IS-Kämpfer walzen Ruinenstadt Nimrud nieder

Mit schweren Militärfahrzeugen machte sich die Terrormiliz Islamischer Staat daran, die jahrtausendealte Stadt Nimrud südlich von Mosul zu zerstören.

IS-Kämpfer zerstören Wiege der Zivilisation: Archivbilder zeigen die archäologische Stätte Nimrud, ein wertvolles Relikt des assyrischen Reiches.

Die Terrormiliz Islamischer Staat setzt die Vernichtung von Kulturgütern im Irak fort. Mit schweren Militärfahrzeugen hätten die Jihadisten die bekannte Ruinenstätte der antiken Stadt Nimrud dem Erdboden gleichgemacht, teilte die Regierung in Bagdad mit. Über das genaue Ausmass der Schäden gab es zunächst keine weiteren Details. Der Irak und westliche Forscher verurteilten den Kulturvandalismus der IS-Miliz scharf.

Gefolgsleute des IS sehen in antiken Kulturgütern Symbole des Abfalls vom Glauben, die es zu beseitigen gelte. Erst vergangene Woche hatten die Extremisten mit der Zerstörung von altorientalischen Kunstwerken von unschätzbarem Wert weltweit für Entsetzen gesorgt. Auf einem IS-Video war zu sehen, wie sie am Stadtmuseum von Mosul mit Hämmern und Bohrern jahrtausendealte Statuen zerkleinerten.

Experten zeigen sich bereits besorgt, dass die Extremisten weitere archäologische Stätten wie Nimrud oder Hatra angreifen könnten. «Hatra wird sehr sicher die nächste Stätte sein», sagte der irakische Archäologe Abdulamir Hamdani von der Stony Brook Universität in New York. «Ich bin wirklich bestürzt. Aber es war nur eine Frage der Zeit.» Die antike Stadt Hatra liegt hundert Kilometer von Mossul entfernt und gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe.

«Kultureller Genozid»

Nun richtete sich die Zerstörungswut offenbar gegen Nimrud. Der Ort war einst die zweite Hauptstadt Assyriens, einem antiken Königreich, dessen Blütezeit etwa 900 Jahre vor Christus begann. Nimrud wurde 612 vor Christus zerstört. Die Stätte liegt am Fluss Tigris südlich von Mosul, der zweitgrössten Stadt des Irak, welche die IS-Miliz im Juni 2014 einnahm.

Der Schock über die Tat ist gross. «Sie begehen einen kulturellen Genozid», zitierte eine Bagdader Zeitung den irakischen Autor Riad Abdul Karim. «Zuerst haben sie Menschen zerstört und jetzt zerstören sie das menschliche Erbe.» Und Markus Hilgert, Direktor des Vorderasiatischen Museum in Berlin, klagt: «Die Zerstörung von Nimrud ist eine Katastrophe für das Kulturerbe der Menschheit.»

Was dem Krieg entgeht, gerät ins Visier von Plünderern, denn die IS-Terrormiliz finanziert sich nicht zuletzt aus dem Schmuggel von Altertümern. Angesichts der Zerstörung warnt Hilgert: «Wenn nichts getan wird, dann ist das einmalige Kulturerbe im Irak und auch in Syrien in zehn oder 15 Jahren verschwunden.»

Erschütterung über Zerstörung

Der Fund von Kunstschätzen in den Königsgräbern Nimruds gilt als eine der bedeutendsten archäologischen Entdeckungen im 20. Jahrhundert. Vor diesem Hintergrund zeigte sich das irakische Ministerium für Tourismus und Altertümer erschüttert über die Zerstörungen durch die IS-Miliz. Die Gruppe «widersetzt sich weiter dem Willen der Welt und den Gefühlen der Menschheit», erklärte die Behörde.

Die Unesco verurteilte den Vandalismus als Kriegsverbrechen. Unesco-Generaldirektorin Irina Bokowa rief Menschen in aller Welt auf, «das Erbe der gesamten Menschheit» zu schützen. Sie beklagte «kulturelles Chaos». Sie habe sowohl UN-Generalsekretär Ban Ki Moon als auch den Internationalen Strafgerichtshof alarmiert, erklärte die Chefin der UN-Kulturorganisation.

Jack Green, Chefkurator am Orientalischen Institut der Universität von Chicago, wies darauf hin, dass die IS-Miliz zur Finanzierung ihres Krieges oft Artefakte verkauft, die sich forttragen lassen. Die grösseren Kunstwerke und Skulpturen würden an Ort und Stelle zerstört.

Dem Propheten nacheifern

Erst Ende Februar hatten die IS-Jihadisten ein Video veröffentlicht, das die Zerstörung assyrischer Kulturgüter aus der Provinz Ninive zeigt, darunter eine mehr als 2600 Jahre alte Figur.

Bilder, die die Welt bewegen: IS-Milizen wüten in Mosul in einem Museum für Altertumskunst.

Der etwa fünf Minuten lange Film zeigt, wie Islamisten im Museum in der IS-Hochburg Mosul mit grossen Hämmern auf die Stücke einschlagen oder sie umstürzen, sodass sie zu Bruch gehen. Auch mit einem Presslufthammer gehen die Jihadisten auf Statuen los.

Im Video erklärt ein IS-Anhänger, die Statuen hätten Assyrern und anderen Völkern der Vielgötterei gedient. Auch der Prophet Mohammed habe alle Götzenfiguren zerstört, als er nach Mekka gekommen sei. Der IS beruft sich dabei auf eine Interpretation des Islams, die die bildliche Darstellung von Menschen und Gott verbietet.

Armee verstärkt Angriffe auf Tikrit

Im Anschluss auf die Zerstörung der antiken Ruinenstadt Nimrud hat die irakische Armee ihre Offensive auf die von den Extremisten gehaltene Stadt Tikrit verstärkt. Die Regierungstruppen wollten noch heute die Aussenbezirke erreichen, sagte der Gouverneur der Provinz Salahuddin, Raed al-Dschaburi. Er dementierte aber Informationen, dass die irakischen Kräfte bereits den Flughafen von Tikrit erreicht hätten.

Die irakische Armee hatte zusammen mit schiitischen und sunnitischen Kämpfern Anfang der Woche einen Angriff auf Tikrit gestartet. Die Offensive war allerdings steckengeblieben, weil die Terroristen strategisch wichtige Strassen zur Stadt vermint hatten. Der IS hatte die Stadt 130 Kilometer nördlich von Bagdad im Juni eingenommen. Sie hat symbolische Bedeutung als Geburtsstadt des früheren Diktators Saddam Hussein. Zudem gilt sie als strategisch wichtige Station zwischen Bagdad und der Millionenstadt Mossul, die ebenfalls vom IS beherrscht wird.

chk/sda/AP

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