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Republikaner bringen Obama immer stärker aus dem Tritt

Barack Obama gerät zusehends in die politische Defensive. Schuld daran ist unter anderem sein Unvermögen, Wirtschaftsthemen zu besetzen.

Die Umstände könnten besser nicht sein: Ein unpopulärer Präsident, steigende Arbeitslosigkeit - und vier Fünftel der Bevölkerung ist der Ansicht, die Nation bewege sich «in die falsche Richtung». Vor diesem Hintergrund müsste ein Sieg des Demokraten Barack Obama bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen Anfang November eigentlich greifbar nahe sein; statt einen soliden Vorsprung zu besitzen, liegt Obama acht Wochen vor dem Urnengang jedoch bestenfalls gleichauf mit dem Republikaner John McCain, weshalb wie bei der Präsidentschaftswahl 2000 neuerlich ein denkbar knappes Ergebnis zum Schaden der Demokraten vorstellbar ist.

Dabei sind die Strategien der beiden Lager in Konturen erkennbar: Wie auf einem Schachbrett kontern sie die Züge des Gegners, doch aufgrund des vertrackten amerikanischen Wahlsystems reicht zum Sieg eben nicht eine Mehrheit der Wählerstimmen, sondern bedarf es der Mehrheit der Wahlmänner. Wie in einem gigantischen Puzzle fügen Obamas und McCains Stäbe deshalb amerikanische Landkarten zusammen, auf denen sie Bundesstaat um Bundesstaat addieren, bis die magische Zahl von 270 Wahlmännerstimmen erreicht wird. Je nach Bevölkerungszahl verfügt jeder Staat über eine Anzahl von Wahlmännerstimmen, wobei viele Staaten - etwa das verlässlich demokratische Kalifornien oder das unweigerlich republikanische Alabama - kampflos dem Gegner überlassen werden.

Demokraten mit vielen Neuwählern

Kaum wird Senator McCain Geld verschwenden in liberalen Hochburgen wie Maryland oder Massachusetts; sein demokratischer Kontrahent wird sich andererseits hüten, massiv TV-Werbung in Kansas oder in Texas zu schalten: Es wäre zum Fenster hinausgeworfenes Geld. Kern der Obama-Strategie ist es, jene Staaten zu halten, die Senator John Kerry 2004 gewann und neue hinzuzugewinnen. Virginia, Iowa, New Mexico, Montana und Nevada bieten Obama die Chance, auf republikanischem Terrain zu wildern, während McCains beste Chancen in Michigan, New Hampshire und Pennsylvania liegen, die 2004 für den demokratischen Kandidaten stimmten.

Auf dem Papier geniessen die Demokraten den Vorteil, dass sie seit den Kongresswahlen 2006 und besonders im Zuge des spannenden Vorwahlkampfs zwischen Hillary Clinton und Obama eine Rekordzahl von Neuwählern registriert haben und sich 42 Millionen Amerikaner als Demokraten, nur 31 Millionen aber als Republikaner bezeichnen. In 28 Staaten nahm die Zahl demokratischer Wähler seit 2006 um mehr als zwei Millionen zu, indes die Republikaner in diesen Staaten 344'000 Wähler verloren. Diese Defizite zwingen den republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain einmal mehr in die politische Mitte, wo er um parteilose Wechselwähler buhlen wird.

Die Kür der stramm konservativen Sarah Palin zur Vizepräsidentschaftskandidatin sicherte McCain nicht nur den Enthusiasmus der republikanischen Parteibasis, sie erlaubt ihm zudem, sich als moderaten Aussenseiter zu präsentieren. Der Terminkalender der Gouverneurin aus Alaska wird zeigen, dass sie die Basis, darunter evangelikale und fundamentalistische Christen, Abtreibungsgegner und Schusswaffenbesitzer animieren soll; zu diesem Zweck wird Palin dort auftreten, wo McCain keine Begeisterung auslöst.

Republikaner «zeichnen» Obama

Damit folgt der republikanische Kandidat dem Rat von George W. Bushs legendärem Strategen Karl Rove, behält sich jedoch vor, jenseits der republikanischen Basis auf Stimmenfang zu gehen - wenngleich Palins Wahl eine Aufwärmung des Kulturkampfes garantiert, der die amerikanische Politik seit dem Einzug Ronald Reagans ins Weisse Haus 1980 dominiert hat: Neuerlich werden die Republikaner versuchen, mit Themen wie Abtreibung, Schwulenehe, weltläufige Eliten versus bodenständige Bürger, Schusswaffen und Patriotismus Keile in den Diskurs zu treiben, um Teile der Wählerschaft den Demokraten zu entfremden. Angesichts der wirtschaftlichen Ängste vieler Amerikaner sollte eigentlich erwartet werden, dass Obama diesen Diskurs bestimmt, indem er ökonomische Themen aggressiv aufgreift und als demokratische Ur-Themen besetzt.

