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Salam aleikum, Weihnachtsmann

Im Nahen Osten freuen sich die meisten Menschen über die festliche Symbolik aus dem christlichen Westen. Manchen aber dient sie als politisches Bekenntnis.

Ein Selfie mit dem Weihnachtsmann in der heiligen schiitischen Stadt Najaf: Im Irak ist Weihnachten seit 2018 sogar ein offizieller Feiertag. Foto: Haidar Hamdani (AFP)
Ein Selfie mit dem Weihnachtsmann in der heiligen schiitischen Stadt Najaf: Im Irak ist Weihnachten seit 2018 sogar ein offizieller Feiertag. Foto: Haidar Hamdani (AFP)

Schrill und bunt, grell ­glitzernde Tannenbäume in Dubai am Persischen Golf? Kein Problem. Lichterketten vor Istanbuler ­Läden und Nikoläuse in roten Kutten in den Shoppingmalls von Beirut? Selbstverständlich. In Kairo schlängeln sich Strassenverkäufer durch den Dauerstau und halten den Autofahrern blinkende Zipfelmützen vors Fenster, ganz egal, ob es wohl Kopten oder Muslime sind. Und sie finden Abnehmer, auch ganz egal, ob Christ oder Muslim. Am ­Roten Meer in Jordanien bekommen Kamele rote Weihnachtsmützen übergestülpt, genauso wie rund um die Pyramiden von Gizeh, um Touristen mitten im Wüstensand auf winterliches Weihnachten einzustimmen. Sogar im ultrakonservativen Königreich Saudi­arabien herrscht so etwas wie vorweihnachtliche Stimmung: Im «Winter Wonderland» in Riad können die Besucher eislaufen, Palmen tragen Lichterketten.

Die meisten grossen Städte im muslimisch geprägten Nahen Osten erscheinen in diesem ­Dezember in festlich geschmücktem Glanz. Längst hat Weihnachten, das populärste christliche Fest, Einzug in die islamische Welt gehalten. Im Nahen Osten und in der Türkei sind Christen zwar nur eine kleine Minderheit. Dennoch wird auch hier gefeiert – in grossem Stil und und eben nicht nur von Christen.

Im Irak ist das christliche Fest der Feste nach der Schreckensherrschaft der Terrormiliz IS in Falluja und Ramadi im Westen und Mosul im Norden des Landes seit 2018 sogar offizieller Feiertag. In diesem Jahr wird es auch während der Proteste gegen die Regierung, bei denen nahezu täglich Menschen sterben, nicht vergessen. Weihnachten wird ­dabei zu einem politischen Statement: Demonstranten im südirakischen Basra schmückten einen immergrünen Plastiktannenbaum mit leeren Tränengaskanistern und Patronenhülsen und den Fotos der bei Kundgebungen ­getöteten Regierungskritiker.

Zauber unter Palmen

Die Politisierung des Festes ist ­indes die grosse Ausnahme. Im benachbarten Jordanien lockt in der Hauptstadt Amman ein Weihnachtsmarkt. Die Besucher zahlen Eintritt, um unter Palmen ein wenig «magischen Weihnachtszauber» zu verspüren, wie die Veranstalter versprechen. Zur ­Eröffnung seilte sich ein Nikolaus aus dem Himmel herab, es regnete Kunstschnee, und ein riesiger Tannenbaum erstrahlte in blauem LED-Licht. Nur sechs Prozent der Jordanier sind Christen.

Obwohl die Mehrheit der Araber Muslime sind, klagte in der arabischen Welt angesichts der glitzernden Weihnachtsbäume kaum jemand über einen solchen Trend, sagt der Soziologieprofessor Amro Ali von der American University in Kairo. Nur selten würden wenig beachtete Prediger vor einer Verwestlichung der muslimischen Welt warnen. Ali kennt sich in beiden Welten aus. Er ist in Australien aufgewachsen, hat dort studiert. Seit einigen Jahren lebt er im ägyptischen Alexandria, im Heimatland seiner Eltern. In dieser Zeit ­hätten dort die Weihnachtsfeierlichkeiten «ungeahnte Dimensionen» angenommen.

