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Rebellen verschmelzen mit lokaler Bevölkerung

Mit einer gezielten Guerillataktik halten die Rebellen in Mali die französischen Truppen auf Distanz. Dennoch ist es diesen nun offenbar gelungen, die Islamisten aus Timbuktu zu vertreiben.

Sie müssen die Islamisten unter den Bewohnern suchen: Französische Soldaten in Diabaly. (21. Januar 2013)
Sie müssen die Islamisten unter den Bewohnern suchen: Französische Soldaten in Diabaly. (21. Januar 2013)
AFP

Tagelang lebte er unter den Bewohnern der malischen Kleinstadt Diabaly, ass Nudeln und las den Koran: Der gefürchtete Islamisten-Chef Abou Zaid. Zusammen mit Hunderten anderen Kämpfern war er laut Augenzeugen vor wenigen Tagen in die strategisch wichtige Kleinstadt im Landesinnern mit ihren rund 35'000 Einwohnern eingerückt. Die Extremisten mischten sich dort unter die übrigen Bewohner, was der französischen Armee die Angriffe erschwerte.

«Wenn die Menschen auf den Strassen sind, sind sie ebenfalls draussen, wenn alle in ihren Häusern sind, sind sie auch dort», erklärt der Einwohner Gaoussou Kone die Strategie der Rebellen in Diabaly. «Einzig, dass sie sich in unseren Häuser versteckten, hat die französischen Soldaten davon abgehalten, diese Menschen vollständig auszulöschen», ergänzt Kone, der quasi als Nachbar von Abou Zaid im selben Stadtviertel wohnte.

Tod von Zivilisten vermeiden

Die Islamisten sind nicht nur ortskundig, sie haben auch verstanden, dass ausländische Truppen es sich nicht leisten könnten, willkürlich zu schiessen und dabei Zivilisten zu töten. Auf diese Weise können wenige Kämpfer alleine eine ganze internationale Truppe mit Hunderten Soldaten, Hubschraubern und Kampfflugzeugen auf Distanz halten. «Die Franzosen haben alles getan, um den Tod von Zivilisten zu vermeiden», sagt Kone. Deshalb dauerte es auch tagelang, bis die französische Armee Diabaly zurückeroberte.

Dieselbe Taktik wie in Mali hat auch Al-Qaida in Afghanistan erprobt. Eine neue Generation von Jihad-Kämpfern perfektioniert sie nun mithilfe der Veteranen des Terrornetzwerkes in dem westafrikanischen Land. «Unter ihnen sind erfahrene Al-Qaida-Kämpfer, die bereits im Irak und in Afghanistan im Einsatz waren – und die nun ausbilden», sagt der ehemalige Afrika-Leiter der Terrorabwehr im US-Verteidigungsministerium, Rudolph Atallah.

Doch die Rebellen verschmolzen in Diabaly nicht nur mit der örtlichen Bevölkerung, sie versuchten auch, die Herzen der Einheimischen zu gewinnen. «Sie verteilten Bonbons und Geschenke für die Kinder und sagten uns, wir hätten nichts zu befürchten», erzählt der Lehrer Hamidou Sissouma. Respektvoll seien sie von den Islamisten behandelt worden, berichten andere Bewohner. Die Aufständischen hätten sogar Geld angeboten für Miete und Wasser. Im deutschen Fernsehen waren dagegen leergeräumte Apotheken zu sehen, geplündert von den vermeintlichen Wohltätern.

Anführer gilt als radikalster Al-Qaida-Chef Nordafrikas

Abou Zaid, der hinter der Entführung mehrerer Europäer in den vergangenen Jahren stehen soll, wurde von seinen Leuten in Diabaly mit grosser Ehrerbietung angesprochen. Der Anführer, den US-Experten als «gewaltätigsten und radikalsten» Al-Qaida-Chef im Maghreb bezeichnen, war laut Augenzeugen stets von fünf Leibwächtern umgeben. Seine Gefolgsleute hatten für ihn Nudeln und Milchpulver aus seiner algerischen Heimat dabei, von denen nur noch die Packungen in seinem Schlafzimmer geblieben sind.

Ansonsten liessen die Islamisten vor ihrem Rückzug in mit Büschen getarnten Fahrzeugen einen Laptop zurück. Darauf ist eine Liste mit Waffen zu finden, von Kalaschnikows chinesischer Bauart bis hin zu ballistischen Geschossen. Mitgenommen haben die Kämpfer dagegen einen Decoder für französisches Fernsehen – sie wollen ja wissen, was der Feind über ihre Taktik sagt.

Französische Armee beschiesst Islamisten nahe Gao

Derweil rücken die Franzosen weiter vor: Französische Kampfflugzeuge haben in Mali nach übereinstimmenden Angaben Stellungen der Islamisten nahe der Stadt Gao beschossen. In der Nacht auf heute habe es «sehr präzise» Luftangriffe auf Ansongo, etwa 80 Kilometer südlich von Gao, gegeben, sagte ein Mitglied der malischen Armee der Nachrichtenagentur AFP. Die Angriffe seien erfolgreich gewesen. Auch Stellungen der Islamisten im fünf Kilometer entfernten Dorf Seyna Sonrai seien zerstört worden.

