled Khudscha erklärte über Twitter, in dem Gebiet gebe es weder Kämpfer des IS noch des Terrornetzwerkes al-Qaida. Das Ziel seien vielmehr «Oppositionsgruppen» gewesen, hiess es aus diplomatischen Kreisen in Paris. Die Angriffe seien daher vor allem eine Unterstützung der Regierung des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad gewesen.

Russland im Kampf gegen den IS willkommen

Deutschland fordert Aufklärung über die Ziele der russischen Luftangriffe in Syrien. Noch gebe es keine verlässlichen Informationen darüber, sagte Aussenminister Frank-Walter Steinmeier am Rande der UN-Vollversammlung in New York. Russland müsse selbst grosses Interesse daran haben, dies rasch zu klären.

Die USA sind nach Worten von Aussenminister John Kerry nicht grundsätzlich gegen ein militärisches Eingreifen Russlands in den Syrien-Konflikt. So lange sich die russischen Luftangriffe gegen die Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) richten, «sind wir bereit, diese Bemühungen zu begrüssen», sagte Kerry bei einer Sitzung des UN-Sicherheitsrats in New York. Allerdings dürfe mit den Angriffen nicht der syrische Machthaber Baschar al-Assad gestützt werden. «Wir haben deutlich gemacht, dass wir ernste Sorgen hätten, sollte Russland Gebiete angreifen, in denen mit dem IS und al-Qaida verbundene Ziele nicht operieren», sagte Kerry. Dies würde Russlands «ernsthafte Absichten» beim Kampf gegen die Jihadisten in Frage stellen.

US-Präsident Barack Obamas Sprecher Josh Earnest erklärte zu den ersten russischen Luftangriffen in Syrien, es sei «zu früh zu sagen, welche Ziele sie anvisiert haben und welche Ziele am Ende getroffen wurden». Kerry sagte, Washington sei bereit zu einer Abstimmung mit dem russischen Militär, um Zwischenfälle zu vermeiden. «Wir haben Russland informiert, dass wir bereit sind, diese Gespräche so schnell wie möglich abzuhalten: diese Woche», sagte der Aussenminister. Die US-Luftangriffe in Syrien würden aber unabhängig von Absprachen mit Moskau weitergeführt. Präsidentensprecher Earnest sagte, dass US-Militärvertreter mit der russischen Seite im Kontakt stünden, «um diese Diskussionen einzurichten».

Russland interveniert auf Bitte von Assad

Erst am Morgen hatte Präsident Wladimir Putin vom russischen Parlament die Erlaubnis für den Militäreinsatz im Ausland bekommen. Nach Angaben des Kremls hatte der syrische Machthaber Baschar al-Assad um russische Militärhilfe gebeten. Den Einsatz von russischen Bodentruppen in Syrien schloss Putin aus.

Russland werde die syrische Armee so lange unterstützen, bis diese ihren Einsatz beendet habe, sagte Putin bei einem Treffen mit Regierungsvertretern. Der Westen fürchtet, dass Assad eine Intervention des Partners Russland zum Kampf gegen die Opposition und die Zivilbevölkerung nutzen könnte. Putin sagte allerdings, er rechne mit Assads «Kompromissbereitschaft» bei der Lösung der Krise. Russland betreibt in der syrischen Hafenstadt Tartus eine Militärbasis. «Der einzige richtige Weg im Kampf gegen den internationalen Terrorismus ist es, vorausschauend zu handeln», sagte Putin. «Kämpfer und Terroristen» müssten in den Gebieten bekämpft und vernichtet werden, die sie bereits erobert hätten, statt «darauf zu warten, dass sie zu uns kommen».

Der russische Präsident Putin (Mitte) mit seinem Verteidigungsminister Sergei Schoigu (links) und dem Generalstabschef der russischen Streitkräfte Waleri Gerassimow. (Bild: Keystone)
Der russische Präsident Putin (Mitte) mit seinem Verteidigungsminister Sergei Schoigu (links) und dem Generalstabschef der russischen Streitkräfte Waleri Gerassimow. (Bild: Keystone)

Unterdessen rief der russische Aussenminister Sergej Lawrow die Weltgemeinschaft zum gemeinsamen Kampf auf. Russland wolle den UNO-Sicherheitsrat in eine Koordination von Angriffen auf die IS-Terrormiliz einbinden, sagte Lawrow während eines Ministertreffens des UNO-Gremiums in New York. Lawrow legte der Agentur Interfax zufolge dem Sicherheitsrat einen Resolutionsentwurf zur Bekämpfung des IS vor. Er hoffe auf eine konstruktive Diskussion und eine breite Unterstützung, sagte er. Zugleich rief Lawrow die gemässigte syrische Opposition und die Führung um Assad zum Dialog auf.

27 Tote

Die Einsätze des US-geführten Bündnisses gingen am Mittwoch aber planmässig weiter, wie der Sprecher der Mission zur Bekämpfung der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) mitteilte. Von Zwischenfällen der beiden Militärs wurde nichts bekannt.

Auch die syrische Luftwaffe setzte ihre Angriffe fort: Wie die oppositionelle Syrische Beobachterstelle für Menschenrechten (SOHR) mitteilte, wurden bei Angriffen in der Provinz Homs mindestens 27 Menschen getötet, darunter sechs Kinder.

AFP/sda/bee

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