Obwohl orthodoxe Christen, wie die Kopten in Ägypten, Weihnachten erst am 6. und 7. Januar feiern, ist schon Anfang Dezember alles dekoriert. Er sieht dies als «Teil eines Globalisierungsprozesses», jenseits jeglicher ­religiöser Botschaft. Auch der ­Valentinstag wird mittlerweile in muslimischen Ländern gefeiert, mit Luftballons in Herzform und Rosengirlanden in den Schaufenstern. In den oft autokratisch geführten Ländern sei den Regierungen diese Kommerzialisierung nur recht. Sie sähen die Bürger lieber als Konsumenten statt als Aktivisten: «Wenn sie shoppen, machen sie keine Probleme», sagt Ali. Das Einkaufszentrum gilt als «safe place», als sicherer Ort, dort würden keine politischen Vereinigungen gegründet, nur Geldbeutel geleert. Man stellt sich vor den Weihnachtsbaum, macht Fotos für die Instagram-Freunde und wünscht «Merry Christmas». Ali sagt: «In bestimmten Schichten gehört es dazu, sich möglichst weltoffen und mehrsprachig zu zeigen.»

Die Lust am Lichterglanz hat etwas Unwiderstehliches, und kommerziell lohnt es sich auch.

In der Türkei kennt man das schon länger. Erst schmückten vor allem Kemalisten, die auf den säkularen Charakter der Republik Wert legen, ihre Häuser mit Tannenbäumen. Sie wollten damit zeigen, wie westlich sie sind. Die strikt säkulare Zeitung «Cumhuriyet» berief sich dieses Jahr dazu noch auf «die alte türkische Tradition», Bäume «mit Stoffstreifen» zu schmücken. Bäume seien schliesslich schon Nomadenvölkern heilig gewesen. In schamanischen Vorstellungen reichen die Äste in den Himmel und die Wurzeln hinab in die Unterwelt. Wunschbäume mit Stoffstücken, die man an die Zweige bindet, sind in der Tat rund ums Mittelmeer verbreitet.

Selbst ernannte Internetprediger erklären den religiösen Türken regelmässig, dass es «haram», also sündig sei, christliche Feste mitzufeiern. Aber die Lust am Lichterglanz hat etwas Unwiderstehliches, und kommerziell lohnt es sich eben auch. In türkischen Grossstädten werden daher mittlerweile viele Läden und Restaurants mit grünen Plastikchristbäumen – meist made in China – dekoriert. «Unsere Kunden mögen das», sagt eine Mode­verkäuferin auf der Istanbuler Einkaufsstrasse Istiklal, «wir nennen ihn Neujahrsbaum.» Für Silvester werden dann auch Geschenke gekauft. Vor einer Apotheke tanzt ein Nikolausroboter. In der Türkei verweist man sogar mit Stolz darauf, dass der Geburtsort des Heiligen Nikolaus, des Bischofs von Myra, in Kleinasien lag, also in der heutigen Türkei. «Noel Baba» heisst er hier. Das ist aus dem Französischen entlehnt, mit Weihnachten verbinden es viele gar nicht.

Wenn Gabriele Pace, evangelische Pfarrerin in Istanbul, von ihren Nachbarn gefragt wird, ­warum sie derzeit so viel zu tun habe, dann sagt sie: «Ja, wegen Weihnachten.» Und merkt, dass nicht alle damit etwas anfangen können, trotz der festlich geschmückten Einkaufsstrassen. Pace aber freut sich über den Lichterglanz. Ihre Kirche, das weiss die Pfarrerin, wird am Heiligen Abend voller sein als sonst.

Frust und Kommerz

Der Soziologe Amro Ali sagt, die Teilhabe an einem globalen Event wie Weihnachten gebe Menschen im Nahen Osten das Gefühl, dazuzugehören zu einer Welt, an der sie sonst kaum Anteil hätten. Die meisten Araber können nicht mal eben ins Flugzeug steigen, um sich den Weihnachtszauber in New York anzusehen. Selbst wenn sie das Geld dazu hätten, bekommen sie oft kein Visum für westliche Staaten. Das könne vor ­allem in der jungen Generation zu Frust führen, und bei manchen gar zu Selbsthass. «Diese Gefühle sind ein Überbleibsel der Kolonialisierung. Viele Araber fühlen sich abgehängt und übernehmen auch deshalb Symbole, die sie mit Fortschritt assoziieren.»

Auf Weihnachten folgt Silvester. Im ausgehenden Osmanischen Reich wurde 1917 der Jahresbeginn per Gesetz auf den 1.Januar gelegt, vorher gab es andere Zeitrechnungen. Aber auch Neujahrsfeiern gelten strengen Muslimen bis heute als «heidnisch». Bars in Istanbul laden zwar zu Silvesterpartys, in sozialen Medien wird darüber aber alle Jahre wieder gestritten.

Doch auch zu Silvester diktiert der Kommerz den Wandel: Sogar in Saudiarabien sind für den ­Jahresbeginn 2020 grosse Feierlichkeiten geplant – ein Novum für ein Land, in dem sich die Feiertage nach dem islamischen Mondkalender richten.

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