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Vom Kaufmann zum Peshmerga-Oberst im Irak

Sie tauschen ihr modernes Leben mit der Front im Nordirak: Kurdische Peshmerga-Kämpfer aus Europa kämpfen in Nahost gegen die Jihadisten. Unter ihnen ist auch der 49-jährige Karwan Baban.

Europäische Kurden reisen in den Irak und nach Syrien, um ihre «Heimat» zu verteidigen: Peshmerga im Ausbildungslager vor dem Einsatz an der Front. (22. September 2014)
Europäische Kurden reisen in den Irak und nach Syrien, um ihre «Heimat» zu verteidigen: Peshmerga im Ausbildungslager vor dem Einsatz an der Front. (22. September 2014)
Ahmed Jadallah, Reuters
«Sie sind alle bereit, hierherzukommen»: Kurdische Peshmerga-Kämpfer marschieren während einer Übungseinheit im Nordirak. (22. September  2014)
«Sie sind alle bereit, hierherzukommen»: Kurdische Peshmerga-Kämpfer marschieren während einer Übungseinheit im Nordirak. (22. September 2014)
Ahmed Jadallah, Reuters
Eine Mutter verabschiedet sich in Tikrit von ihrem Sohn, der sich als Freiwilliger für die Peshmerga-Miliz gemeldet hat. (31. August 2014)
Eine Mutter verabschiedet sich in Tikrit von ihrem Sohn, der sich als Freiwilliger für die Peshmerga-Miliz gemeldet hat. (31. August 2014)
Youssef Boudlal, Reuters
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Drei Monate ist es her, da war Karwan Baban noch Import-Export-Kaufmann in Deutschland. Dann setzte er sich in sein Auto und fuhr los in Richtung der Kurdengebiete im Nordirak. Dort kämpft er nun an vorderster Front gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS).

Nach einer fünftägigen Tour durch Österreich, über den Balkan und die Türkei kam Baban schliesslich dort an, wo er geboren wurde - und wo die Einheimischen derzeit verzweifelt gegen die vorrückenden IS-Dschihadisten kämpfen. Er zog die Uniform der kurdischen Peshmerga-Einheiten an. Und aus «Herrn Baban», dem Import-Export-Manager aus Düsseldorf, wurde «Oberst Baban» mit der Waffe in der Hand.

Kein Einzelfall

«Ich habe Deutschland vor drei Monaten verlassen, mein Haus, meine Familie», erzählt Baban und zeigt seinen deutschen Personalausweis. «Ich bin in mein Auto gestiegen und hierher gefahren, um gegen den IS zu kämpfen.» Damit ist der seit zehn Jahren in Düsseldorf lebende Kurde kein Einzelfall.

Offiziellen EU-Schätzungen zufolge schlossen sich bislang rund 3000 Europäer den IS-Kämpfern an, die Anfang Juni eine Offensive im Irak starteten und inzwischen mehrere Regionen in dem Land und in Syrien kontrollieren. Gleichzeitig aber strömten auch dutzende in Europa lebende Kurden in das Gebiet, um sich dem IS entgegenzustellen und ihre «Heimat» zu verteidigen.

Schon gegen Saddam Hussein gekämpft

Für Baban ist es nicht das erste Mal, dass er sich den Perschmerga anschliesst - er kämpfte bereits gegen die Truppen des ehemaligen Diktators Saddam Hussein. Nun hat der 49-Jährige erneut zu den Waffen gegriffen, er begreift dies als Selbstverständlichkeit. «In Düsseldorf gibt es viele Kurden - und sie sind alle bereit, hierher zu kommen.»

Baban befehligt im Kampfgebiet 1500 Peshmerga. Rund 20 von ihnen sind erst kürzlich aus Europa gekommen, sie tauschten ihr modernes Leben in Grossstädten wie Berlin oder Rom mit der Front im Nordirak. Einer von ihnen ist der 32-jährige Harem, er kam kurz nach Beginn der IS-Offensive aus Amsterdam. Bei den Kämpfen mit den Dschihadisten ist er bereits verletzt worden, eine tiefe Narbe verläuft über seine Wange.

Für immer ein Peshmerga

Auch Harems Bruder Asa lebte bis vor kurzem in den Niederlanden. Er wollte Erzieher werden und war mitten im Studium, als die IS-Offensive im Irak begann. Anfang August traf der 24-Jährige in den Kurdengebieten ein, bis dahin hatte er noch nie eine Waffe in der Hand. Er bekam ein Gewehr und zwei Tage Training, dann ging es an die Front. Und inzwischen ist Asa überzeugt: «Ich werde hier bleiben - und für immer ein Peshmerga bleiben.»

Dabei ist sich der 24-Jährige bewusst, dass er vielleicht gegen frühere Freunde kämpfen muss, mit denen er in den Niederlanden Fussball gespielt hat. Er habe erlebt, wie sich einige seiner Kollegen radikalisiert hätten und immer mehr den Ideen des IS verfallen seien, berichtet Asa und spricht von einer regelrechten «Gehirnwäsche».

Inzwischen kämpften die früheren Freunde für den IS - ebenso unerfahren wie er selbst. «Weil ich weiss, was für Leute dort kämpfen, habe ich keine Angst vor ihnen», sagt der 24-Jährige. «Ich bin eigentlich wie sie, nur stehe ich auf der anderen Seite.»

SDA/thu

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