Seltsamerweise aber hat es der Demokrat bisher nicht vermocht, eine kohärente Strategie zu formen, in deren Zentrum die wirtschaftlichen Sorgen der Bürger stehen. Schlimmer noch: Nahezu widerstandslos sah die Obama-Truppe zu, wie ihre republikanischen Gegner Obama den gesamten August über als elitären Intellektuellen und Popstar zeichneten - und damit den Wählern einflüsterten, der Demokrat sei «keiner von uns», sondern auf eine diffuse Art «unamerikanisch». Aufgegriffen wurde dieses Thema beim republikanischen Parteitag in Minneapolis, wo New Yorks ehemaliger Bürgermeister Rudy Giuliani oder der frühere Senator Fred Thompson den demokratischen Kandidaten bezichtigten, kein Verständnis für das «wirkliche» Amerika zu besitzen.

Dass der republikanische Senator James Inhofe aus Oklahoma bei einem Frühstück am Rande des Parteitags behauptete, man müsse sich fragen, ob Obama «dieses Land wirklich liebt», rundete die scharfen Attacken ab, die beim Wähler Zweifel an der Authentizität Obamas wecken sollen. Gekleidet sind diese Attacken zuweilen in eine Codesprache, die unterschwellig den Rassenvorurteilen mancher Wähler Rechnung trägt. «Stossen wir die Tür doch ein wenig auf und lassen den Elefanten ins Zimmer: Ein Hauptgrund, warum sich Barack Obama in einem derart harten Rennen befindet, ist die Tatsache, dass er schwarz ist», schreibt der Kommentator Dick Polman im «Philadelphia Inquirer».

Die «unterirdische» Rassenfrage

Die Rassenfrage sei «ein unterirdisches Thema» in diesem Wahlkampf, erkannte Ex-Präsident Jimmy Carter beim demokratischen Parteitag in Denver, Funktionäre der verlässlich demokratischen Auto-Gewerkschaft im Staat Michigan aber berichten, dass nichts daran «unterirdisch» sei: «Wir alle haben bis zu einem gewissen Mass Probleme mit weissen Arbeitern, die Obama wegen seiner Hautfarbe nicht wählen wollen», wird einer der Gewerkschafter zitiert. Während junge Weisse und solche mit College-Abschluss dem demokratischen Kandidaten zulaufen, wenden sich ältere Weisse und Bürger ohne Universitäts- oder gar Highschool-Abschluss ab. Sie sagten, sie hätten «kulturelle Probleme mit Obama, aber es ist unmöglich, Kultur von Rasse zu trennen», bewertet Bill Clintons ehemalige Pressesprecherin Dee Dee Myers das Handicap des demokratischen Kandidaten.

Und womöglich zeigen die derzeitigen Umfragen nicht einmal das wahre Ausmass dieses Problems an, da manche weisse Wähler den Demoskopen wohl kaum ihre Rassenvorurteile eingestehen und dem demokratischen Kandidaten erst in der Abgeschiedenheit der Wahlkabine einen Korb erteilen werden. Durchaus vorstellbar wäre, dass Obama 48 Stunden vor dem Wahltag in sämtlichen Erhebungen führt und dennoch verliert. Noch bleiben zwei Monate bis zum Urnengang, aber mit Sorge registrieren demokratische Strategen, dass ihr Kandidat reagiert, anstatt den Ton des Wahlkampfs zu bestimmen.

Das in den vergangenen Wochen glänzend aufgelegte Team McCains um den Chefstrategen Steve Schmidt hat Obama und dessen Strategen David Axelrod in die Defensive gedrängt und mit der Salbung Sarah Palins zur Vizepräsidentschaftskandidatin noch stärker aus dem Tritt gebracht. Wenn es dem demokratischen Lager nicht gelingt, das Selbstporträt McCains als eines über den Parteien stehenden Reformers zu widerlegen und den Senator aus Arizona statt dessen klipp und klar als Erben George W. Bushs zu definieren, werden Obamas Chancen in den kommenden Wochen schwinden. Denn für viele amerikanische Wähler steht fest, dass John McCain «einer von uns ist», Barack Obama hingegen der Fremde.

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