Die Angaben wurde aus Sicherheitskreisen im benachbarten Niger bestätigt. Die beiden wichtigsten Stellungen der Islamisten in Ansongo seien von der französischen Luftwaffe zerstört worden, hiess es unter Berufung auf Reisende. Ansongo liegt etwa 100 Kilometer von der Grenze zu Niger entfernt.

Von dem Land aus sollen afrikanische Soldaten eine neue Angriffslinie gegen die Islamisten in Mali eröffnen. 2000 Soldaten aus dem Tschad und 500 aus Niger sind deswegen auf dem Weg in die Stadt Ouallam nahe der malischen Grenze.

Auch aus Timbuktu seien die islamistischen Rebellen wegen der Angriffe geflohen. Timbuktu gleiche einer Geisterstadt, mit den Islamisten hätten auch viele Einwohner die berühmte Stadt verlassen. Das sagte ein Vertreter der Stadtverwaltung, Moctar Ould Kery, heute der Nachrichtenagentur AFP. Ein Einwohner bestätigte seinen Bericht; «seit drei Tagen gibt es schon keinen Strom und kein Trinkwasser», sagte er.

Nach Angaben eines Sicherheitsvertreters versuchen die Islamisten, sich «in der Region von Kidal» im äussersten Nordosten des Landes neu zu ordnen.

Die Islamisten, die seit April einen Teil von Malis Norden kontrollieren, waren vor zwei Wochen überraschend Richtung Süden vorgerückt. Um einen weiteren Vormarsch zu stoppen, hatte Frankreich am 11. Januar militärisch eingegriffen. Inzwischen gelang es malischen und französischen Truppen, mehrere Städte im Zentrum des Landes zurückzuerobern.

Malische Soldaten: Menschenrechtsverletzungen

Zudem werden massive Vorwürfe gegen malische Regierungssoldaten laut: Sie werden schwerer Menschenrechtsverletzungen beschuldigt. Auf ihrem von französischen Truppen unterstützten Vormarsch hätten sie in Sévaré, Mopti, Niono und anderen Orten zahlreiche Verdächtige umgebracht, berichtete die Internationale Vereinigung der Menschenrechtsligen FIDH. Die Organisation forderte eine unabhängige Untersuchung der Vorfälle.

Frankreichs Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian rief die malische Armee zu «extremer» Wachsamkeit auf. «Die Ehre steht auf dem Spiel», sagte der Minister. Er sprach von einem «Risiko», ohne aber die Vorwürfe zu bestätigen. Die Tuareg, die auch zu Opfern der Kriegshandlungen geworden sind, seien «unsere Freunde», betonte der Minister.

FIDH berichtete, die Opfer seien der Unterstützung der Islamisten verdächtigt worden, im Besitz von Waffen gewesen oder sie hätten sich nicht ausweisen können. Bei manchen habe es genügt, dass sie einer verdächtigen Volksgruppe aus dem Norden wie den Tuareg oder Arabern angehörten.

Die EU zeigte sich besorgt über Berichte von den Menschenrechtsverstössen durch malische Soldaten, wie die für humanitäre Hilfe zuständige EU-Kommissarin Kristalina Georgieva in Ouagadougou sagte.

Abspaltung von Ansar Dine

Eine verhandlungsbereite Gruppe sagte sich heute von der islamistischen Tuareg-Organisation Ansar Dine los und gründete eine eigene Organisation namens Islamische Bewegung von Azawad (MIA). Er sei zu Gesprächen mit der Regierung bereit und für eine Verhandlungslösung offen, sagte MIA-Chef Alghabass Ag Intallah, der bisher einer der Anführer der Ansar Dine war. Diese hatte im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem nordafrikanischen Al-Kaida-Ableger AQMI und der AQMI-Abspaltung Bewegung für die Einheit und den Jihad in Westafrika (MUJAO) einen Teil des Nordens unter ihre Kontrolle gebracht hatte.

Die säkulare Tuareg-Organisation Nationale Bewegung zur Befreiung von Azawad (MNLA), die eine Autonomie im Norden Malis anstrebt, hatte von Ansar Dine als Bedingungen für Verhandlungen verlangt, sich von AQMI und MUJAO zu distanzieren und auf die Forderung nach Einführung der Scharia zu verzichten, wie der MNLA-Vertreter Moussa Ag Acharatoumane der Nachrichtenagentur sda sagte.

Das sind auch die Bedingungen der Vermittlerstaaten für eine politische Lösung für den Norden Malis, darunter die Schweiz, Algerien und Burkina Faso. Die MNLA ist bereit, Frankreich bei der Bekämpfung der terroristischen Gruppen zu unterstützen, wenn im Gegenzug über die Selbstbestimmung der Tuareg im Norden Malis verhandelt wird.

(dapd)

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